Donnerstag, 30. November 2006
Nach einer Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) wird jedes dritte Wirtschaftsdelikt von einem Mitarbeiter aus dem Topmanagement eines Unternehmens begangen. Gerade Unternehmen scheuen sich aus Angst vor schwerwiegenden Reputationsschäden, die Behörden einzuschalten. Sie schätzen die diskrete Ermittlung – was den Markt für so genannte forensische Dienstleistungen boomen lässt.
DÜSSELDORF. Langer Trenchcoat, den Kragen hochgeschlagen, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, die Zigarre lässig im Mund – so das landläufige Klischee des privaten Ermittlers. Doch in der Realität müssen sie ganz anders auftreten: unauffällig und diskret – besonders wenn sie sich mit dem delikaten Thema Wirtschaftskriminalität befassen.
Dabei haben es gerade diese „white collar crimes“ – zu Deutsch: „Weiße-Kragen-Delikte“ – in sich: Denn in den Management-Etagen können Betrug oder Untreue schnell größere Summen erreichen. Die Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Ernst&Young schätzt den durch Wirtschaftsdelikte verursachten Schaden für das vergangene Jahr auf bundesweit 8,3 Milliarden Euro. Allein die in einer PwC-Studie befragten 240 deutschen Banken und Versicherungen bezifferten den Schaden in ihren Unternehmen mit 250 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren laut PwC etwa 55 Prozent der großen und 31 Prozent der mittelständischen Unternehmen Opfer solcher Straftaten. Der große Unterschied dürfte allerdings weniger auf die größere Ehrlichkeit im Mittelstand zurückzuführen sein als vielmehr in den oft fehlenden Kontrollmechanismen.
Immer noch wird das Risiko unterschätzt, wie die PwC-Umfrage ebenfalls ergab. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie schon mal Opfer von Wirtschaftskriminalität waren – aber ein Drittel glaubt dennoch nicht, dass sie in den kommenden fünf Jahren betroffen sein könnten. „Wir haben hier eine völlige Verkennung der Realität. Die Täter stammen oft aus den eigenen Reihen. Hier wird den Mitarbeitern viel Vertrauen entgegengebracht,“ sagt PwC-Experte und ehemalige Staatsanwalt Steffen Salvenmoser.
Die aktuelle Kriminalstatistik belegt, dass zwar nur 1,4 Prozent der Straftaten Wirtschaftsdelikte sind, doch machen sie die Hälfte aller mit Schadenssummen erfassten Missetaten aus. Und dabei tauchen einige dieser „white collar“ Delikte nicht einmal in der Statistik auf: Denn für Bilanzfälschung ist die Steuerfahndung zuständig und die gehen in die polizeiliche Statistik nicht ein. Außerdem, so alle Experten unisono, dürfte die Dunkelziffer tatsächlich wesentlich höher liegen: Zum einen weil einige Delikte wegen mangelnder Kontrollmechanismen nicht auffallen; zum anderen, weil Firmen nicht alle Fälle anzeigen – aus Angst vor Imageschäden. So schätzen einige Experten, dass nur jede fünfte Straftat mit wirtschaftskriminellen Hintergrund zur Anzeige kommt.
Eines der größten Probleme bei der Aufdeckung von Wirtschaftsstraftaten ist die Tatsache, dass viele deutsche Manager nicht wissen, an wen sie sich in so einem Fall wenden sollten – wenn sie aus Imagegründen den Gang zur Polizei oder Staatsanwaltschaft scheuen.
Jede der großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (PwC, Deloitte&Touche, Ernst&Young, KPMG) beschäftigt Spezialisten für so genannte „Forensic Services“ – forensische Dienstleistungen. Zum Team der Corporate Integrity Solutions GmbH, einer Ausgliederung von Deloitte & Touche, beispielsweise gehören eine ehemalige Staatsanwältin, ein Kriminalbeamter, Prozessoptimierer und IT-Spezialisten. „Insgesamt sieben Leute. Bei Bedarf greifen wir auf unser Experten-Netzwerk zurück“, erzählt Sebastian Erdmann, Geschäftsführer von Corporate Integrity Solutions. So arbeitet die auf unternehmensinterne Abläufe und Beweissicherungen spezialisierte Firma beim Krisenmanagement mit der Result Group aus München zusammen. Der Markt wächst. „Derzeit ist das Wachstumspotenzial zweistellig“, schätzt Erdmann.
In diesem Markt bewegt sich auch die mittelständische Adato.group aus Hannover, die sich selbst als ersten deutschen Komplettanbieter der Branche sieht: Von Ermittlungen, über Krisenmanagement und Rechtsbeistand, bis hin zur Sicherheitstechnik beraten die 20 Experten Unternehmen. „Wir sind in der Lage, unseren Kunden die verschiedenen Bausteine ihrer Sicherheitsbedürfnisse aus einer Hand anbieten zu können“, sagt Rechtsanwalt Reinhard Müller, Sprecher der Geschäftsführung der Adato.group. Auch im Ausland sind die Privatermittler tätig. Dort haben sie nicht selten gegenüber staatlichen Organen Vorteile, da diese erst die ausländischen Behörden um Erlaubnis bitten müssen (Rechtsmittelersuchen).
Draufgänger sind dabei genauso wenig am Werk wie Columbo-Verschnitte – schon eher sind Fachkompetenz und sachliche Zurückhaltung gefragt: „Wir haben hier schon mit einem ehemaligen Polizeichef von Scotland Yard zusammengearbeitet. Vieles läuft über Kontakte und Recherchen vor Ort“, verrät mit verschwörerischem Lächeln Karl-Heinz Hollung, Geschäftsführer der neu gegründeten Adato Projekt&Konzept GmbH, die sich um den Bereich Sicherheitstechnik kümmert. Den Namen des Scotland-Yard-Beamten behält er aber für sich – aus Diskretion. Handelsblatt, Freitag 24. November 2006, 15:37 Uhr URL: http://www.handelsblatt.com/news/Karriere/Management-Strategie/_pv/_p/200812/_t/ft/_b/1173995/default.aspx/diskrete-jaeger-der-weisse-kragen-taeter.html
|