Ein Privatdetektiv aus dem Großraum Stuttgart erzählt, wie große Discounter mit Hilfe von Kameras ihre Läden überwachen lassen
Stuttgart - Die Firma Lidl soll mit Hilfe von Detektiven Beschäftigte überwacht haben. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung packt ein Privatdetektiv aus: Er bekomme von fast allen Discountern Aufträge. Zu welchen Zwecken seine Erkenntnisse genutzt werden, wisse er im Einzelfall nicht.
Andreas Schmitt (Name von der Redaktion geändert) ist froh, dass es Discounter gibt. Ist es doch inzwischen hauptsächlich der preisaggressive Einzelhandel, der ihm Aufträge verschafft. Der 44-jährige Mann ist seit mehr als 20 Jahren Detektiv. Wir treffen ihn in der Stuttgarter Innenstadt, Schmitt ist bereit, über seinen Alltag zu erzählen. Er will und muss unerkannt bleiben, andernfalls könnte er sich einen anderen Beruf suchen. Wenn er über seine Kunden spricht, fallen die Namen fast aller großen Lebensmitteldiscounter in Deutschland.
Schmitt lebt in einem kleinen Ort bei Stuttgart. Von dort fährt er jeden Tag in irgendeine Discounterfiliale in Württemberg. „Wenn ich einen detaillierten Auftrag bekomme, dann mache ich das auch.“
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Kürzlich hat sich Schmitt die neueste Ausgabe des Magazins „Stern“ gekauft. Auf der Titelseite stand: „Der Lidl-Skandal: Wie der Discount-Riese seine Mitarbeiter bespitzeln ließ.“ Schmitt erfuhr bei der Lektüre, dass andere Zunftmitglieder sehr eifrig und über mehrere Monate hinweg so ziemlich alles, was ihnen vor die Videolinse kam, ins Protokoll kritzelten. Seine Berufskollegen sollen demnach aufgeschrieben haben, welcher Lidl-Mitarbeiter wo tätowiert ist, wer mit wem privat telefoniert und wer sich wie über seinen Arbeitgeber äußert. Vieles kannte er aus seinem eigenen Berufsleben, anderes war für ihn neu. „Es ist mir schleierhaft, warum die Kollegen sich mit Tätowierungen befassen; so etwas ist doch eigentlich völlig irrelevant.“
Dass seine im „Stern“ genannten Kollegen jedoch aus Eigenantrieb über das Ziel hinausgeschossen sind, kann er sich nicht vorstellen. „Ich kenne keinen Detektiv, der irgendetwas leistet, für das er nicht detailliert beauftragt wurde.“ Kann eine Detektei nicht eigenmächtig ermitteln? Schmitt schüttelt den Kopf. „Sämtliche Protokolle werden in unserer Branche sofort geschrieben und mit der Rechnung zusammen sofort an den Auftraggeber versandt. Die bezahlen nicht, wenn ihnen die Protokolle nicht passen.“
Ein Detektiv macht fast alles, was gewünscht ist. Nur ganz wenige Anbieter können es sich leisten, wählerisch zu sein. Schmitt gehört nicht dazu. Er ist angewiesen auf das Schnüffeln in Billigsupermärkten. Gerade mal 14 bis 15 Euro auf die Stunde bezahlen die Discounter für seine Dienstleistungen. Die einst so lukrativen zusätzlichen Fangprämien sind inzwischen verboten, nachdem einige Detektive dazu übergegangen waren, Kunden heimlich etwas in die Tasche zu stecken, diese dann zu überführen und dafür 100 Mark Fangprämie zu kassieren. Heute suchen Detektive nach anderen Einnahmequellen.
Besonders lohnenswert ist es für die Detekteien, wenn die Discounterverantwortlichen die Montage eines Videoüberwachungssystems ordern. 200 Euro zusätzlich am Tag bringt dieser Service ein. Die Discounter bezahlen das gerne, um bildlich zu erfahren, wer bei ihnen Waren mitgehen lässt.
Überwachung ohne Widerrede
Nicht einmal daumenbreit sind die Objektive, die Schmitt auf Wunsch nachts montiert. Im Filialleiterbüro oder in seinem Fahrzeug auf dem Parkplatz baut er die Monitore und Aufzeichnungsgeräte auf. Die Signale werden per Funk übertragen. Schmitt entgeht auf diese Weise nichts. Er weiß, dass die verdeckte Ermittlung mit Kameras nur zulässig ist, wenn die Kunden am Eingang darüber informiert werden und wenn der Betriebsrat nichts gegen die Überwachung einzuwenden hat. Weil die Discounter jedoch nur selten Betriebsräte haben, reicht ihnen meist ein kleiner Aufkleber mit der Aufschrift „diese Filiale wird videoüberwacht“. Schmitt hat noch nie einen solchen Aufkleber an die Tür geklebt. „Ich gehe davon aus, dass der Filialleiter oder der Bezirksleiter das übernimmt.“
In immer mehr neuen Discounterfilialen wird auf eine permanente Überwachung gesetzt. In der Mitte neuer Läden findet sich dann eine von der Decke hängende Kuppel, deren Inhalt und Bedeutung den wenigsten Kunden bekannt ist. Darin versteckt sind leistungsstarke schwenkbare Überwachungskameras, mit deren Hilfe und Zoomfunktion kein Winkel der Filiale unbeobachtet bleibt. „Damit können Sie den Kundinnen sogar in den Ausschnitt sehen“, sagt Schmitt. Auch zur Überwachung dieser Filialen wird er gerufen. Seine eigene Ausrüstung lässt er zu Hause und setzt sich einfach vor die schicken neuen Monitore im Überwachungsraum.
Wen aber soll Schmitt ausspähen, die Kunden oder die Mitarbeiter? Schmitt holt seine Verträge aus der Tasche und zeigt mit dem Finger auf die Passage: „Unser erster Auftrag ist immer die Kundenüberwachung.“ Nebenabsprachen sind laut Vertrag aber zulässig. Schmitt sagt, es sei ja weitläufig bekannt, dass die Mehrzahl der Diebstähle vom Personal begangen würde. „Uns wird immer nur gesagt: bitte nach allen Seiten schauen.“
Schmitt kennt im Großraum Stuttgart Filialen, wo direkt über den Kassen Brandmelderattrappen montiert wurden, in denen Minikameras eingebaut sind. „Die Kamera übermittelt alles: jeden Geldschein, jede Kasseneingabe, ich kann sogar auf den Kassenbon gucken.“ Inwieweit damit Beschäftigte ausgespäht werden, wisse er nicht und will es auch gar nicht wissen. „Wenn ich einen Verdacht gegen einen Mitarbeiter habe, dann melde ich es meinem Auftraggeber, dann übernehmen die die Sache.“ Nur ein einziges Mal musste er auf Wunsch der Geschäftsleitung als Kronzeuge dabei sein, als ein Mitarbeiter mit den Videoaufnahmen konfrontiert worden sei. Der Betroffene sei systematisch in die Enge getrieben worden. „Drei Leute von der Firma haben ihn so lange unter Druck gesetzt, bis der seine Kündigung und gleichzeitig beim Notar eine Schuldanerkenntnis unterzeichnet hat.“
Die Mitarbeiter ausspionieren
Aus finanzieller Sicht sind die modernen Läden mit eigenem Videosystem für Schmitt verheerend. Schließlich kann er dort jetzt nicht mehr seine eigene Ausrüstung in Rechnung stellen. Umso mehr freut er sich, wenn er gelegentlich einen Sonderauftrag bekommt. So wie kürzlich, als ein Bezirksleiter eines Discounters ihn angerufen hat, um einem Beschäftigten nachzustellen, der sich krankgemeldet hatte. „Die wollten unbedingt ein Foto oder Video, das beweist, dass er genussvoll an einem Kiosk Alkohol trinkt“, erinnert er sich. Wie aber konnte Schmitt den betroffenen Mitarbeiter denn finden? „Die haben ihn mir genau beschrieben und mir dessen Autokennzeichen durchgegeben.“ Das Kennzeichen? „Ja, klar die hatten das Kennzeichen seines Privatfahrzeugs parat.“
Solche „Sonderaufträge“ bringen Schmitt immer wieder Zusatzeinnahmen. „Wenn eine Mitarbeiterin ein auffällig teures Auto fährt, kann es passieren, dass ich beauftragt werde, in deren Privatleben nachzuforschen, wo das Geld herkommt.“ Manchmal arbeitet er sogar mit Ordnungshütern zusammen, wie er freimütig erzählt. „Da helfen mir meine guten Connections zur Polizei, dann lasse ich die Frau auf polizeiliche Einträge checken.“ Schmitt lehnt sich zurück und nennt selbstbewusst den größten Vorzug seines Berufs. „Was immer die Handelsmanager auch herausbekommen wollen: über die Mittel, die dafür eingesetzt werden, entscheide ich.“
Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) verteidigt hingegen die permanenten Videoüberwachungen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mitarbeiter etwas dagegenhaben könnten, es geht schließlich auch um ihre eigene Sicherheit“, sagt Geschäftsführer Hubertus Pellengahr auf StZ-Anfrage.
Philipp Scheffbuch, aus der StZ vom 2. April 2008
01.04.2008 - aktualisiert: 01.04.2008 21:14 Uhr
Stuttgarter Zeitung, 2.4.2008
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