Polonium-Spuren neben London und Moskau nun auch in Deutschland: Die Hintergründe der Vergiftung des russischen Ex-Spions und Putin-Kritikers Alexander Litwinenko werden immer dubioser. Das Aufsehen, das Spektakel seien gewollt. Da habe jemand "eine Autobahn bis nach Moskau ausgewalzt", so der Strahlungsexperte Sebastian Flugbeil. Man könne Polonium ganz einfach und sauber transportieren. Unterdessen wurde bekannt, dass es in Hamburg noch weitere Polonium-Opfer gibt. Über die Hintergründe gibt es ebenfalls nur Spekulationen.
"Dreckspur" nicht notwendig
Der Fall Litwinenko scheint immer komplizierter zu werden.
Der deutsche Strahlenexperte Sebastian Pflugbeil schließt nach den neuen Polonium-Funden in der Litwinenko-Affäre nicht aus, dass der oder die Täter das Polonium bewusst verstreut haben.
"Wenn man Polonium in einer gut verschlossenen Flasche hat, kann man es sauber transportieren und muss nicht eine solche Dreckspur hinterlassen", sagte der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz gegenüber Tagesschau.de.
"Verdacht sollte gelenkt werden"
"Entweder handelt es sich bei den Tätern um Dilettanten, oder - und das würde ich auch für möglich halten - die Spur ist absichtlich gelegt worden, um den Verdacht in eine bestimmte Richtung zu lenken", erklärte Pflugbeil.
"Autobahn nach Moskau ausgewalzt"
Es gebe wesentlich unauffälligere Methoden, jemanden umzubringen. Mordanschläge auf abtrünnige Geheimdienstleute gebe es in aller Welt.
"Was hier aber auffällt, ist die Art und Weise: Geheimdienstleute sind normalerweise darin geschult, Leute umzubringen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und hier ist geradezu eine Autobahn nach Moskau ausgewalzt worden."
Bisher nicht üblich in Geheimdienstkreisen
Man habe das Spektakel gewollt, sagte Pflugbeil. Dem Physiker, der an der Untersuchung des Einsatzes von radioaktivem Material durch die Stasi teilgenommen hat, ist kein Fall bekannt, in dem Polonium von Geheimdienstkreisen benutzt wurde, um Gegner aus dem Weg zu räumen.
Thriller-Autoren: Unmögliche Geschichte
Auch Autoren von Spionagebüchern halten die Vergiftung Litwinenkos für so unglaublich, dass sie eine solche Handlung nie ihren Verlegern angeboten hätten.
"Verleger hätte zu Realistischerem geraten"
"Ich glaube, mein Verleger hätte mir geraten, das Thema fallen zu lassen und mir etwas Realistischeres zu suchen", sagte Frederick Forsyth.
"Er hätte mir wahrscheinlich gesagt, dass diese Geschichte wirklich übertrieben ist und dass es Zeit wäre, dass ich mal Pause mache."
Forsyth war mit dem Spionageroman "Der Schakal" international bekannt geworden, in dem es um einen fiktiven Attentatsplan auf den ehemaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle geht.
Le Carre: Komplett verwirrt
Auch Forsyths Kollege John le Carre fühlt sich nicht zu dem Stoff hingezogen.
"Nach den bisher vorliegenden Hinweisen gebe ich zu, dass ich komplett verwirrt bin", sagte der Autor von "Der Spion, der aus der Kälte kam". "Ich halte meine Spekulationen nicht für verlässlicher als die der anderen."
McNab: Realität verrückter als Fiktion
Der britische Autor Andy McNab sagte, die Wirklichkeit sei wie immer verrückter als die Fiktion.
"Es wäre ein Albtraum, so eine Handlung meinen Verlegern zu erklären", sagte der Schriftsteller. "Das würde den ganzen Tag dauern und alle verwirren."
Links:
Sebastian Pflugbeil (Wikipedia)
Gesellschaft für Strahlenschutz
ORF, 12.12.2006
URL: http://www.orf.at/061211-6938/index.html