Er gilt als der geheimnisvollster Unternehmer Deutschlands. Und genauso betrieb Dieter Schwarz die Öffentlichkeitsarbeit seines "Lidl & Schwarz" - Imperiums: Keine Interviews, keine Statements, wenn Lidl durch Skandale Schlagzeilen machte. Der Lidl-Konzern müsste eigentlich an schlechte Presse gewöhnt sein. Seitdem aber der "Stern" vor kurzem enthüllte, dass die Konzernchefs ihre Mitarbeiter wiederholt überwachen, änderte das Unternehmen seine PR-Strategie. Nach langem Schweigen nun die Charmeoffensive gegenüber der Presse. Der Geschäftsführer gibt Zeitungsinterviews und tourt durch die Talkshows. In der vergangenen Woche lobten Lidl-Mitarbeiter ihren Arbeitgeber öffentlichkeitswirksam in teuren Anzeigen. Zapp über die neue Medienoffensive bei Lidl.
Anmoderation: Die Glanzleistung des "Hamburger Abendblatts" - die haben auch die Kollegen von "Bild" erkannt und die Konkurrenz aus dem eigenen Haus zum "Gewinner des Tages" gekürt. Immerhin! Gewinner - Discounter sind das derzeit bestimmt nicht. Seit Wochen machen sie Negativ-Schlagzeilen über ihren Umgang mit den eigenen Mitarbeitern: Überwachung, Ausbeutung, Druck. Angefangen hatte alles mit den "Stern"- Enthüllungen über den Lebensmitteldiscounter Lidl. Vor vier Wochen kam der Spitzelskandal dort ans Licht. Seitdem bemüht sich der Konzern um Schadensbegrenzung. Timo Großpietsch über die Charmeoffensive auf teuren Anzeigenseiten und den weniger charmanten Enthüllungen von heute.
Beitragstext: Ausgebeutet - so beschreibt Günter Wallraff seine neuesten Undercover-Erfahrungen in dieser Fabrik. Hier werden Brötchen produziert für Lidl. Brisante Enthüllungen in der heutigen Ausgabe der "Zeit". Dabei kämpft Lidl doch noch gegen die Wirkung dieser Bilder. Überwachungskameras auch gegen die eigenen Mitarbeiter. Nach dem Skandal die Charmeoffensive, besonders erfolgreich in "Bild": "Hier sprechen die Lidl-Chefs". Und verkünden voller Inbrunst ihre neue Parole: "Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiter!" Und die bitten ganz öffentlich: "Wir vertrauen Lidl, vertrauen Sie uns!".
Teure Anzeigenseiten
Die Lidl-Mitarbeiter geben sich begeistert: "Kameras sind im Einzelhandel nötig. Bei konkretem Verdacht ist es auch legitim, Mitarbeiter zu überwachen." "Die Geschäftsführung war in persönlichen Gesprächen mit uns sehr ehrlich und fair." Für solche Bekenntnisse investierte Lidl viel Geld, buchte teure Anzeigenseiten. Zapp bat um Interviews mit den ach` so verständnisvollen Lidl-Mitarbeitern. Die Bitte wurde abgelehnt. Laut Anzeigentext arbeiten die zufriedenen Lidl-Mitarbeiter offenbar in Wunstorf. Deshalb fuhr Zapp gestern dorthin - ohne Erlaubnis. Der Empfang bei der ersten Filiale dennoch nicht ruppig. Reporter: "Großpietsch vom Medienmagazin Zapp. Schönen Guten Tag! Ihre Mitarbeiter werben ja jetzt für großes Vertrauen, in großen Anzeigen - ist es möglich, dass wir uns mal mit Ihren Mitarbeitern unterhalten?" Lidl-Mitarbeiterin: "Oh, das ist glaube ich schlecht, momentan." Reporter: "Warum ist das schlecht?" Lidl-Mitarbeiterin: "Weil sie an der Kasse sitzt." Reporter: "Wenn die mal Pause haben, ist dann Zeit für ein Gespräch?" Lidl-Mitarbeiterin: "Wenn die dazu bereit sind - muss ich fragen." Reporter: "OK, würden Sie das tun?"
Neue Offenheit bei Lidl
Lidl-Mitarbeiterin: "Ich frag mal." Sie fragte, aber niemand wollte antworten. Gesprochen wurde dennoch. Schnelles Telefonieren war jetzt angesagt. Telefonate, die offenbar Wirkung zeigten. Nämlich hier, einige Kilometer entfernt, bei der nächsten Lidl-Filiale. Keiner ist überrascht als wir mit laufender Kamera den Innenraum betreten. Reporter: "Schön guten Tag! Großpietsch vom NDR-Fernsehen. Ihre Mitarbeiter werben ja jetzt für Vertrauen, hier bei Lidl und wir wollten einfach mal fragen, ob wir uns mit Mitarbeitern bei Ihnen unterhalten dürfen?" Lidl-Mitarbeiter: "Uff, an sich eigentlich schon. Eigentlich kein Problem. Ich frag mal kurz, ob Sie möchten, OK?" Reporter: "Super! Danke." Die Kassiererin will und der Chef springt persönlich ein, damit seine Mitarbeiterin uns ein Interview geben kann.
Filialleiter vertritt Mitarbeiter-Interessen
Lidl-Mitarbeiterin: "Ich finde das ganze Arbeitsklima jetzt hier gut. Wenn Probleme sind, die werden geklärt ohne wenn und aber. Kann ich mich überhaupt nicht beschweren!" Reporter: "Ist es denn möglich mit Ihrem Betriebsrat zu sprechen, hier?" Lidl-Mitarbeitin: "Wir haben hier keinen Betriebsrat!" Reporter: "Warum gibt es hier keinen Betriebsrat?" Lidl-Mitarbeiterin: "Habe ich noch nicht so weiter drüber nachgedacht." Reporter: "An wen wenden Sie sich denn, wenn es mal Probleme gibt? Vertritt hier denn Jemand Ihre Interessen?" Lidl-Mitarbeiterin: "Filialleiter oder Bereichsleiter." Reporterin: "Und da fühlen Sie sich...?" Lidl-Mitarbeiterin: "Ist in Ordnung, wenn Probleme auftauchen die werden schnellstmöglich zu aller Zufriedenheit geklärt."
Abgebaute Anlage
Zufriedene Mitarbeiter, auch ohne Betriebsrat. Wir fahren zur nächsten Lidl-Filiale, und schon wieder offene Türen. Man führt uns sogar in den Pausenraum der Angestellten, wo bis vor Kurzem die Überwachungsvideos ausgewertet wurden.
Lidl-Mitarbeitin: "Also, dieses Deckenloch ist von dem Detektiv, der hier seine Anlage aufgebaut hatte." Reporter: "Da oben hat er seine Kamera sozusagen installiert?" Lidl-Mitarbeiterin: "Richtig. Also, nicht seine Kamera installiert, da gingen die ganzen Kabelagen hier runter. Der hat hier seine Monitore gehabt und hier halt seine Videoüberwachung zelebriert." Drinnen bei Lidl erstaunliche Interviews, draußen Skepsis - bis auf Weiteres. Lidl-Kundin: "Ich kaufe ein, weil es günstig ist, aber mit dem Vertrauen, ist so ne Sache." Lidl-Kunde: "Das werden sie wohl nicht hinkriegen, mit dem Vertrauen, da müssen sie schon einiges ändern, ne." Lidl-Kundin: "Ob sie bei Aldi gucken oder bei Lidl oder sonst irgendwo, überall wird gespart und es müssen immer die Mitarbeiter darunter leiden, immer."
NDR Fernsehen, 30.4.2008
http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID4739970_REF2488,00.html