Im Gespräch mit: Thomas Menk
Die Fragen stellte Jürgen Berke, Wirtschaftswoche
Thomas Menk, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft und Leiter der Konzernsicherheit bei Daimler- Chrysler, über die zunehmenden Know-how-Verluste durch Wirtschaftsspionage.
Herr Menk, wie oft müssen Sie und Ihre Kollegen den Alarmknopf drücken, weil Datendiebe ins Unternehmen eindringen und wichtige Unterlagen klauen?
Die Frage kann leider nicht präzise beantwortet werden. Es gibt nur wenige empirische Studien, die das Thema Wirtschafts- und Konkurrenzspionage untersuchen. Eine Studie der Universität Lüneburg für den Raum Baden-Württemberg kommt zu dem Ergebnis, dass Angriffe häufig und der Schaden immens ist.
Wie ist Ihre eigene Wahrnehmung. Ihnen wird doch jeder Vorfall gemeldet. Spionieren Konkurrenten und Nachrichtendienste deutsche Unternehmen häufiger aus als vor einigen Jahren? Wie sieht die aktuelle Bedrohungslage aus?
Auch nach meinem Eindruck nehmen die Bedrohungen eindeutig zu. Neben dem internationalen Terrorismus und anderen Sicherheitsgefährdungen, die durch Krieg, Bürgerkrieg und politische Krisen hervorgerufen werden, wachsen auch die Risiken durch den rasant voranschreitenden globalen Wettbewerb, die zur unberechenbaren Gefahr werden können.
Was verstehen Sie unter unberechenbarer Gefahr? Deutschland ist Exportweltmeister. Die Globalisierung bringt uns Aufträge und Arbeitsplätze. Wo liegt das Problem?
Der Wettbewerb wird zunehmend aggressiver - mit all seinen Ausprägungen: Wirtschafts- und Konkurrenzspionage, Wirtschaftskriminalität, reputationsschädigender Informationskrieg und andere Angriffe gehören mittlerweile zum Alltag und beeinträchtigen die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen.
Sicherheitsberater beschwören schon Wirtschaftskriege um den Rohstoff Information herauf. Das Ausland rüstet auf, um mit den raffiniertesten technischen Tricks gezielt an vertrauliche Informationen heranzukommen und sich so Know-how-Vorsprünge zu verschaffen. Das hört sich nach Panikmache an?
Nachrichtendienste interessierter Staaten und andere Stellen arbeiten intensiv an der Entwicklung von Instrumenten zur elektronischen Ausspähung. Es ist davon auszugehen, dass sie auch eingesetzt werden. Die Unternehmen stehen zunehmend vor der Frage, wie sie auf diese neuen Gefahren reagieren sollen. Nichtstun wäre grob fahrlässig.
Das heißt: Die Angreifer nutzen ihren technischen Vorsprung, um in den Besitz vertraulicher Informationen zu gelangen.
Das liegt in der Natur der Sache. Der Angreifer überrascht häufig mit einer neuen Methodik beziehungsweise Technologie. Taugliche Abwehrmittel gibt es häufig erst mit Zeitverzug.
Wie reagieren die Vorstände auf diese neue Bedrohung?
Viele Manager unterschätzen die Gefahren. Unter Sicherheit verstehen die meisten immer noch die physische Sicherheit. Im Mittelpunkt steht danach der Schutz von Führungskräften, Mitarbeitern und Produktionsanlagen. Mehr nicht. Es fehlt das Bewusstsein, dass ein modernes Risiko- und Sicherheitsmanagement mehr leisten muss als der klassische Werkschutz. Intelligence-orientierte Instrumente der Frühwarnung und Prävention werden oft vernachlässigt.
Kann man sich im Zeitalter der Globalisierung überhaupt noch abschotten und Eindringlinge abwehren? Das Internet ist doch streng öffentlich.
Eine vollständige Abschottung ist heute nicht mehr möglich. Das liegt aber auch nicht im Interesse der Unternehmen, die ihre internen Abläufe und Prozesse nicht durch zu hohe Sicherheitsanforderungen gefährden sollten. Umso wichtiger ist aber, dass besonders schutzbedürftiges Unternehmenswissen identifiziert und gesichert wird. In den betroffenen Unternehmensbereichen kann dann durch effiziente Sicherheitstechnologie wie etwa aufwendige Verschlüsselungsverfahren das Risiko eines Informationsabflusses wirkungsvoll eingedämmt werden.
Immer mehr Unternehmen rüsten ihre Mitarbeiter mit Handy und Laptop aus, die die Sicherheitsrisiken noch erhöhen. Lohnen sich Investitionen in Sicherheitsvorkehrungen dann überhaupt noch?
Den in Ihrer Frage enthaltenen Pessimismus teile ich nicht. Unternehmen verlieren nicht Informationen wegen des Einsatzes moderner Kommunikationsmittel. Meist ist es das fahrlässige Verhalten der Nutzer, das den Angreifern die Arbeit erleichtert. Neue Sicherheitstechnologien helfen wenig, wenn es kein entsprechendes Sicherheitsbewusstsein bei den Mitarbeitern gibt.
Anders als in anderen Industrie- und Schwellenländern gibt es in Deutschland keine Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Nachrichtendienst. Können wir uns das noch leisten?
Eine mangelnde Kooperation zwischen Wirtschaft und Sicherheitsbehörden kann sich keine Industrienation mehr leisten. Gerade im Vergleich zu anderen westlichen Staaten hat Deutschland hier noch Nachholbedarf.
Was lässt sich verbessern?
Es muss geprüft werden, inwieweit der sicherheitsbezogene Informationsaustausch zwischen Wirtschaft und Staat auf rechtsstaatlicher Grundlage optimiert werden kann. Wirtschaft und Staat müssen sich hier in beiderseitigem Interesse weiterentwickeln.
Menk, 47, ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft und Leiter der Konzernsicherheit bei Daimler- Chrysler. Zuvor arbeitete der promovierte Jurist beim Bundesamt für Verfassungsschutz und beim Bundesinnenministerium.
Quelle: Wirtschaftswoche
Handelsblatt, 7.12.2006
URL: http://www.handelsblatt.com/news/Technologie/IT-Trends-Internet/_pv/_p/204016/_t/ft/_b/1180326/default.aspx/angriffe-gehoeren-zum-alltag.html