Spionage in der westlichen Wirtschaft boomt. Länder wie Russland oder China beauftragen zunehmend ihre besten Profis - die staatlichen Geheimdienste. Russland und China sind heute zwei gewichtige Teilnehmer der weltwirtschaftlichen Arena. Beide Staaten kommen aus einer repressiven politischen Tradition sozialistischer Prägung, und beide haben in relativ kurzer Zeit einen rasanten, kapitalistisch geprägten Aufstieg absolviert. Mit ihren bisherigen Erfolgen wollen sie sich jedoch keineswegs begnügen. Im Gegenteil: Russland als einstige Weltmacht fordert immer vehementer eine geopolitische Führungsrolle ein. Und Chinas erklärtes Ziel ist es, spätestens 2020 den USA sowohl wirtschaftlich als auch militärisch auf Augenhöhe gegenübertreten zu können.
Sowjetische Traditionen
Allerdings sind diese auftrebenden Staaten zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht noch ein ganzes Stück vom Niveau westlicher Länder entfernt - sowohl technologisch, als auch in der Forschung und Produktion. Da trifft es sich gut, dass sie auf einen exzellent ausgebauten Geheimdienstapparat zurückgreifen können. In Russland ist diese sowjetsche Tradition so lebendig wie eh und je - allein demokratischen Zwischenepisoden zum Trotz. Diese staatlichen Nachrichtendienste werden längst nicht mehr gegen organisierte Kriminalität und eigene oppositionelle Gruppen eingesetzt. Seit Jahren konzentrieren sie sich gezielt auf das Ausspionieren ökonomisch relevanter Daten. Die Einsatzländer liegen in Westeuropa und Nordamerika. Besonders häufig im Visier: Deutschland. In seinem am Donnerstag vorgelegten Jahresbericht bescheinigt der deutsche Verfassungsschutz den staatlichen Nachrichtendiensten Russlands und Chinas, ihre "Aufklärung" in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung zu verstärken. Die Wirtschaftsspionage ist einer der Schwerpunkte des Berichts, neben Fragen zum politischen Extremismus und radikalen Islamismus.
Nicht nur Russland und China beteiligen sich an der illegalen Gewinnung von Wirtschaftsdaten. Der Bericht nennt unter anderem auch den Iran, Syrien, Lybien oder Nordkorea. Allerdings liege das Interesse dieser Länder liege vor allem im technischen Know-How, um Kosten für die eigene Forschung sowie Lizenzgebühren zu sparen. Auch Technologien und Kenntnisse zur eigenen Herstellung von Massenvernichtungswaffen seien ein Ziel dieser Staaten.
Auffällige "Hauptträger"
Doch technologisch höher entwickelte Staaten sind offenbar vor allem an Produktideen, komplizierten Fertigungstechniken oder ganzen Unternehmens- und Marktstrategien interessiert. Dazu zählen Russland und China - die "Hauptträger" der Spionageaktivitäten in der Bundesrepublik, so der deutsche Verfassungsschutz. Auch sei auffällig, dass sich Russland im Vergleich zu seinen Spionageaktivitäten in anderen Staaten vor allem auf Deutschland konzentriere. Bei der Vorstellung des Berichts warnte der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble vor der Bedrohung terroristischer Attacken auf öffentliche und privatwirtschaftliche Computernetzwerke. Dabei zitierte der Minister Josef Ackermann. Dem Chef der Deutschen Bank zufolge würde ein Angriff auf die Netzwerke seines Finanzhauses einen weitaus größeren Schaden anrichten, als beim Anschlag auf das World Trade Center 2001. Die Muster der Spionagetätigkeit Russlands und Chinas weisen vergleichbare Muster auf. Koordiniert werden die Tätigkeiten in den Botschaften und Konsulaten der Länder, deren Mitarbeiter durch den internationalen Diplomatenstatus geschützt sind. Wichtige Zentren sind zusätzlich "halbstaatliche" Stellen wie Medienvertretungen und Fluglinien, von denen aus ebenfalls Mitarbeiter der Nachrichtendienste aktiv sind.
Auch Methoden à la James Bond
Informationsübermittlung, die Laien bestenfalls aus Filmen à la "James Bond" kennen, nennt der deutsche Inlandsgeheimdiest tatsächlich ebenfalls - die Rede ist von "toten Briefkästen" oder geheimen Erdlöchern: "getarnten (Erd-)Verstecken". Doch ein großer Teil der heiklen Daten gelangt legal oder halblegal an die Interessenten. Neben Mitarbeitern, die sich offiziell als Journalisten ausgeben, nehmen geschulte Offiziere gezielt Kontakt zu Beschäftigten westlicher Firmen auf. Über Geldleistungen oder den Aufbau einer "Freundschaft" versuchen sie, die Kontaktpersonen zur Übermittlung von Informationen zu bewegen. Die geheime Unterwanderung wichtiger Firmen ist eine weitere Methode.
Chinas "non-professionals"
China setzt verstärkt auf die chinesischen Diaspora im Westen. Neben Mitarbeitern des Nachrichtendienstes sind das so genannte "non-professionals": Studenten, Wissenschaftler, Praktikanten. Sie verfügten über Fleiß, Karrieredenken und ein hohes Maß an Patriotismus, so der Bericht - und sie haben Zugang zum deutschen Know-How. Eine weitere Spezialität Chinas ist die elektronische Überwachung. Die meisten der elektronischen Angriffe kommen derzeit aus China, so Experten. Wie der deutsche Verfassungsschutz konstatiert, erfolgten Angriffe auf den E-Mail-Verkehr und Computernetzwerke westlicher Firmen in der Regel unbemerkt und völlig risikolos.
"Aktuell werden alle ein bis zwei Tage große elektronische Attacken auf deutsche Unternehmen oder staatliche Stellen entdeckt", sagte zum Thema der deutsche Verfassungsschutz-Vizepräsident Hans Elmar Remberg gegenüber der "Fiancial Times Deutschland".
Ein konkreter Fall aus Wien
Der Bericht nennt auch einen konkreten Fall unter österreichischer und deutscher Beteiligung, der im Sommer 2007 Schlagzeilen machte. W., ehemals Attaché an der Russischen Handelsvertretung in Wien, konnte Ende der 1990er einen Soldaten des österreichischen Bundesheeres anwerben, der über den deutschen Staatsangehörigen G. brisante Daten an die Russen verkaufte - Unterlagen aus dem Bereich Hubschrauber- und Flugzeugtechnik.
Als W. im Sommer 2007 verhaftet wurde, protestierten russische Behörden scharf und erwirkten ein Rechtsgutachten der UN, welches W. eine „funktionale Immunität“ zuerkannte. Kurze Zeit später war W. wieder auf freiem Fuß. (mar)
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Die Presse 16.5.2008
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