Leipzig. Sie lassen sich nicht fotografieren. Bei der Arbeit erkennt man sie auch nicht - wenn sie gut sind. Denn Schlapphüte tragen sie nicht mal mehr im Film. Doch nun füllen sie in Leipzig einen ganzen Hotelsaal. Hochoffiziell und öffentlich. Der Bund Internationaler Detektive (BID) - einer von zwei großen Berufsverbänden der Branche - trifft sich in Leipzig. Es geht um Berufsbildung, Technikneuheiten, Produktpiraterie und Wirtschaftskriminalität. Solche Themen klingen nicht nach Sherlock Holmes, Marlowe, Magnum oder Matula. "Mit diesen TV-Gestalten, die vor allem private Dinge ermittelten, hat der Beruf nichts zu tun", erklärt Klaus-Dieter Matschke.
Zum Tagwerk in den 1500 deutschen Detekteien gehört die Verfolgung von Fremdgängern und Heiratsschwindlern nur selten. Zwei Drittel der Aufträge kommen aus der Wirtschaft. Auf etwa 150 Milliarden Euro wird der jährliche durch Wirtschaftskriminalität angerichtete Schaden geschätzt. Ein Zehntel wird von Detektiven aufgeklärt. Ob bei Ermittlung von Spionage, Korruption bei der Auftragsvergabe oder simulanten Angestellten, die Kasse auf Kosten der Firma machen, "wenn Unternehmen wollen, dass Dinge geräuschlos geklärt werden, wenden sie sich an uns", erklärt Matschke. Die Einschaltung von Polizei provoziert meist Schlagzeilen. Und einen kriminellen Mitarbeiter kann man auch ohne Richter loswerden. Für die nötigen Beweise sorgt der Detektiv.
Der hat in Deutschland nicht den besten Ruf. Das Image des Schnüfflers und Eckenstehers hängt noch an. Doch die meisten Detektive haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Als sie nämlich noch nicht privat waren. Privatermittler bilden die Branche der Aussteiger. Eine Lizenz zum Schnüffeln kann sich jeder selbst erteilen - mit Gewerbeschein und Firmenschild. Der Beruf ist nicht geschützt. Doch man fordert eine staatlich anerkannte Prüfung für die einheitliche Ausbildung des Nachwuchses. Ältere Kollegen bekamen die vom Staat. "Viele waren einst beim Bundeskriminalamt, beim Militärischen Abschirmdienst, beim Verfassungsschutz, der Bundeswehr oder der Polizei", sagt der Leipziger Detektiv Matthias Stang. Er selbst war bei keiner dieser Behörden. "Ich war Observator bei der Stasi, habe ausländische Militärs beobachtet und Militärobjekte gesichert", erklärt Stang frei heraus. Er ist Verbandschef von Mitteldeutschland und anerkannt in der Branche. "Eine gute Basis an Fähigkeiten ist vorhanden. Wen interessiert 16 Jahre nach der Wende noch so eine Vergangenheit", fragt Verbandssprecher Matschke, schränkt aber ein: "Wir haben nicht die Möglichkeit einer Anfrage bei der Birthler-Behörde." BID-Geschäftsführer Detlef Jordan schätzt den Anteil ehemaliger Sicherheitsleute in DDR-Diensten unter den Ost-Kollegen auf 15 Prozent. Man gibt sich nicht den Anschein, dass die Quote störe.
Durch den hohen Anteil ehemaliger Staatsdiener - egal welchen Staates - sieht man sich in manchen Punkten wenn nicht als die bessere, dann als die zweite oder andere Polizei. "Die einstigen Beamten sind Leute vom Fach, aber wegen Einsparungen entlassen oder in den Vorruhestand geschickt", erklärt Matschke. Entsprechend offiziell ist der Sprachgebrauch. Da ist von Ermittlung die Rede, von Überwachung und Observation. Nur eben inoffiziell und oft schneller als die alten Kollegen vom Polizeirevier. "Der Privatermittler kann Dinge, die der Polizist nicht kann, weil der wegen langwieriger Genehmigungen oft nicht auf dem neuesten Stand der Technik ist", sagt BID-Geschäftsführer Jordan.
Doch moderne Detektivarbeit hat mitunter gar nicht mehr viel mit Technik zu tun. "Wir bieten immer mehr Beratung an", erklärt der BID-Vorsitzende Engin Akbag. So firmiert Klaus-Dieter Matschkes Firma unter der Bezeichnung Unternehmensberatung. "Wir erstellen ein ganzheitliches Sicherheitssystem. Das besteht aus Prävention und Ermittlung", erklärt er. Vor allem große Unternehmen würden sich als Ziel von Verbrechen, Spionage und auch Terroranschlägen sehen. Das Zauberwort dagegen heißt "Sicherheitsqualitätsmanagement". Und klingt so gar nicht nach Karo-Hütchen à la Sherlock Holmes.
Andreas Friedrich, Dresdner Neueste Nachrichten, 10.11.2006, DNN Online
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