Donnerstag, 29. März 2007
Ein Wolf, kein LamperlWer die Korruptionsvorwürfe gegen Wiener Kriminalbeamte beurteilen will, muss das Rotlichtmilieu verstehen. Und wer dieses kennen will, kommt an Harald Hauke nicht vorbei. Tauchgang in die Gedankenwelt eines Ex-Gürtelkönigs auf Rachefeldzug. Unvermittelt knöpft er die Hose auf und lässt sie herunter. Vom linken Oberschenkel blecken vier tätowierte Spielkarten-Asse: „Also, wie erklärst du dir das? Sie bläst mir zehn Minuten lang einen und weiß dann nicht mehr, auf welchem Schenkel ich die Karten hab. Sie sagt, sie musste nachher in der Hundestellung auf der Rückbank von dem Mercedes Coupé hocken, ich soll ihn ihr hinten reingesteckt und dabei auf ihren Popsch ghaut haben. Jetzt sag mir einmal, wie das gehen soll, wo in dem Auto überhaupt kein Platz ist?“ Wir befinden uns in der eleganten Innenstadtkanzlei von Rechtsanwalt Lutz Hötzl nahe dem Stubentor. Harald Hauke, Unterweltboss und Hötzls Mandant, der vor kurzem aus der Haft entlassen wurde, demonstriert gerade, wieso er die Vergewaltigung, wegen der er einsaß, nie und nimmer begangen haben kann. Auch Haukes Freundin A. und sein Geschäftspartner Peter L. sind zum Interviewtermin gekommen. Hauke wendet sich an Falter-Fotografin Gossow: „Schauen Sie mich an: Glauben Sie, dass ich ein Vergewaltiger bin? Schaut so ein Vergewaltiger aus? Ich hab eine wunderschöne Freundin daheim, die auf Analverkehr steht. (Zur Freundin) Ist des richtig, jo oder na? (Sie: Jo) Und wenn ich eine Frau anal vergewaltige, dann hat’s eine Verletzung – das können S’ mir glauben. Ich bin sicher kein Lamperl. Ich bin ein Wolf. Aber vergewaltigen brauch ich niemanden.“
Am 17. Jänner 2004 wird Hauke in einem spektakulären Einsatz – laut Polizeibericht erleidet Hauke, der sich heftig gegen die vier Wega-Beamten wehrt, Hautabschürfungen und Schädelprellungen – vor seiner Wohnung festgenommen. Nach seinem Schuldspruch sitzt er bis Anfang 2007 in der Justizanstalt Hirtenberg. Zu Unrecht, wie der 45-Jährige heute behauptet. Erst eine Intrige seiner Feinde aus dem Milieu gemeinsam mit korrupten Polizeibeamten habe seine Verurteilung ermöglicht. Nun schlägt er zurück. Ein Kriminalist nach dem anderen gerät aufgrund seiner Aussagen in Verdacht. Der eine soll in einem Puff Geburtstag gefeiert haben, der andere wurde bei der Hochzeit eines Rotlichttürstehers gefilmt. Und obendrein würden sich Kriminalisten an großangelegten Schutzgelderpressungen beteiligen. Hauke: „Ich will Gerechtigkeit. Und wenn ich ganz ausgepackt hab, dann wird der Staat die Kriminaldirektion 1 zusperren müssen.“ Hauke kämpft um die Wiederaufnahme seines Verfahrens und um seine Glücksspielautomaten. Was er erzählt, zeugt nicht nur vom Selbstverständnis eines (ehemaligen) Bordellkönigs, sondern auch vom Verhältnis zwischen Polizei und Rotlichtmilieu. Es zeigt, wie die Machtkämpfe in den beiden Welten zusammenhängen und wie Kiberer und Zund einander behilflich sind, wenn es ihren Zwecken dient. Es zeigt auch, wie schwierig es ist, zu erkennen, wo Vorwürfe auf Tatsachen beruhen oder aber Intrigen entspringen und wo ein notwendiges Naheverhältnis zum Informanten in Korruption übergeht. Die Affären der vergangenen Wochen und Monate kann jedenfalls nur verstehen, wer weiß, wie die Rotlichtszene funktioniert. Und wer das wissen will, kommt an Harry Hauke nicht vorbei. „Ich habe das Milieu im Namen der Bevölkerung geführt“, sagt Hauke in unserem Interview, das weniger ein Zwiegespräch als eine Rede ist. „Stellen Sie sich vor: Wir haben kein Puff. Dann hamma Vergewaltigungen, dass die Häfentür nicht mehr zugeht. Wo geht denn der überforderte Geschäftsmann oder Bauarbeiter hin, der einen Ständer hat wie ein Pferd und einen Stress im Kopf wie ein Mistkübel? Daheim hat er die Frau in der Pumpanella. Wenn er zu der sagt: Blas mir einen. Sagt die: Depperter, was willst du von mir. Also geht er zu einer Prostituierten. Und für das waren wir da, und für das waren die armen Madeln da, und das haben sie auch gewusst. Wir haben den Gürtel salonfähig gemacht. Haben schöne Bars geschaffen auf einer gutbefahrenen Straße. Ein Schimanko – Gott hab ihn selig – hat dasselbe getan, nur dass er jede Woche Spenden an Kinder gegeben hat. Dafür war er dann der Saubermann.“ Waren es in den Sechzigerjahren die „Schmutzer Buben“, die den Strich kontrollierten, und in den Siebzigerjahren der „Ederl“, so übernahm Mitte der Achtzigerjahre Hauke das Ruder. Schon sein Stiefvater – Karl Koller – war im Milieu kein Unbekannter gewesen. „Des ist der Bua vom Koller – lossts eam“, sollen die Pülcher anfänglich über ihn gesagt haben, wenn er es wieder einmal gar zu wild trieb. Mit einem überbordenden Ego, viel Ehrgeiz und Brutalität kämpft er sich an die Spitze der sogenannten Gürtelpartie. Bis Anfang der Neunzigerjahre sind es für die Bordell- und Barbetreiber gute Zeiten. Die Reviere sind abgesteckt. „Und solange die Pfründen klar verteilt sind, ist immer alles ruhig“, sagt ein langgedienter Ermittler. Als in den Neunzigern der Eiserne Vorhang fällt, ändert sich auch der Strich. Grenznahe Puffs ziehen Freier an, junge Prostituierte aus dem Osten drücken die Preise. Eskortservicefirmen schießen aus dem Boden, und das Internet erleichtert es einzelnen Sexarbeiterinnen, ihre Dienste direkt anzubieten. Das beschädigt zwar nicht die Geschäfte der Nachtclubs und Nobelpuffs in der Wiener Innenstadt. Aber der „Diskontmarkt“ erhöht den Druck auf die Lokale am Gürtel. Der Konkurrenzkampf wird härter, und die Fremdenpolizei findet in den Bordellen immer öfter Mädchen ohne Aufenthaltsberechtigung. „Die Polizei hat uns alles Mögliche geschickt: Gesundheitsamt, Marktaufsicht, Gewerbeamt – die haben Riesenrazzien veranstaltet. Nach dem Motto: Jetzt gemma den Hauke sekkieren. Ich bin vom Staat behandelt worden wie der letzte Dreck, obwohl ich Hunderttausende Euro Steuern bezahlt habe. Nonstop sind mir Mädchen weggenommen worden. Die Lokale in der Innenstadt haben Tänzerinnenvisa für die Mädels bekommen. Für die Gürtellokale hat es das nicht gegeben. Ich habe mich gefühlt wie der Don Quichote, der mit Windmühlen kämpft.“
Wer in Wien die Gewerbeberechtigung für ein Bordell erhalten will, hat das Nachsehen. So etwas gibt es nämlich nicht. Ein klarer gesetzlicher Rahmen fehlt. „Die österreichische Lösung ist in vieler Hinsicht fadenscheinig“, erklärt Herbert Selbach vom Landeskriminalamt: „Die linke Reichshälfte schreit: Hilfe, die Frauen werden unterdrückt. Die rechte fürchtet um den Verfall von Sitte und Moral. Das Thema richtig anzugehen und klare Lösungen zu finden, traut sich keiner.“ Die Folge ist ein Wildwuchs bei den Umgehungsunternehmen – in Swingerclubs, Massagesalons, speziellen Videotheken, Peepshows mit Hinterzimmern – und eine verwirrende Behördenzuständigkeit. Heute gibt es in Wien neben den 1.200 angemeldeten rund 3.500 illegale Prostituierte. Weil eine Razzia in einem Puff immer eine massiv geschäftsstörende Wirkung hat, sind die Lokalbetreiber in hohem Maß vom Wohlwollen der Behörde abhängig. Umgekehrt ist die Rotlichtszene von hohem Interesse für die Ermittler, denn im Milieu sind die Übergänge zu Frauenhandel, illegalem Glücksspiel oder Drogenhandel fließend. In Zeiten innerpolizeilicher Machtkämpfe sind Fahndungserfolge noch wichtiger als sonst. Und ein diskreter Hinweis an einen Polizisten kann sehr nützlich sein, um einen Konkurrenten auszuschalten. Tipps aus der Szene sind der Grund, weshalb Polizeigeneral Roland Horngacher sich gegen den Vorwurf verteidigen muss, er habe sich in Nina’s Bar vergnügt. Tipps aus der Szene führten zu Ermittlungen gegen das Saunabordell Goldentime in Simmering, was letztlich Ernst Geiger, den Chef der kriminalpolizeilichen Abteilung, den Job kostete. Tipps aus der Szene führten schließlich zum Auffliegen eines Mädchenhändlerringes – der Falter veröffentlichte damals die Abhörprotokolle. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde Franz „Franky“ H. deshalb zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. „Dann hat man uns für etwas bestraft, das wir nie gemacht haben. Wir sollen Mädchen gezwungen haben, was aber überhaupt nicht stimmt. Die sind freiwillig gekommen. In meinen Lokalen sind die Mädchen behandelt worden wie Königinnen. Das sind ja auch Menschen. Was braucht eine Frau auch von einem Penis Angst haben? Wir haben ja vor einer Muschi auch keine Angst! Ist das was Schlechtes, wenn sie drei, vier oder fünf Penisse pro Nacht hat und dafür noch Geld bekommt?“ So gewaltfrei, wie Zuhälter und Puffbetreiber die Szene gerne darstellen, ist sie nicht. „Die brutale Gewalt findet heute allerdings meistens schon im Vorfeld und oft nicht erst in Österreich statt“, glaubt Kriminalist Selbach. Oft ist sie auch gar nicht nötig. Die Mädchen, die sich fern der Heimat aufhalten, sprechen selten Deutsch und haben keine Verwandten oder Bekannten in der Stadt, weshalb sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Zuhälter oder Bordellbesitzer stehen. Daneben geht es um Dominanz und Machtdemonstrationen: Wie im Fall des H., der im Korneuburger Mädchenhandelsprozess aussagte, darauf geschaut zu haben, dass Mädchen keine Unterwäsche trugen und eine „gute Intimrasur“ hatten. Zurück in die Anwaltskanzlei, wo Harald Hauke gerade erzählt, warum er sich im Jahr 2000 vom Gürtel zurückzog. „Es ist immer schlimmer geworden: Eine Bibliothek hat man hingebaut. Man räumt die Stadtbahnbögen aus und richtet Kulturzentren ein. Da passt natürlich das Nachtleben nicht mehr dazu. Außerdem hat der liebe Herr Hauke vor 16 Jahren mit Tai-Chi begonnen. Ich betreibe keinen Kampfsport, ich boxe nicht mehr. Ich mache kontemplative Konzentrations- und Bewegungsübungen, um Körper und Seele in Einklang zu bringen. Das hat mein Leben verändert. Ich habe Seminare mit chinesischen Meistern besucht. Ich hab seit neun Jahren meine Freundin, ich bin seit 25 Jahren verheiratet, mittlerweile ist meine Frau mein bester Freund. Ich hab mir gesagt: Harry, jetzt ist es genug. Ich habe meinen anderen Standfuß: meine Spielautomaten. Und so hab ich die Lokale verkauft.“
Die Polizei war lange überzeugt, dass Hauke auch nach seinem Abgang weiterhin die Gürtellokale kontrollierte: „Hauke ist in die Peepshows und Bars und Cafés reinmarschiert“, sagt ein Ermittler, der nicht namentlich genannt werden will, „und hat die Lokalbetreiber gefragt, ob sie nicht einen Automaten aufstellen wollen. Dann hat sich der Hauke mit denen einen Minimalumsatz ausgemacht. Ist der nicht erreicht worden, musste der Lokalbetreiber die Differenz ausgleichen. Haben sie nicht bezahlt, hat es Schläge gegeben oder ein Rollkommando.“ Bewiesen wurde dieser Vorwurf allerdings nie. Neuer Besitzer von Haukes Lokalen am Gürtel wird zunächst Alfred K. Der notorische Spieler – zuletzt versuchte er sogar, den Automatenhersteller Novomatics wegen seiner Spielschulden in Millionenhöhe zu klagen – fährt die Betriebe in die Verlustzone. K. verkauft Haukes Lokale, darunter das Pour Platin, an jenen Mann weiter, der künftig am Gürtel die Muskeln spielen lassen wird: Rudolf Steiner. „Jetzt ist es so: Kommt ein Schwammerl auf die Welt, ist es schon dazu verurteilt, den Platz für das nächste freizumachen. Und das ist in meinem Fall der Herr Steiner. Der hat aber keine Vergangenheit. Das ist ein Jugo, der sich in Österreich integriert hat und der jetzt ein Identitätsproblem hat. Natürlich hat der Herr Steiner, um sein Territorium zu verteidigen, markieren müssen. So wie in der Natur: Wer den stärkeren Urin hat, der ist der Sieger. Jetzt muss er natürlich seine Person darstellen. Erzählt jedem, er war Fremdenlegionär, was er nie war. Erzählt jedem, er macht 600 Klimmzüge. Spricht nur von Lao-Tse und hat von dem in Wahrheit keine Ahnung. Und ein Rabbi hat ihm prophezeit, er gewinnt einen jeden Krieg. Der Steiner hat mich als Gefahrenquelle gesehen. Ich habe Spielautomaten in diversen Peepshows gehabt, die sehr lukrativ waren. Weil viele Leute, die auf ein Mädchen warten, spielen. Das ist ja eine super Sache. Und der Steiner wollte mich endgültig weghaben.“ Steiner, der erklärte Erzfeind von Hauke, ist so etwas wie ein Phantom. In seinen Lokalen ist Steiner, der momentan der mächtigste Mann im Rotlicht sein soll, nie körperlich anzutreffen. Seit zwei Jahren lebt er nämlich in einer Villa in der Dominikanischen Republik nahe Puerto Plata. Die Geschäfte lenkt er über Telefonate und Videokonferenzen. Der Computer mit Internetanschluss, Webcam und Mikro im winzigen Büro des Pour Platin am Neubaugürtel macht es möglich. „Ich will keinen Krieg“, sagt Steiner gerade ins Telefon, „ich will nur meine Ruhe.“ An diesem Freitagabend stehen fünf Leute um den Schreibtisch herum: Unter ihnen Steiners rechte Hand , den im Milieu jeder nur „Rocky“ nennt, Geschäftsführer Christian R. und Peter A., der 2,13 Meter große Türsteher. Das Mobiltelefon wird von einem zum anderen weitergereicht. Mit dem Falter rede er nur, sagt Steiner, weil „absurde Sachen behauptet werden. Es ist sonst nicht meine Art, mich über die Medien zu äußern“. Hauke – ist Steiner überzeugt – verfolge eine Strategie der Zerstörung. „Der will uns mit Intrigen und Anschuldigungen so lange anschwärzen, bis uns die Luft ausgeht.“ Im Unterschied zu Hauke habe er nie in Zweifel gezogen, dass die Polizei der Chef ist. Steiner – der 37-Jährige war angeblich Söldner in Kroatien – soll einen Verein ins Leben gerufen haben, der zunächst „Freies Wien“ und später dann „Nokiaclub“ hieß (beide Vereinigungen scheinen im Vereinsregister nicht auf). Die Lokalbesitzer zahlten einen monatlichen Betrag zwischen 300 Euro und 2000 Euro. Dafür hatten sie die Möglichkeit, bei Schwierigkeiten eine Notrufhotline zu wählen. Innerhalb von fünf Minuten waren Sicherheitsleute an Ort und Stelle, um die Situation zu bereinigen. Dieses Konzept einer privaten Sicherheitsinitiative allein wäre ja noch nichts Verwerfliches – auch Diskotheken halten sich ja ihre Türsteher, – doch soll es nicht ratsam gewesen sein, das Schutzangebot des Vereins auszuschlagen. Die Staatsanwaltschaft, die dem Verdacht der Schutzgelderpressung gegen Steiner schon früher nachging, vermochte die Anschuldigungen nicht zu bestätigen. Was ihn von Steiner unterscheidet, erklärt Hauke so: „Der Hauke hat auch Bugln (Rotwelsch für Schläger, Leibwächter. Anm. d. Red.) gehabt, aber wissen S’ für was? Dass Sie, wenn Sie als Gast zu mir kommen, Ihre Ruhe haben. Was glauben Sie, wer in der Nacht unterwegs ist? Besoffene, Depperte, Räuber, alles. Da haben wir die Lokale saubergemacht und uns auch selbst geschützt. Und es kann uns keiner vorwerfen, dass wir die Polizei eingeschalten haben. Wir haben das selber geregelt. Eine auf die Nase, oder eine auf die Ohren. Und auf das bin ich vorbestraft. Und sonst auf nichts. Ich hab keine Oma in den Bach gestoßen, ich hab keinen niedergeführt. Keinen Raub gemacht, nichts mit Rauschgift zu tun, ich bin kein Menschenhändler und auch kein Zuhälter. Ich habe nie an einem Schandlohn verdient, sondern nur meine Getränke verkauft.“ Anfang 2004 bekommt der Konflikt eine neue Dynamik. Es ist die Zeit der großen Polizeireformen unter der Ägide von ÖVP-Innenminister Ernst Strasser. Umbauten der Organisation und teilweise politisch motivierte Neubesetzungen, die in den Reihen der Polizei für massive Kritik sorgen, setzen die Exekutive unter Druck. Roland Horngacher, der neue starke Mann im Wiener Sicherheitsapparat, will Erfolge sehen. Es beginnen Erhebungen im Etablissement No name von Haukes Freund Peter L. in der Webgasse, die später auf den gesamten Strich ausgedehnt werden. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, richtet man Sperrlisten ein. Deren Zweck: Es sollte nicht ausgerechnet dann in einem Lokal eine Razzia durch eine Polizeiabteilung geben, wenn eine andere dort gerade verdeckt ermittelt. Wie die Gegner von Horngacher und dem Chef der Kriminaldirektion 1 Roland Frühwirth, der im Milieu nur „der Lange“ heißt, monieren, gerät das System der Sperrlisten allerdings bald außer Kontrolle. Zum einen scheint die Zahl der aufgelisteten Lokale zu groß. Von bis zu 300 Lokalen ist da die Rede. Zum anderen, wird heute argumentiert, wurden Sinn und Zweck der Eintragung oft nicht ausreichend dokumentiert. Im Jänner 2004 schlägt die Polizei im Rahmen der Aktion „Namenlos“ zu. Hauke, Steiner und Dutzende andere Personen aus dem Milieu werden in U-Haft genommen. Steiner ist aber mangels Beweisen bald wieder auf freiem Fuß. Auch Hauke wäre bald wieder draußen gewesem, weil der Staatsanwalt die Beweislage nicht für ausreichend hält. An Hauke bleibt schließlich der Vorwurf hängen, er hätte zwei Prostituierte zum Analverkehr gezwungen. „Keine einzige Prostituierte von Hunderten hat jemals gesagt, dass ich sie vergewaltigt, bedroht oder sonst etwas habe. Verschiedene Kiberer haben darauf gewartet, mir etwas anzuhängen. Zwanzig Jahre waren die aus verschiedenen Gründen hinter mir her.“ Laut Hauke hat die Intrige gegen seine Person so ausgesehen: Polizisten üben Druck auf verschiedene Personen im Milieu aus. Darunter auf den Polizeispitzel „Repic“, was auf serbisch „der Zopf“ bedeutet, der pikanterweise selber wegen Drogengeschichten und Schutzgelderpressungen derzeit in Haft sitzt. Als Hauke wieder auf der Bildfläche erscheint, hat er bald wieder einen Kreis von Leuten um sich, die ihn unterstützen: Wenig später gibt es Zeugenaussagen aus dem Milieu, die besagen, dass an den Schutzgelderpressungen nicht nur die Mitglieder des Nokiaclubs rund um Steiner, sondern auch Kriminalpolizisten mitgewirkt hätten. Gegen Zahlung eines entsprechenden Betrages sei das Lokal auf die Sperrliste gesetzt und fortan von Razzien verschont geblieben. Einer, der behauptet, dass Tausende Euro jeden Monat in die Taschen korrupter Beamter fließen, ist Ex-Pour-Platin-Geschäftsführer Phillip S. Der 25-Jährige läuft kurz nach Haukes Entlassung in dessen Lager über. „Steiner konnte nicht ertragen, wenn man ihm die Meinung sagt. Er will um sich nur Jasager haben“, berichtet S. Je nach Standpunkt ließ er vor seinem Abgang noch schnell einige Tausende Euro mitgehen, oder legte sie rechtzeitig bereit, „um damit die Steuer abzuführen“. Im Pour Platin erklärt unterdessen Ex-Profiboxer „Rocky“, der mit seinem dunklen Anzug, der goldenen Rolex und der Boxernase aussieht, als wäre er einem Mafiafilm entsprungen, die Sache so: „Hauke zieht momentan alle Leute zusammen, die anderswo ausgeschissen haben.“ Besonders ärgert ihn, dass ein gewisser Tommy „Versace“, der ebenfalls Kriminalisten belastet, sein Hochzeitsvideo publik gemacht hat, auf dem auch Kriminalist Franz Pripfl zu sehen ist. „Tommy ist mein Trauzeuge. Das ist ein echter Vertrauensbruch. Für einen Jugo sind in dieser Reihenfolge am wichtigsten: Gott – Trauzeuge – dann erst kommt der Bruder.“ Warum sich „Versace“, der in der äußeren Mariahilferstraße Mädchen auf den Strich schickt, auf die Seite Haukes geschlagen hat, will der baumlange Pour-Platin-Türsteher und ehemalige Kraftdreikämpfer Peter erklären: „Zuerst wollte er eines unserer Mädchen zu ihm auf den Straßenstrich abziehen. Dann hat er bei uns im Lokal eine geschlagen. Da habe ich ihn an den Ohren hochgehoben, ihm ins Gesicht gespuckt und mit einem Spitz in den Hintern vor die Tür gesetzt. Gewalt gegen die Mädchen tolerieren wir nämlich nicht.“
Wir haben damals gewusst“, sagt ein Polizist, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, „wenn wir gegen Hauke vorgehen, dann müssen wir uns warm anziehen. Oberst Frühwirth hat damals zu mir gesagt: Es kann ganz einfach nicht sein, dass die Polizei vor einem Kriminellen in die Knie geht.“ Schon während der Untersuchungen habe Hauke versucht, die Arbeit der Polizei zu behindern, indem er das Büro für Interne Angelegenheiten (BIA) – die Antikorruptionseinheit des Innenministeriums – zu mobilisieren versuchte. „Sobald aber das BIA von einem Korruptionsvorwurf erfährt, zieht es in der Regel den Beamten vom laufenden Verfahren ab. Wir haben dann jeden Ermittlungsschritt genauestens dokumentiert und mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen. Ich habe mir bewusst jeden für die Aussage ins Amt geholt, damit mir nachher niemand etwas anhängen kann.“ Die Anschuldigungen gegen die Polizisten bezeichnet der Kiberer als „reine Dreckschleuderei“. „Wenn der Hauke ein ehrenwerter Pülcher wäre, dann hätte er die drei Jahre genommen und dazu danke gesagt. Für die ganzen anderen Geschichten, wegen derer man ihn nicht drangekriegt hat.“ Hauke hat sich nicht bedankt, und die Anschuldigungen stehen weiterhin im Raum. Hinter den Polizeiaffären und dem Streit der beiden Rotlichtbarone steht die grundsätzliche Frage, wie soll der Umgang der Polizei mit Informanten in Zukunft aussehen? Staatsanwalt Walter Geyer plädiert dafür, das Spitzelwesen gleich überhaupt abzustellen: „V-Leute wollen immer eine Gegenleistung. Es wurde auch noch nie evaluiert, welche Vorteile durch diese Informantentätigkeit entstehen. Ich bezweifle stark, ob sie Erpressbarkeit und die Rufschädigung, die der Polizei entstehen kann, rechtfertigen können.“ Hauke jedenfalls ficht seinen eigentümlichen Kampf weiter, beliefert Medien mit Informationen und baut seinen Einfluss aus. „Ich rüttle an einem Baum, damit ich einen Apfel kriege, der dort oben hängt. Aber den krieg ich nicht, weil vier Affen dort oben sitzen und den Apfel festhalten. Zuerst muss ich die Affen runterbeuteln, damit auch der Apfel fällt. Das BIA fängt die Affen auf. Und ich kann mir dann den Apfel wieder nehmen. Wissen Sie, ich habe genug von dieser scheinheiligen Welt. Wo mein Platz ist, weiß ich heute noch nicht. Vielleicht hau ich mich auf einen Berg und bleibe dort allein. Ich bin wie ein scharfes Messer. Nicht von der Gewalt, sondern von meiner Lebenseinstellung her. Ich fahr gerade und nicht schief. So, das ist meine Geschichte. Ich bin der Harry. Grüß Sie.“ Quelle: Falter 13/2007 vom 28.3.2007 Ressort Politik > Rotlicht Autor Matthias G. Bernold URL: http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=451
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