Das große Raunen
Wenn Du eine Geschichte zu erzählen hast, dann rate ich: Erzähl sie! Es ist besser, aufrecht zu sterben, als auf Knien zu leben.« Dieser Appell stammt von Stanley
Adams, der als Manager des Pharmagiganten Hoffmann-La-Roche bei der EU-Kommission über illegale Preisabsprachen auspackte. Der Konzern wurde verurteilt, erstattete seinerseits Anzeige. Adams kam in U-Haft, seine Frau nahm sich wegen der kafkaesken Ungerechtigkeit das Leben. Danach zog Adams sein Fazit. Es findet sich auf Seite 221 von »Die große Gier«, dem aktuellen Buch von Hans Leyendecker.
Vor einigen Jahen noch hätte der Untertitel »Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht« als hoffnungslos altmodisch gegolten. Zu Zeiten der New Economy war Profitmaximierung der einzig anerkannte Wertmaßstab. Nicht umsonst erinnert der Autor süffisant daran, daß Moral sich vom lateinischen Wort für Sitte herleite, und das laute nun einmal »mos«. Wo vor allem Moos regiert, ist der Filz nicht weit.
Vorderhand argumentiert Leyendecker gegen die Raffkes der Republik. Er erinnert an Wirtschaftsskandale, berichtet dabei auch von dem Mann, der für die neue Armut steht und bei VW die Puppen tanzen ließ: Personalvorstand Peter Hartz soll den Anstoß gegeben haben, Gewerkschaftsvertreter zu kaufen. Der Prozeß in Braunschweig läuft noch.
»Die große Gier« richtet sich an Durchschnittsleser, die es aufrichtig empört, daß ein Vorstandsmitglied in den USA das 400fache eines einfachen Arbeiters verdient. Doch dahinter tut sich eine andere Geschichte auf, eine, die immer nur angedeutet wird und doch den eigentlichen Krimi ausmacht: Wie begann die VW-Affäre? Der Sicherheitschef und Piëch-Vertraute Dieter Langendörfer, ehemaliger Leiter der Hamburger SoKo »Reemtsma«, wurde gebeten, sich Helmuth Schuster, Personalvorstand bei der VW-Tochter Skoda, genauer anzusehen. Rotlichtkontakte und seltsame Reisen wurden ermittelt – wie, das schreibt Leyendecker nicht.
VW-Chef Piëch soll wissen, mit welchen Methoden operiert wird. Nicht umsonst läßt er, so Leyendecker, »vor Gesprächen in Hotels die Räume auf Wanzen durchsuchen« und »wittert überall Verschwörung«. Die Ehefrau Schusters erklärte der Zeitschrift Emma: »Da sind Mächte im Spiel, hervorgegangen aus jahrzehntelangen Verbindungen, die für einen normalen Menschen schwer nachzuvollziehen sind.«
Gab es bei VW eine interne Totalüberwachung? Leyendecker deutet an: »Piëch ist eigentlich immer über alles informiert.« Der erste Bericht über Schuster allerdings sei im Safe verschwunden, und der entscheidende Informant meldete sich nie wieder. Sybillinisch heißt es bei Leyendecker: »In Tschechien, wo sich die Wege von skrupellosen Ex-Nachrichtendienstlern und Geschäftsleuten auf oft seltsame Weise kreuzten, gelten spezielle Regeln, und mancher paßt auf, daß er den falschen Leuten nicht im falschen Moment in die Quere kommt. Seit ein in einen Schmiergeldskandal verwickelter Skoda-Manager bei einem rätselhaften Autounfall ums Leben kam, kursieren viele Gerüchte.«
Ans Licht der Öffentlichkeit kam das Material, das Schuster belastete, erst, als »auf der Festplatte eines entlassenen Commerzbankmitarbeiters verdächtige Dokumente entdeckt« wurden. Detaillierter wird Leyendecker nicht. Wer hat das entdeckt? Warum wurde der Banker entlassen? Ins Rollen kam die VW-Affäre dann, als es Schuster und seinem Kumpel, dem Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, an die Kragen ging. Gebauer packte über die Bordellconnection aus.
Jeder muß auf der Managementebene den anderen erpressen können, will er überleben. Wenn kriminelle oder zumindest grenzwertige Praktiken zur Unternehmenskultur gehören, dann kann der einzelne sich nur sichern, indem er Regelverstöße belegen kann, und das geht oft nur mit (illegalen) Überwachungsmethoden.
Bei Siemens etwa soll immer eine Rauschanlage im Zimmer angestellt worden sein, damit keiner mitbekam, was besprochen wurde. Wer Täter und wer Opfer von Intrigen auf Managementebene ist, können Außenstehende, auch Journalisten, kaum durchschauen. Was weiß man denn beispielsweise über den Krieg zwischen den Infineon-Vorständen Ulrich Schumacher und Andreas von Zitzewitz, die 2004 bzw. 2005 wegen Korruption zurücktraten? Als weiteres Beispiel nennt Leyendecker die Meldung »Siemens-Aufsichtsrat sucht neuen Chef bei Linde« – Wer hat die Information warum der Financial Times gesteckt?
Wie Spin-Doktoren Medien instrumentalisieren, bis hin zur »Strafprozeßführung über Medien«; auch diesen Komplex streift Leyendecker nur. Kriminelle Methoden gehören auf Managmentebene ganz offensichtlich zum Geschäft. Als Risikozulage sind die Millionengehälter nicht gerechtfertigt. Insofern es sich um organisierte Kriminalität handelt, sind sie allerdings branchenüblich.
Das Buch mit dem moralischen Titel birgt Stoff für weitere Bücher zu Überwachung, Wirtschaftsspionage etc.
Hans Leyendecker: Die große Gier. Korruption, Kartelle, Lustreisen: Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht. Rowohlt Berlin 2007, 299 Seiten, 19,90 Euro
Die Tageszeitung Junge Welt, 11.1.2008
URL: http://www.jungewelt.de/2008/01-11/017.php