Die ersten Bilder aus dem Amstettner Gefängnis schockieren: Kein Tageslicht, keine Frischluft, nicht richtig stehen können. Der Täter überließ nichts dem Zufall.
24 Jahre lang wurde die Frau mit ihren Kindern im Keller gefangen gehalten. Die Luft ist schal. Der Geruch beißend. Der Gang beängstigend schmal. Kein einziger Lichtstrahl dringt in die Räume. Es ist ein Gefängnis des Grauens. Am Montag wurden immer mehr grausige Details aus dem Amstettner Horror-Verlies bekannt, in dem der 73-jährige Josef F. mehr als zwei Jahrzehnte lang Tochter und von ihm gezeugte Kinder gequält und eingesperrt haben soll.
Es sind nicht mehr als 60 Quadratmeter, in der die Gefangene ihr halbes Leben verbringen und ihre Kinder zur Welt bringen musste. Zum Zähneputzen hatten die Gefangenen lediglich Joghurtbecher zur Verfügung.
Ihr Badezimmer wurde mit schlichten, weißen Kacheln verfliest. Lediglich ein Plastikelefant am Alibertschrank lächelte der Frau und ihren Kindern zu. Ein perverses Geschenk des Täters? Denn ein echtes Tier dürften drei der Kinder nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen haben. Genauso wie den Sternenhimmel. Den gab es für die Kleinen nur an ihrer Duschwand. Selbst gebastelt und aufgeklebt.
Bunker
Der mutmaßliche Täter überließ nichts den Zufall. Allein der Zugang zum Horror-Verlies ließ den Ermittlern den Atem stocken. Denn die Kellerräumlichkeiten sind nur über einen kleinen Einstieg – gut versteckt hinter einem Regal – erreichbar. Versperrt ist der Eingang zum schrecklichen Tatort mit einer massiven Stahlbetontür inklusive Elektromotor. Damit aber nicht genug, zu öffnen war sie nur mit einer Fernbedienung. Den Zahlencode rückte der Verdächtige erst nach einem ersten Verhör heraus. Die Zimmer waren äußerst beschwerlich zu erreichen – nur über einen zirka fünf Meter langen Gang und ein Schlupfloch. Mit einer Raumhöhe von nur 1,70m zu niedrig und beklemmend für einen erwachsenen Menschen. Kochmöglichkeit gab es genauso wie eine Toiletten- und Duschanlage. Und: Zwei Schlafräume – von Kinderhand mit kleinen Sternen und Zeichnungen geschmückt – je zwei Betten, wo sich laut Kriminalisten unvorstellbare Szenen abgespielt haben müssen. Sexuelle Übergriffe und Geburten, bei denen Elisabeth F. allein gelassen wurde. Nur eines überließ Josef F. seiner Tochter: Fernseher mit Video und Radiogerät. Der einzige Kontakt zur Außenwelt für eine Mutter und ihre Kinder. Das Verlies war als Schutzraum baubehördlich beantragt und genehmigt. Das ergaben erste Erhebungen der Baupolizei in Amstetten. Laut einem Sprecher der Stadtgemeinde Amstetten gab es Ende der 70er-Jahre einen baubehördlichen Antrag für die Errichtung eines Schutzraumes. Der wurde genehmigt und auch durchgeführt. Nachdem es damals noch die Pflicht zur Kollaudierung gab, wurde vermutlich auch eine behördliche Beschau durchgeführt.
Störende Nachbarn
Das war gerade in dieser Zeit in Amstetten nichts Ungewöhnliches. Damals herrschte noch der Kalte Krieg. Bei Amstetten lagen besonders intensive Verteidigungsstellungen für einen eventuellen Warschauer Pakt-Angriff. Die gängige Volksmeinung war, dass in diesem Fall zwischen Wieselburg und Amstetten kein Stein auf dem anderen bleiben würde – und der private Bunkerbau boomte. Die Innenräume waren dafür ausgelegt, dass man mindestes zwei Wochen ohne Verbindung mit außen überleben kann. Zusätzliche Personen hätten aber die Lebensmittelvorräte zu rasch aufgebraucht. Bunkerbauer tüftelten daher damals mit viel Fantasie möglichst geheime Eingänge aus, damit im Fall des Falles störende Nachbarn fern bleiben.
Kurier vom 28.04.2008 16:54
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