Dienstag, 27. Mai 2008
Beruf: StraßenköterDie Eckkneipe in Prenzlauer Berg ist nur notdürftig beleuchtet, Zigarettendunst und Stimmengewirr erfüllen die Luft. „Mein echter Name gehört nicht in die Zeitung“, sagt er mit rauer Stimme, die selbst gedrehte Zigarette im rechten Mundwinkel wippt. „Das geht nicht, wegen der Kunden.“ Stattdessen möchte er Max Stirner genannt werden, nach dem Philosophen. Er blickt ernst über den Rand seiner schmalen Brille: „In meinem Job ist Diskretion nun mal das Wichtigste.“ Max Stirner ist einer von etwa 3.000 Detektiven in Deutschland. Um seinen Beruf wird er oft beneidet. Sherlock Holmes, Philip Marlowe, Magnum – man weiß ja schon, was ein Detektiv so macht. Die realen Detektive ärgern sich oft über ihre fiktiven Kollegen, hat der mediale Mythos doch nur wenig mit der Realität gemein. Das stundenlange Warten im Auto beispielsweise, das den Alltag vieler Detektive ausmacht, findet auf der Leinwand nicht statt – Max Stirners persönlicher Rekord sind 21 Stunden, mit viel Kaffee.
Wie die meisten seiner Kollegen wechselte Max Stirner erst spät in den Beruf – früher war er Fotograf, dann Polizeireporter. Ganz früher, in der DDR, hat er Religionspädagogik studiert. Als Detektiv hatte er es anfangs alles andere als leicht. Ein Jahr lang hat er nur Kontakte geknüpft, kleine Jobs gemacht. Er schwört auf gute Werbung: „Ohne die Gelben Seiten wäre ich noch heute verloren – wenn du da nicht prominent platziert bist, kannst du’s vergessen.“ Denn die Konkurrenz ist riesig – die Berufsbezeichnung „Detektiv“ ist in Deutschland nicht geschützt, anders als beispielsweise in England und Österreich. „Hier kann sich jeder Detektiv nennen, der einen Gewerbeschein hat“, erklärt Andreas Heim, Geschäftsführer der Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe (ZAD). Gesetzlich geregelte Ausbildungsgänge gibt es nicht, dafür aber Fort- und Weiterbildungen etlicher privater Anbieter – die ZAD ist einer der wenigen, den die Berufsverbände anerkennen. Interessierte müssen für die zwischen 3 und 22 Monaten dauernden Lehrgänge je nach Ausbildungsstätte 3.000 bis 4.000 Euro hinblättern. An der ZAD und an den meisten anderen Instituten sind sie als Fernkurse organisiert, nur zu den Praxisseminaren kommen die Detektivschüler zusammen. Dann stehen Observationstechniken und technische Schulungen auf dem Programm – MacGyver-Tricks oder gar Schießübungen aber nicht. Während der Bundesverband Deutscher Detektive (BDD) neben der ZAD auch noch zwei weitere Ausbildungsinstitute akzeptiert, erkennt der andere große deutsche Berufsverband, der Bund Internationaler Detektive (BID), nur ein ZAD-Zertifikat an – oder fünf Jahre Berufserfahrung. Als er im BID aufgenommen wurde, verfügte Max Stirner weder über das eine noch über das andere. Dafür bestand er auf Anhieb die erforderliche „Fach- und Sachkunde“-Prüfung, die Anwärter mit geringerer Erfahrung absolvieren müssen. Allein zu HauseDie meisten der rund 400 Detekteien in Berlin sind wie die von Max Stirner Ein-Mann-Betriebe. Selbst die größeren Detektivagenturen rekrutieren den Großteil ihrer Mitarbeiter nach Bedarf, auftragsweise. Die meisten Detektive arbeiten von zu Hause, eigene Büroräume können sich die wenigsten leisten. Viele organisieren sich, teilen beispielsweise die Anschaffungskosten für technische Geräte: Fotoapparate, Videokameras, Mikrofone, GPS – vor allem Berufsanfänger können sich eine solche Ausrüstung alleine kaum leisten. Und viele werfen nach einigen Monaten schon wieder das Handtuch, weil das Geschäft einfach nicht genug abwirft. Wer gut ausgebildet ist, hat die besten Voraussetzungen. „Das Wichtigste ist und bleibt die Gültigkeit der Beweise vor Gericht“, sagt Andreas Heim. „Wenn die nicht gegeben ist, nützt die ganze Detektivarbeit nichts“. Die Ausbildung zum Detektiv beinhaltet, zumindest bei der ZAD, deshalb auch Rechtskenntnisse – und Wirtschaft. Denn während früher die meisten Aufträge Eherecht und Scheidung betrafen, verlagert sich seit Lockerung der gesetzlichen Bestimmungen in den 70er Jahren der Fokus mehr und mehr in den wirtschaftlichen Sektor. Wettbewerbsrecht, Markenpiraterie, Computerspionage – die hohe Wirtschaftskriminalität ist ein dankbares Betätigungsfeld. Auch die Überwachung von Angestellten ist kein seltener Fall – wenn auch nicht in solchem Ausmaß wie beim Discounter Lidl. Mancher Arbeitgeber erfährt so, dass sein aufgrund von Rückenschmerzen seit Wochen krank gemeldeter Mitarbeiter zu Hause in seinem Garten Holz hackt. „Mir ist das zu langweilig“, sagt Max Stirner. Er hat keine Lust, Supermarkt-Mitarbeiern hinterher zu schleichen oder Schwarzarbeitern aufzulauern. Er recherchiert gerne „die Sachverhalte zwischen zwei Personen“, wie er das nennt. 70 Prozent seiner Fälle sind Beziehungsgeschichten. „Ein Großteil der Zielpersonen, die ich observieren muss, sind Männer zwischen 40 und 50 Jahren aus der Baubranche mit Geld. Die sind offenbar so gestrickt, dass sie mehr als eine Frau brauchen. Und dann gibt’s Knatsch.“ Manchen Klienten macht er einen Spezialpreis, nimmt dann nicht die bei ihm üblichen 40 Euro netto pro Stunde. Bei der allein stehenden Dame, die von ihrer Familie gemobbt wird, zum Beispiel. Der hilft er, ihren Verwandten „mal ordentlich einen vor den Latz zu knallen“. Anstrengend sind auch diese Jobs. Vom Auto aus Hauseingänge beobachten, warten, den entscheidenden Moment nicht verpassen – als Detektiv verbringt man viele einsame Stunden. „Wer ständig Leute um sich braucht und dieses ganze soziale Piep-piep-piep, wird in meinem Job nicht glücklich“, sagt Max. Manchmal braucht aber auch er Hilfe, dann springt sein Freund Lars ein. Der ist Webdesigner und kümmert sich zum Beispiel um die Internetrecherchen. Max ist lieber draußen: „Ich bin mehr der Straßenköter. Ich muss mit Leuten reden, durch Kneipen streifen, Sekretärinnen becircen, um was rauszukriegen“. Im Notfall muss auch Lars auf die Straße, bei Verfolgungsjagden zum Beispiel. Einmal sind sie von Spandau bis nach Moabit hinter einem Delinquenten her gebrettert, mit zwei Autos. Das sei unauffälliger, weil nicht immer der gleiche Wagen im Rückspiegel zu sehen ist. „Man darf der Zielperson nicht zu nah an der Stoßstange kleben, sie an der Ampel aber auch nicht verlieren. Das ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht“, sagt Max. Lars schon. Und Max sowieso. S Link; www.detektivberuf.deQuelle: Magazin Zitty Berlin, von Eva-Maria Träger 24.05.2008 | 08:00 Uhr URL: http://magazin.zitty.de/9352/spezial-aus--und-weiterbildung-der-detektiv.html
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