Lidl knickt ein - denn das Image ist in Gefahr: Der Discounter entschuldigt sich in großformatigen Anzeigen bei seinen Mitarbeitern für die heimliche Überwachung. Außerdem bekommen die Angestellten Einsicht in die Protokolle der Detektive.
Berlin - Es ist Transparenz, die der eher öffentlichkeitsscheue Discounter nicht gewöhnt ist: Lidl kündigte an, die in insgesamt 219 Filialen angefertigten Überwachungsprotokolle den betroffenen Mitarbeitern offenzulegen. "Jedem Mitarbeiter einer betroffenen Filiale bieten wir jetzt an, die vorhandenen Protokolle einzusehen, um zu erfahren, ob es überhaupt Aufzeichnungen über ihn gibt, und wenn ja, welche", teilte Geschäftsführungsmitglied Jürgen Kisseberth in Neckarsulm mit.
Den Mitarbeitern würden jene Passagen vorgelegt, die sich mit ihrer Person beschäftigten. Lidl wolle der Belegschaft damit "eine umfassende und lückenlose Einsicht in die schriftlich festgehaltenen Informationen der Detektive" anbieten, hieß es in einer Mitteilung des Discounters.
Die neue Offenheit ist ungewöhnlich für den Discounter - und zeigt, wie sehr Lidl unter Druck geraten ist. Am vergangenen Mittwoch hatte das Nachrichtenmagazin "Stern" unter Berufung auf Hunderte Seiten interner Lidl-Protokolle berichtet, der Einzelhändler habe seine Mitarbeiter systematisch überwachen lassen. So sei in vielen Filialen protokolliert worden, welcher Mitarbeiter wie oft zur Toilette gehe oder wer mit wem womöglich ein Liebesverhältnis habe.
"Vorwurf hat uns betroffen gemacht"
Lidl hatte sich am heutigen Montag mit großformatigen Zeitungsanzeigen bundesweit bei der Belegschaft entschuldigt. Darin begründet das Unternehmen den Einsatz von Detekteien mit rund 80 Millionen Euro Schaden, der jährlich durch Diebstahl entstehe. Der Vorwurf, durch Detekteien Mitarbeiter überwacht zu haben, "hat uns sehr betroffen gemacht", schrieb die Geschäftsführung. Wenn sich Mitarbeiter "in Misskredit gebracht und persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir dies außerordentlich und entschuldigen uns ausdrücklich dafür".
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Aufgabe der Detekteien sei es gewesen, Informationen zur Aufklärung von Diebstählen zu gewinnen. "In Einzelfällen wurden durch die Detekteien zusätzliche und teilweise auch persönliche Informationen über Mitarbeiter protokolliert - das war von uns so nicht gewollt", heißt es in der Anzeige weiter. "Aus den Vorfällen haben wir gelernt und werden zukünftig mit unseren Mitarbeitern gemeinsam die Firma vor Verlusten durch Diebstahl schützen."
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert nach der Bespitzelungsaffäre mehr Datenschutz für Beschäftigte. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock verlangte von Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) konkrete Schritte für ein Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz. Ein solches Gesetz sei überfällig, sagte sie in Berlin. Die Grünen-Verbraucherpolitikerin Ulrike Höfken rief die Lebensmittelkonzerne zu Auskünften über Sozialstandards auf.
"Mitarbeiter wurden wie Knechte behandelt"
Bereits am Wochenende hatte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil den Verbrauchern einen Boykott nahegelegt. "Ich bin vorsichtig mit Boykottaufrufen", sagte er der "Bild am Sonntag", "aber es sollte die Verbraucher schon interessieren, ob die Menschen in einem Laden nur Jobs haben - oder gute Arbeit, von der sie leben können, die nicht krank macht und die Würde der Beschäftigten wahrt." Heil verurteilt das Vorgehen von Lidl: "Wie hier die Würde von Arbeitnehmern verletzt wurde, ist widerlich", sagte er. "Mitarbeiter wurden wie Knechte behandelt."
Auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) kritisiert Lidl. In einem Gastbeitrag für die Zeitung rief er die Öffentlichkeit auf, sich hinter die Opfer der Bespitzelung zu stellen. Grenzen seien überschritten: "Die scheinbar systematische Bespitzelung von Mitarbeitern erinnert an Methoden, die man in Deutschland längst überwunden glaubte", schrieb Seehofer und forderte einen schärferen gesetzlichen Schutz. Deutschland brauche ein eigenes Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz angesichts der neuen technischen Möglichkeiten - und eine exemplarische Strafe, die von Großunternehmen nicht aus der Portokasse bestritten werden könne.
SPIEGEL online, 31.3.2008 / sam/AFP/dpa
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