Ein Schneider für alle Kaliber
Schussfeste Haute Couture aus Bogotá: Der kolumbianische Schneider Miguel Caballero fertigt seine Kleider leicht, auf Maß - und todsicher. Zu Übungszwecken schießt der extravagante Unternehmer gern mal auf seine Angestellten.
Bogotá - An der Ecke der 71. Straße in Bogotá sind Schüsse keine Seltenheit. In dem von einem hohen Zaun umgebenen Gebäude, das mit Alarmanlagen, Stacheldraht und Stahltüren gesichert ist, residiert Kolumbiens bekanntester Schneider: Miguel Caballero, der Mann, der schusssichere Kleidung herstellt. Mit seinen Produkten rollt er den internationalen Markt auf.
Die erste Boutique für seine High Security Fashion hat der 39-jährige Unternehmer vor einigen Monaten in Mexiko-City eröffnet, weitere sind in São Paulo und Moskau geplant. Potentielle Märkte, die der kleine quirlige Mann im Visier hat, sind auch die USA und Europa. "Sicherheit ist eine Wachstumsbranche", sagt Caballero lächelnd.
TODSICHERE KLAMOTTEN: SCHÜSSE AUF DIE ANGESTELLTEN
Von überall her kommen die Kunden mit ihren Wünschen zu ihm. Und die sind manchmal ausgefallen. So hat Caballero schon eine schusssichere Soutane, einen Kimono, gepanzerte Krawatten und stichfeste Unterwäsche ausgeliefert. Der Clou dabei: Der Ware aus dem Hause Caballero sieht man die Panzerung nicht an, weshalb mehr und mehr Anzüge, Trenchcoats und T-Shirts aus der kleinen Fabrik im Norden Bogotás geordert werden.
Sicherheit nach Maß
"Wir können hier fast alles kugelfest machen", sagt Caballero stolz und deutet mit ausladender Geste auf die Frauen an den ratternden Nähmaschinen im Erdgeschoss. Wie in einer normalen Textilfabrik geht es zu. Die Frauen nähen nicht nur auf Maß für Politiker, Unternehmer, Schauspieler oder Musiker, sondern auch in Serie für die kolumbianische Polizei und das Militär.
Mit Panzerwesten, Rucksäcken und schusssicheren Overalls hat Caballero vor gut 15 Jahren auch angefangen. An der Universität kam ihm die Idee. "Eine meiner Kommilitoninnen, Tochter eines bekannten Senators, kam immer in Begleitung von zwei Bodyguards auf den Campus." Allerdings trugen die beiden nie Panzerwesten. Eines Tages erfuhr Caballero den Grund: "Die waren ihnen einfach viel zu schwer und zu steif."
Caballero studierte damals Textildesign und Betriebswirtschaftslehre, deshalb wurde er hellhörig. Er lieh sich etwas Kapital von seiner Mutter und kaufte eine herkömmliche Panzerweste. Der findige Student untersuchte sie en detail, schichtete Stoff und Panzerung neu, wodurch das gute Stück einige hundert Gramm leichter wurde, und verkaufte es an einen Wachmann. "Das war mein Start in die Selbstständigkeit."
An den Nähmaschinen vorbei weist Caballero den Weg zum Schießstand des Hauses. Dort führt der Chef nur zu gerne vor, was seine Produkte leisten. Als Versuchskaninchen dienen ihm dabei die eigenen Angestellten.
Un, dos, tres - und Feuer
Heute muss sich der angehende Leiter der Boutique in Mexiko-City, Andrés Aljure, dem schießfreudigen Chef stellen. "Eine Art Aufnahmeprüfung", feixt Caballero und nimmt den 38er-Revolver Marke Indumil von seiner Sekretärin in Empfang. Die ist das Spektakel bereits gewohnt und teilt routiniert die Ohrschützer aus.
Caballero hat heute eine beige Lederjacke aus der für Bodyguards konzipierten Gold-Linie des Hauses ausgewählt. Andrés streift das Stück linkisch über. Etwas ängstlich wirkt der 35-jährige Marketingexperte, als sein Chef die potentielle Einschussstelle mit bunten Aufklebern markiert, auf denen das Firmenlogo prangt.
Dann schiebt Caballero die Patrone in den Trommelrevolver, setzt die Ohrschützer auf und blickt sich noch einmal fragend um. "Alles fertig"? Alle nicken und Caballero beginnt zu zählen: "Un, dos, tres" - es blitzt und knallt, Rauch steigt auf.
"Nicht mehr als einen leichten Druck habe ich gespürt", sagt Andrés erleichtert, während Caballero schon vor ihm steht und mit dem Zeigefinger im Einschussloch pult. "Hier ist sie", ruft er triumphierend und zieht das platt gedrückte Stück Metall aus dem Leder. Ein Andenken für Andrés, der sein Leben der im Futter verborgenen elastischen Einlage aus Nylon, Aramid und Polyethylen verdankt.
Gerade 1,2 Kilogramm wiegt die Panzerung, an der die Angestellten Caballeros immer wieder tüfteln, um sie noch undurchdringlicher, elastischer und leichter zu machen. "Mehr als zwei Jahre Garantie geben wir jedoch nicht", erklärt Marketingchef Agustín Villamarí. "Schließlich kommt immer wieder neue Munition auf den Markt." Und in Kolumbien, wo seit über fünfzig Jahren ein erbitterter Bürgerkrieg tobt und Entführungen und Morde zum Alltag gehören, kommt sie auch zum Einsatz. Ein zentraler Grund, weshalb das Sicherheitsbedürfnis besonders hoch ist und die Kundendatei Caballeros stetig wächst.
Nur die Drogenbarone sind als Kunden unerwünscht. Deren Namen stehen in der "Clinton-Liste", die im Regal hinter Caballeros Schreibtisch steht. Benannt ist die Liste nach dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton. In ihr sind Tausende von Personen aufgeführt, die nach Einschätzung der Amerikaner mit dem Drogenhandel zu tun haben. "Jeder, der hier vermerkt ist, hat bei uns nichts zu suchen", sagt der Hausherr. Sein Büro hat er zur persönlichen Festung inklusive Hochsicherheitstür mit Zahlenschloss ausbauen lassen. Caballero trägt auch selbst, was er verkauft.
Regelmäßig wird die schusssichere Ware aus der Nähstube des Meisters getestet, nicht nur von Marketingchef Villamarí und seinen Kollegen, sondern auch von einschlägigen Agenturen in den USA, deren Zertifikate im Treppenhaus hängen. Und immer wieder wird die Mischung der lebensrettenden Einlagen modifiziert.
Paris - das Sprungbrett nach Europa
Aus vier verschiedenen Linien besteht Caballeros Kollektion, national wie international macht er mit ihnen Furore. Neben der klassischen Linie für Armee und Polizei gibt es eine Kollektion für Motorradfahrer, die Goldlinie für Bodyguards und die Platin-Kollektion. Die ist für Politiker, Unternehmer und andere Prominente, durch sie wurde Caballero weltweit bekannt.
Zu seinen Kunden gehören Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe, dessen weißes Tropenhemd, die Guayabera, genauso wie das rote Pendant von Hugo Chávez aus seiner Schneiderei stammt. Auch Brasiliens Präsident Inácio Lula da Silva, das spanische Königshaus oder US-Schauspieler Steven Seagal beziehen schusssichere Mode aus der Werkstatt in Bogotá.
Die Prominenz wird vom "Armani der schusssicheren Mode" ("Business Week") persönlich betreut. Für den Mann, der schneller spricht als die Nähmaschinen im Erdgeschoss rattern, eine Selbstverständlichkeit. Mund-zu-Mund-Propaganda ist für ihn die beste Werbung, um auch weiter zu expandieren.
Derzeit wird für Auftraggeber aus 22 Ländern produziert - Tendenz steigend. Und nachdem Caballero im Januar seine Kollektion in Orlando bei der "Shot Show", einer Messe für Schusswaffen und Jagdbedarf, vorführte, steht im Spätsommer Paris auf dem Programm. Dort findet die Milipol, eine internationale Messe für den Bedarf von Polizei und Sicherheitsunternehmen, statt. Caballeros Models sollen die High Security Fashion auf dem Laufsteg präsentieren.
"Paris könnte zum Sprungbrett für den europäischen Markt werden", sagt Caballero. "Ein bisschen Kolumbien ist schließlich überall."
Von Knut Henkel
SPIEGEL ONLINE - 03. August 2007, 17:34
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