Dienstag, 22. Mai 2007
So können Sie Ihr Unternehmen schützen Maximilian Burger-Scheidlin, Geschäftsführer der Internationalen Handelskammer ICC Austria, analysiert menschliche Gier, die Tricks von Abzockern und Wirtschaftsgaunern und die Chancen, Fälscherfabriken in China zu zerstören. Seine einfache Faustregel zur Prävention: Jedes Geschäft, das die Ertragserwartungen seriöser Finanzdienstleister weit übersteigt, sollte abgelehnt werden. Interview Maike Seidenberger
die wirtschaft: Wie groß ist der Schaden, der österreichischen Unternehmen durch Wirtschaftskriminalität entsteht?
Maximilian Burger-Scheidlin: Das kann man nur grob abschätzen - rund 3 bis 4 Milliarden Euro jährlich durch Geldanlagebetrug, 2,5 bis 3 durch internen Betrug (also durch Mitarbeiter), etwa 3 Milliarden durch "Schutz" der Wirtschaft vor Importen, Zollbarrieren und dergleichen; dazu kommen noch etwa 1,5 Milliarden Euro durch Produktpiraterie und etwa 1 Milliarde durch Projektfinanzierungsbetrug. In Summe geht es um etwa 15 Milliarden Euro Schaden - pro Jahr.
die wirtschaft: Zu den Gefahrenquellen von außen: Warum fallen gestandene Unternehmer immer wieder auf die gleichen Tricks herein? Die Lernkurve im Bereich Wirtschaftskriminalität scheint sehr flach zu verlaufen. Beispiel: Die Betrüger-Mails aus Afrika kamen vor 20 Jahren als Fax, aber die Masche hat sich kaum verändert.
Burger-Scheidlin: Ich bekomme selbst zwei bis drei Mal im Jahr Anfragen von Anwälten, die wissen wollen, ob das nicht doch legitime Geschäfte sein könnten. Von Anwälten! Was soll man da machen? Es gibt aber auch neue Schmähs. Etwa den, wo man aus einem weit entfernten Land kontaktiert wird, weil angeblich ein Verwandter gleichen Namens gestorben ist und man aufgefordert wird, eine beträchtliche Erbschaft in Empfang zu nehmen. Abgewickelt werde die Verlassenschaft von einem lokalen Anwalt, der eine Gebühr dafür einhebt, natürlich im Voraus. Da ist alles echt - außer der Erbschaft. Auch die Betrügereien im Zusammenhang mit Warenlieferungen nehmen stark zu. Unlängst hatte ich einen Fall auf dem Tisch, bei dem es um eine Lieferung von TV-Monitoren nach Uganda ging. Man hatte sich mit dem österreichischen Händler vertraglich auf einen Preis geeinigt, bezahlt werden sollte per Scheck. Der Importeur schickte einen Scheck, der auf eine US-Konto lautete, den der Österreicher bei einer US-Bank zum Clearing einreichen sollte. Der Scheck war nicht gedeckt. Das ist ein Trick, der oft gegen KMU verwendet wird. Oder: Ein Nigerianer reist persönlich nach Österreich, klappert kleine Bürobedarfshändler ab, bestellt Möbel, Leuchten und anderes. Die Aufträge bewegen sich in einer Bandbreite zwischen 10.000 und 45.000 Euro. Dabei kündigt der Reisende eine Bestellung seiner nigerianischen Firmenzentrale an, Bestellformular und Preisliste solle man wegen der schlechten Postverbindung am besten per Boten schicken, die bestätigte Bestellung komme ebenfalls per Boten retour. Das kostet pro Durchgang 65 Euro, zu zahlen von der österreichischen Firma. Dann geht es beim Aushandeln der Finanzierung noch einmal so hin und her. Es geht allein um das Abschöpfen dieser Gebühren. Bei 30, 40 österreichischen Geschäften kommt da einiges zusammen.
die wirtschaft: Heißt das, man soll Geschäfte ausschließlich mit dem Unternehmen um die Ecke machen, das man seit Jahren kennt?
Burger-Scheidlin: Man sollte einige Vorsichtsmaßregeln beachten. Die erste: Keine Geschäfte abseits der eigenen Branche, in der man sich auskennt. Ein Kfz-Reparaturbetrieb sollte nicht mit Milchpulver handeln. Zweitens: So viele Informationen über neue Geschäftspartner einholen wie möglich - Bankauskünfte, die ICC, auch ein Gespräch mit dem Repräsentanten über seinen persönlichen Hintergrund, Branchenerfahrung und ähnliches ist aufschlussreich. Drittens: Wenn die versprochen Margen branchenunüblich groß sind, sollten alle Alarmglocken schrillen. Da muss man die Gier im Zaum halten. Viertens: Man sollte sich jedes Geschäft genau erklären lassen - und es nicht machen, wenn man einzelne Punkte nicht versteht. Ein Warnsignal sind zu viele Zwischenstationen - seriöse Deals sind meist sehr klar und einfach. Und schließlich: Nicht unter Zeitdruck setzen lassen - Wenn der Partner zu ungeduldig ist - bleiben lassen! Die geographische Herkunft ist übrigens kein Indikator - wir schätzen, dass 60 Prozent des Geldanlagebetrugs von einem deutschen, insgesamt 90 Prozent von einem westeuropäischen Front Office aus passieren.
die wirtschaft: Wie entwickelt sich die Verknüpfung von Cybercrime und Betrug in der Realwirtschaft? Elektronische Geschäftstransaktionen werden häufiger, schneller - wie anfällig sind sie? Wie können sich Unternehmer schützen?
Burger-Scheidlin: Man muss unterscheiden: Manche Wirtschaftsvergehen werden überhaupt erst durch Internet möglich - Hacking und Phishing beispielsweise. Ihr Anteil steigt zwar, ist aber in Summe noch relativ gering. Der Großteil der Internet-gestützten Gaunereien sind aber alte Sachen auf dem elektronischen Kanal, wie etwa die E-Mail-Aufforderung, bestimmte Aktien zu kaufen. Vorsicht walten lassen sollten KMU beim Umgang mit Kreditkarten und bei E-Banking. Faustregel: So wenig wie möglich nach außen geben. Konkret: Für Beschaffung via Internet sollte man mehrere Karten haben, mit verschiedenen Limits, die man mit der Kreditkartengesellschaft festlegt. Zum Beispiel: Von dieser Karte maximal 200 Euro pro Transaktion, höchstens 1.000 Euro pro Monat. Dazu muss man allerdings die Einkaufsgewohnheiten in der Firma kennen und diese strikt kategorisieren. Für E-Banking sollte man ein eigenes Konto haben, auf dem nie besonders hohe Beträge liegen. Was die Geschäftskonten angeht, sollte auch ein KMU mindestens zwei haben - eines für Eingänge, eines für Ausgänge. Auf Geschäftsunterlagen kommt dann nur die Nummer des Kontos für Eingänge. Außerdem sollte man für Geschäftsbriefe und Bankunterlagen die Unterschrift jeweils leicht abwandeln. Und schließlich Anbote möglichst tief in der Firmenhierarchie unterschreiben lassen - etwa von der Sekretärin im Auftrag, also die "Bank-Unterschrift" möglichst wenig hinaus gehen lassen. Das ist einfach, kostet fast nichts - man muss nur daran denken.
die wirtschaft: Ein Wirtschaftsverbrechen, von dem gerade innovative Unternehmen oft betroffen sind, ist Produktpiraterie - kann man sich dagegen überhaupt schützen oder sollte man es unter Marketing-Erfolg verbuchen, dass man imitiert wird?
Burger-Scheidlin: Die meisten Firmen machen zu wenig. Wichtig ist, dass man eine Strategie entwickelt. Das fängt bei simplen Dingen an, wie dem Einstanzen von Codes in technische Teile, Sicherheitsverpackungen. Die wenigsten registrieren ihre Waren beim österreichischen Zoll - das sollte aber selbstverständlich sein. In den klassischen Kopierländern (unter anderen China, Russland, Türkei, d. Red.) muss man eine Strategie konsequent fahren: Entweder man schützt seine Innovationen durch Patente möglichst flächendeckend, "pflastert" die Regionen regelrecht zu. Oder man patentiert gar nichts und setzt auf Schnelligkeit, bringt alle paar Monate eine Neuerung. Dann darf ich aber auch keine Betriebsbesichtigungen zulassen - die sollten überhaupt eher die Ausnahme als die Regel sein -, muss mir auch überlegen, auf welche Messen ich gehe. Manchen Leuten zeigt man am besten nach einer Messe nichts. Heikel sind auch Konferenzauftritte - man sollte ganz genau überlegen, welche Produktinformationen man nach außen gibt.
die wirtschaft: Das hält Piraten aber nicht ab. Viele setzen ja darauf, dass etwa Länder wie China, sobald sie selbst genug Technologie entwickeln, ein Eigeninteresse am Schutz geistigen Eigentums entwickeln. Ist das überoptimistisch oder gibt es Schutz?
Burger-Scheidlin: Es sind immer mehr österreichische Firmen betroffen - die Kopier-Unternehmen sind sehr professionell aufgezogen und haben oft einen Bezug zur organisierten Kriminalität. Aber man muss sofort reagieren, wenn etwas auftaucht. Und zwar nicht beim Importeur oder Händler - wenn man da bleibt, wird einfach nur die Route geändert -, sondern direkt an der Produktionsstätte. Das erfordert oft detektivische Fähigkeiten. Zuerst muss man auch schauen, dass man im Herstellungsland der Fälschung juristisch richtig aufgestellt ist. Wir von der ICC beraten Unternehmen, helfen Fälscherfabriken auszuheben - das reicht bis zur Zerstörung der Maschinen. In China zum Beispiel zerschlagen wir inzwischen mit Teams aus Anwälten und Sicherheitsleuten 30 bis 40 solcher Fabriken pro Monat. Die Erfolgsquote variiert regional, aber an der Küste hat man schon eine Chance von 30 bis 40 Prozent. Ein wichtiger Faktor ist auch, wie man das Personal behandelt. Gute Vorarbeiter und Ingenieure muss man halten - das ist wie in Europa. Dazu gehört auch, auf ihre Lohnforderungen einzusteigen, dort wechseln die Leute um 100 Dollar mehr im Monat sofort und nehmen ihr Wissen mit.
Zur Person Maximilian Burger-Scheidlin, Jahrgang 1950, studierte Wirtschaftsrecht in Wien, Harvard, New York und Cambridge und war seit 1976 in der Außenhandelsorganisation der WKO tätig, vor allem in Asien, Australien und Afrika. Er beriet die Wirtschaftsminister der Philippinen und der Malediven und arbeitete von 1986 bis 1990 für die Unido. 1990 bis 1993 war er österreichischer Handelsdelegierter in Japan, seither ist er Geschäftsführer der Internationalen Handelskammer ICC Austria. Deren Beratungsschwerpunkte sind: Außenhandel und Recht, Prävention von Wirtschaftskriminalität. Verlagerung von Industriestandorten, internationale Verhandlungstaktik und Streitbeilegung.www.icc-austria.at Kontrolle ist besser Risikomanagement vor allem für international tätige Unternehmen bedeutet zunehmend auch interne Kontrollen - die Unternehmensführung muss sicherstellen, dass Mitarbeiter über gesetzliche Verpflichtungen und Regulative Bescheid wissen und sie auch befolgen. Augenzwinkerndes Wegschauen oder Duldung/Billigung illegalen Verhaltens durch Untergebene hat ruinöse Folgen, wenn sie auffliegt (aktuelles Beispiel: Siemens). Die meisten Firmen rechnen laut einer Umfrage des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young mit weiteren Verschärfungen im Compliance-Bereich (der Überprüfung, ob sich Unternehmen an alle für sie relevanten rechtlichen Vorschriften halten, d. Red.). Wirtschaftsprüfer reagieren - auch wegen ihrer eigenen Haftung - ebenfalls: So hat etwa Deloitte Österreich eine eigenes "Forensic & Dispute Service Center" eingerichtet, das sich vor allem der Prävention von Wirtschaftsverbrechen durch Mitarbeiter widmet. Beraten werden sollen Unternehmen beim Entwerfen eines Risikomanagements, das Betrug, Unterschlagung, Untreue, Korruption, Patent- und Wettbewerbsverletzungen, Geldwäsche und Bilanzmanipulation verhindern soll.www.ey.com/austria www.deloitte.at
Spielarten von Wirtschaftskriminalität
- Geldwäsche - Pfusch/ Hinterziehung von Steuern und/oder Sozialabgaben - Produktpiraterie - Anlagebetrug - Investitions- und Kreditbetrug /"self-paying loans" - Korruption (Bestechung von Beamten/ anderen Unternehmen) - Import-/Exportbetrug (inklusive Transport) - Interner Betrug durch Mitarbeiter - Werkspionage - IT-Kriminalität (z. B. Hacking, Phishing, fiktive Geschäfte über manipulierte Websites)Die Wirtschaft, 21.5.2007 URL: http://www.die-wirtschaft.at/ireds-39618.html
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