Dieser Tage ist im Kölner Polizeipräsidium die Rechnung des renommierten Münchner Geowissenschaftlers Professor Peter Horn eingegangen. Knapp 5000 Euro muss die Behörde an den Forscher überweisen. Im Auftrag der Mordermittler hat sich der Wissenschaftler die Reste einer vor vier Jahren in Porz-Gremberghoven entdeckten Männerleiche angeschaut, die in einen Teppich gewickelt war. Die Hilfe des Wissenschaftlers ist die letzte Hoffnung der Kölner Polizei, denn trotz europaweiter Fahndung haben die Ermittler die Identität des Toten noch immer nicht gelüftet. Offenbar hat sich der Aufwand gelohnt, denn die Analyse des Forschers hat der Polizei jetzt wichtige neue Hinweise geliefert.
Isotopenanalyse nennt sich die in Mordfällen eher selten durchgeführte Untersuchungsmethode. „Bei Inka-Mumien und der Südtiroler Eisleiche »Ötzi« hat man das gemacht. Wir haben uns dazu entschlossen, weil es trotz des großen Aufwands keinen Ermittlungserfolg gab“, sagte Ralf Wingert, Leiter der Mordkommission „Flokati“. Der Geowissenschaftler Peter Horn hat die Schneide- und Backenzähne und die neun Zentimeter langen Haare der Leiche aufwändig auf chemische Verbindungen wie Blei, Stickstoff, Schwefel und Wasserstoff untersucht. Weil sich Stoffe aus der Umwelt im Körper ablagern, sollen auf diese Weise Rückschlüsse auf das Lebensumfeld des Toten gezogen werden. „Jedes Land hat eine unterschiedliche
Benzinverbleiung. Der Bleigehalt belegt, dass sich der Mann die letzten neuen Monate vor seinem Tod in Deutschland aufgehalten haben muss. Vermutlich im norddeutschen Flachland“, sagt Horn. Bislang hatte sich die Fahndung der Polizei eher auf Osteuropa konzentriert - nun soll das Landeskriminalamt in Niedersachsen eingeschaltet werden.
Am 30. März 2003 hatten Kinder die stark verweste Männerleiche an der Böschung eines Baggersees in Porz entdeckt. Bereits wenige Stunden später hatte die Polizei den Kölner Biologen Mark Benecke mit der Klärung des Todeszeitpunktes beauftragt. Benecke fand heraus, dass die Leiche rund vier Monate am See gelegen haben muss. Die Obduktion ergab, dass der Unbekannte mit 30 Stichen in der Oberkörper getötet worden ist. Er trug Schuhe und Unterwäsche von „Boss“, dazu ein Markenhemd. Außerdem gelang den Rechtsmedizinern die Rekonstruktion einer 30 Zentimeter großen Echsen-Tätowierung, die der Mann am Unterschenkel trug. „Wer dieses Tattoo kennt, müsste uns eigentlich sofort einen Hinweis geben können“, sagt Wingert. Beim Landeskriminalamt in Brandenburg wurde jetzt zudem eine digitale Gesichtsrekonstruktion angefertigt.
Die größten Hoffnungen knüpft die Polizei jedoch an die Isotopenanalyse. Mit Hilfe der chemischen Untersuchung konnte Peter Horn sogar das Alter des Toten auf etwa 43 Jahre taxieren. Auf den Fahndungsplakaten war das vermutete Alter der „Teppichleiche“ recht vage mit „30 bis 50 Jahre“ angegeben worden. „Für die Analyse hätte ich auch gerne Fingernägel, Muskeln oder Haut des Toten gehabt, aber davon war nichts übrig“, sagte der Münchner Forscher. Doch auch so konnte er wichtige Rückschlüsse auf das Leben des Unbekannten ziehen. Der Mann soll etwa bis zum Jahr 1976 im ehemaligen Jugoslawien, Nord-Griechenland oder Bulgarien gelebt haben. Die letzten Jahre seines Lebens habe er in Deutschland verbracht. „Seine mitteleuropäische Ernährung lässt darauf schließen“, sagt Horn. Eine Zahnanalyse hat ergeben, dass der Mann in jungen Jahren recht schlechte Zähne hatte, sich dann aber einer Behandlung unterzogen hat, die über den kassenärztlichen Standard hinausgeht, so die Polizei.
Professor Peter Horn hat der Polizei schon mehrfach bei der Untersuchung komplizierter Mordfälle geholfen und wertvolle Hinweise geliefert. „Ich erhebe nicht den Anspruch, brauchbare Beweise zu liefern. Es geht nur um Hinweise“, sagt Horn. Die Trefferquote seiner Gutachten liege bei etwa 30 Prozent, sagt er. Für die Kölner Fahnder ist es immerhin ein Hoffnungsschimmer. „Vielleicht erhalten wir jetzt Hinweise aus Norddeutschland. Mich wundert, dass die getötete Person nicht vermisst gemeldet wurde“, sagt Kommissar Ralf Wingert. Auch die DNA des Mannes ist in keiner europäischen Polizeidatenbank registriert.
Kölner Stadtanzeiger, 5.3.2007
VON THORSTEN MOECK
URL: http://www.ksta.de/html/artikel/1172183422066.shtml