An jenem Tag Anfang Mai, als die Welt von dem „Horrorvater“ aus Amstetten erfuhr, saß Natascha Kampusch (20) in ihrer Dreizimmerwohnung in Wien vorm Fernseher. In den Nachrichten gab es nur ein Thema – das Inzestdrama. Natascha Kampusch sah die Bilder von dem winzigen Verlies, in dem Josef Fritzl (73) seine 42-jährige Tochter Elisabeth 24 Jahre lang im Keller unter seinem Haus gefangen gehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt hatte – und war sofort mittendrin in ihrer eigenen Vergangenheit.
„Mein Magen schnürte sich bei den Bildern zusammen“, sagt die junge Frau einige Tage später zu BUNTE. „Ich fühlte mich sehr schlecht. Die ganzen Empfindungen, die man mühsam unterdrückt hatte, sind plötzlich wieder da. Das ist sehr belastend.“
Natascha Kampusch war zehn Jahre alt, als sie im März 1998 auf dem Schulweg entführt wurde. Ihr Peiniger, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil (44), sperrte sie in ein knapp zwei mal drei Meter großes Verlies, das er unter der Garage seines Hauses eigenhändig gegraben hatte. Priklopil verlangte von Natascha, ihn „Gebieter“ zu nennen. Er schüchterte sie ein: Das ganze Haus sei mit Sprengsätzen vermint. Würde sie ihm weglaufen, brächte er sich um. Im August 2006 gelang dem Mädchen die Flucht. Am selben Tag warf sich Priklopil vor einen Zug und starb.
Kampusch ist mittlerweile Besitzerin des Hauses, in dem sie jahrelang festgehalten wurde. „Das ist auch grotesk. Ich muss jetzt für ein Haus, in dem ich nie leben wollte, Strom, Wasser, Grundsteuer bezahlen.“ Dennoch sei es ihr lieber, es gehöre ihr, bevor die Vandalen dort einfallen oder Reihenhäuser auf dem Grundstück gebaut würden. Sie sei auch schon einmal in dem Haus gewesen. „Nichts ist so bedrohlich wie damals. Auf der anderen Seite ist es für mich auch ein Gruselhaus.“
Trotz allem was geschehen ist – sie hat keine Albträume
Natascha Kampusch wird seit ihrer Flucht rund um die Uhr betreut: von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Lehrern, Beratern, von ihren Eltern und Geschwistern. Sie alle versuchen, ihr dabei zu helfen, irgendwann ein eigenständiges, normales Leben zu führen. Noch kann sie das nicht, obwohl sie sich bemüht. „Es wird schwer für mich werden“, sagt sie.
Täglich wird sie unterrichtet. Im Sommer macht sie ihren Mittelstufenabschluss. „Anschließend versuche ich, mich so bald als möglich einer Studienberechtigungsprüfung zu unterziehen. Oder ich mache erst mein Abitur, damit ich die Chance habe, studieren zu können, was ich möchte. Welches Fach, weißich noch nicht. Mich interessieren Medizin und Technik. Ich fühle mich auch zur Kunst hingezogen. Vielleicht studiere ich auch gar nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem Umfeld klarkomme. Ich bin eher ein Autodidakt, möchte mir alles selbst aneignen.“
In ihrer Wohnung lebt die 20-Jährige allein. „Ich schlafe normal und habe keine Angst, wenn ich allein bin. Auch keine Albträume“, sagt sie. Mit Yoga schafft sie sich kleine Freiräume der Entspannung. Sie putzt, wäscht, kocht selbstständig. Nur beim Einkaufen benötigt sie Hilfe. „Ich habe ja kein Auto. Eine Begleitung ist auch nötig, damit mir nichts passiert. Es gibt viele Menschen, die in mir einen Freak oder ein Kind aus dem Urwald sehen. Sie starren oder fassen mich an. Das ist mir unangenehm. Es stresst mich.“
Die Jahre, die ihr der Peiniger genommen hat, „kann ich nicht mehr nachholen“, sagt sie. „Dazu müsste ich mein Gehirn ausschalten. Das kann ich nicht. Ich denke zwar nicht mehr täglich genau daran, was passiert ist. Aber man hat das Gefühl, als wären diese Jahre wie ein riesengroßer Block, eine Zeit, die man nicht genau benennen kann. Ich war ein Kind und bin sofort erwachsen geworden, ohne ein Teenager sein zu dürfen.“
Anderen Menschen zu vertrauen, fällt ihr immer noch schwer. „Nachdem was ich erlebt habe, wird man leicht paranoid. Aber man muss lernen, die Vergangenheit loszulassen.“ Die Medienberichte, sie hätte ein Baby von dem Entführer bekommen, seien falsch. „Solche Behauptungen sind sehr belastend für mich. Sie tun mir weh“, sagt Kampusch leise.
Was Josef Fritzl von sich gibt, macht sie wütend
Sie erklärt mir: „Die Lebensphase, in der ich jetzt bin, bezeichne ich als mein drittes Leben. Es gibt für mich keine Möglichkeit mehr, Zugang zu den beiden anderen Leben zu finden. Das ist wie eine dunkle Vergangenheit. Als hätte ich mein Gedächtnis verloren und würde jetzt ein vollkommen neues Leben führen.“ Sie schmunzelt: „Bei meiner Mutter habe ich schon manchmal das Gefühl, dass sie die Zeit gern zurückdrehen und wieder ihre kleine niedliche Tochter haben möchte.“
Natascha Kampusch ist wohl der einzige Mensch, der nachempfinden kann, wie es Elisabeth Fritzl und ihren Inzestkindern heute geht. Sie würde Elisabeth Fritzl und ihre Kinder gern treffen, ihnen helfen. „Aber nur, wenn sie das Bedürfnis dazu haben. Wenn meine Hilfe nicht erwünscht ist, möchte ich mich ihnen nicht aufdrängen“, sagt sie. 25?000 Euro hat sie bereits für die Familie Fritzl gespendet.
Über Josef Fritzl sagt Natascha Kampusch:„Was er jetzt über die Medien von sich gibt, macht mich wütend. Dieser Mann ist ein riesiger Egoist. Die anderen sind ihm völlig egal. Er muss doch gewusst haben, dass er etwas Unrechtes tut. Ungeheuerlich ist auch, dass er jetzt behauptet, er würde seine Frau und seine Tochter lieben! Er lügt! Josef Fritzl liebt nur sich selbst. Was er getan hat, ist krank“, sagt sie voller Wut. Und: „In meinem Fall denkt man ja schon, wie kommt ein wildfremder Mensch dazu, Eltern ihr Kind wegzunehmen und einer ganzen Familie ein solch schweres Trauma zuzufügen. Aber dieser Fritzl hat das seinem eigenen Kind, seiner eigenen Familie angetan! Das ist noch viel unglaublicher.“
Während des BUNTE-Gesprächs verblüfft mich Natascha Kampusch mit einer Mischung aus Intelligenz, Allgemeinbildung und Humor. Sie möchte erwachsener wirken, als sie eigentlich ist. Kritiker bewerten ihre Art oft als arrogant oder schnippisch. Doch vieles an ihrer Gestik oder Mimik ist nur Selbstschutz – das spüre ich ganz deutlich. Ich erlebte eine interessierte, sensible, ernsthafte, doch irgendwie kindliche junge Frau, die Freude hat an modischer Kleidung, bunten Ketten und Ohrringen und die verrät: „Ich lache am liebsten über mich selbst.“ Im Gegensatz dazu klingt es ein bisschen altklug, wenn sie sagt: „Ich nehme keinen Alkohol zu mir. Ich gehe nirgendwohin, wo laute Musik gespielt wird oder wo viele Menschen sind. Bei mir muss alles einen Sinn ergeben.“
Das ganze Interview mit Natascha Kampusch lesen Sie ab Donnerstag in BUNTE, Ausgabe 21/2008
Bunte, 15.5.2008
URL: http://www.bunte.de/meinung/blogs/was-mich-bewegt-hat/exklusiv-interview_aid_4731.html