Kriminalbiologie
Wie Mörder ins Netz gehen
Rund 3000 Opfer von Mord und Totschlag gibt es jährlich in Deutschland. Mithilfe von Hightech oder auch der klassischen Biologie werden davon fast 95 Prozent aufgeklärt. Insekten und auch Pflanzenreste können entscheidende Hinweise liefern.
Vor allem in den Großstädten häufen sich die Verbrechen. Wie viele es weltweit sind, weiß niemand genau - wahrscheinlich einige Hunderttausend. Sobald ein Mord geschieht, beginnt der Wettlauf der Ermittler mit dem Verbrechen. Bei der Lösung eines Falls sind sie häufig auf winzige Details angewiesen.
Suche mit Spürhunden
Hunde sind für ihre außerordentliche Fähigkeit bekannt, Personen aufzuspüren - ob tot oder lebendig. Ihre Nase ist hunderttausend Mal empfindlicher als die des Menschen. Damit ist es dem Hund möglich, selbst einer nur sehr schwachen Duftspur zu folgen. Speziell ausgebildete Hunde können sogar bei der Suche nach vermissten Personen in Gewässern eingesetzt werden. Ein verwesender Körper produziert einen sehr speziellen Geruch, der sich durch das Wasser ausbreitet und für den Hund sogar noch über der Wasseroberfläche zu riechen ist. Sie können eine Leiche bis in 40 Meter Tiefe finden, auch dann, wenn sie unter Pflanzen verborgen ist oder im trüben Wasser schwimmt. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Tauchern, die sich nur auf das verlassen können, was sie sehen.
Spinnweben überführen Mörder
Bei der Aufklärung eines ungewöhnlichen Falles haben Spinnen eine wichtige Rolle gespielt. Die Polizei fand eine Leiche neben einer Garage am Ende eines langen Ganges. Um die Leiche dorthin zu bringen, musste der Täter sich eng an einer Wand entlang bewegen. Dabei blieben Spinnweben an seiner Kleidung hängen. Diese ungewöhnlichen Spuren haben in dem Mordfall einen entscheidenden Hinweis auf den Täter gegeben.
Wespennest in Schädel
Bei einem anderen Mordfall spielten Wespen eine wichtige Rolle. Ein Schädel wurde entdeckt, der zu einem früheren Zeitpunkt Grabwespen als Nest gedient hat. Reste des Nestes waren noch immer im Schädel zu finden. Weil diese Wespenart ihre Nester nur im Frühjahr und nur an sauberen trockenen Plätzen baut, musste der Schädel im Frühjahr schon komplett skelettiert gewesen sein. Rechtsmediziner wissen aus ihren Erfahrungen, dass es etwa 18 Monate dauert, bis eine Leiche dieses Stadium der Verwesung erreicht. Sie hatten damit einen Hinweis auf die Todeszeit. Das Opfer wurde später an seinen Zähnen identifiziert. Der Zeitpunkt seines Verschwindens stimmte mit der Datierung durch die Wespen überein.
Was Pflanzen verraten
Auch Pflanzen können für die Ermittler wichtige Informationen liefern: Kieselalgen, Pflanzensamen und auch Holzreste können helfen, das Netz um verdächtige Personen enger zu ziehen.
Ein starker Verwesungsgeruch zieht Fliegen an, da sie stets auf der Suche nach einem geeigneten Ort sind, um ihre Eier ablegen zu können. Frisches totes Fleisch, wie es beispielsweise eine Leiche bietet, ist ein guter Brutplatz für die Fliegenlarven.
Fliegen am Tatort
Haben die Fliegen einen idealen Ort gefunden, legt jedes Weibchen etwa 300 Eier ab. Aus den Eiern entwickeln sich dann die Fliegenlarven. Sowie die Larven aus den Eiern geschlüpft sind, fangen sie an zu fressen. Der Leichnam ist für sie eine ideale Nahrungsquelle. Nach einer bestimmten Zeit beginnt ein neues Entwicklungsstadium: Die Larven verpuppen sich und werden unbeweglich. In der festen Hülle entsteht langsam eine neue Fliege, die nach wenigen Tagen schlüpft. Die Wissenschaftler interessieren sich für die genauen Zeitspannen, in denen diese Entwicklungsschritte stattfinden. Denn aus dem Alter der Larven lässt sich zum Beispiel dann die Todeszeit des Opfers bestimmen - eine wichtige Information für die Ermittlungen.
Die Fliegen-Uhr der Kriminologen
Damit diese "Fliegen-Uhr" genauer verstanden und präzisiert werden kann, stellt man im Labor die Bedingungen des Tatortes nach. So müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit bei der Entwicklung der Larven unterschiedlicher Fliegenarten berücksichtigt werden. Festgestellt wird, wie lange es dauert, bis eine Larve im gleichen Stadium ist, wie die am Tatort gefundene Fliegenlarve. Aus diesen Daten kann man dann die Todeszeit berechnen.
Intensive Forschung - Bodyfarm in Knoxville
Insekten sind oft die stummen Zeugen eines Verbrechens. Erforscht man ihre Gewohnheiten und die biologischen Abläufe genauer, so können die Wissenschaftler mit ihrer Hilfe den genauen Todeszeitpunkt Tage oder Wochen, ja manchmal sogar Jahre später noch bestimmen. Diese noch neue Wissenschaft kann bei der Aufklärung eines Verbrechens den entscheidenden Hinweis geben. Daher wird auf diesem Gebiet intensiv geforscht. Eines der eindringlichsten Forschungsexperiment der Rechtsmediziner ist die sogenannte "Bodyfarm". Auf einem Areal in Knoxville, Tennessee, USA, untersuchen Forscher schon seit 30 Jahren die Verwesung von Leichen.
"Bodyfarm" - ein ganz besonderer Friedhof in Knoxville, Tennessee (englisch)
In dem schaurigen Park verwesen bis zu 40 Leichen unter der genauen Beobachtung von Rechtsmedizinern. Die Toten, die auf dem gesicherten Forschungsgelände liegen, hatten sich zu Lebzeiten für dieses Experiment zur Verfügung gestellt. Ziel der Untersuchungen ist es, mehr Erkenntnisse über die Bestimmung der Todeszeit zu gewinnen. Denn wenn die Polizei eine Leiche findet, dann ist eine der ersten Fragen nicht wer der Tote ist, sondern wie lange er schon tot ist. Die Todeszeit bei einem Mord ist zum Beispiel bei der Überprüfung von Alibis ein wichtiger Anhaltspunkt.
Neben der Todeszeit sind auch Spuren, die der Täter am Tatort hinterlassen hat, wichtige Indizien bei der Aufklärung von Verbrechen. Mit neuen Methoden können kleinste Fingerabdrücke sichtbar gemacht werden. Auch Blut oder zum Beispiel Haare können den Täter verraten.
Stumme Zeugen
Wie die Todeszeit einer Leiche bestimmt wird
Aus dem Alter von Fliegenlarven, die an Leichen gefunden werden, können Wissenschaftler die Todeszeit eines Opfers bestimmen. Um die "Fliegen-Uhr" besser zu verstehen, führen sie Experimente im Labor und an Kadavern durch.
Unverwechselbar
Wie ein Täter eindeutig identifiziert werden kann
Ist ein Verbrechen geschehen, suchen die Ermittler nach Spuren, die eindeutig nachweisen, dass ein Verdächtiger am Tatort war. Das können Fingerabdrücke oder Körperzellen sein, die das Erbgut des Täters enthalten.
Fingerabdrücke werden seit über 100 Jahren dazu verwendet, einen Täter zu identifizieren. Mit neuen Techniken können jetzt selbst hauchzart hinterlassene Fingerabdrücke sichtbar gemacht werden.
Klebstoff führt zum Täter
Erhitzter Sekundenkleber reagiert auf kaum wahrnehmbare Spuren von Schweiß. Bringt man einen Gegenstand in diesen Klebstoffdampf, setzen sich nach wenigen Minuten die Teilchen des Klebstoffs am Fingerabdruck fest. An dieser so behandelten Oberfläche bleibt auch Farbstoff haften, der durch eine spezielle Beleuchtung dann den Fingerabdruck sichtbar macht. Diese Methode benutzten die Fahnder im Labor aber auch direkt am Tatort. So können Fingerabdrücke auf Plastiktüten, Schaumstoffbechern und Papiertaschentüchern sicher gestellt werden. Und mit den heutigen Techniken ist es sogar möglich, Abdrücke von bei der Tat benutzten Handschuhen zu nehmen und sie mit den verdächtigen Handschuhen zu
vergleichen. Eine Spur die zum Täter führen kann.
Moderne Computersysteme helfen den Ermittlern, gefundene Fingerabdrücke mit vorhandenen gespeicherten Daten zu vergleichen. Seit 2000 erfassen Polizeibeamte in Deutschland Fingerabdrücke von Tatbeschuldigten auch mit einem Scanner, der die digitalen Daten elektronisch direkt an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden weiterleitet. Dort werden sie in kürzester Zeit mit drei Millionen Abdrücken im Bestand der Datenbank verglichen. Zwölf Merkmale müssen zur Bestätigung der Identität übereinstimmen. Der klassische Fingerabdruck ist so aussagekräftig, dass jede Person auf der Welt damit eindeutig identifiziert werden kann.
Genetischer Fingerabdruck
Ein weiteres unverwechselbares Merkmal jeder Person ist in den Zellen des Körpers enthalten: das Erbmolekül, die DNS. Seit den 80er-Jahren vollzog sich eine dramatische Entwicklung im Bereich der forensischen Wissenschaft - der so genannte genetische Fingerabdruck revolutionierte die Identifikationsmöglichkeiten. Winzige Spuren von Blut, Speichel oder Sperma zum Beispiel reichen aus, um den genetischen Code eines Täters zu erhalten. Ein spezielles Verfahren isoliert die DNS aus den Zellen. Mithilfe bestimmter genetischer Werkzeuge lässt sich dann das Erbmolekül zerlegen und in Tausende, unterschiedlich lange Abschnitte teilen. Diese Fragmente sortieren sich in einem elektrischen Feld nach ihrer Größe. Das sich daraus ergebende Muster ist bei jedem Menschen unterschiedlich.
Diese Methode hat den Forschern ein effektives Werkzeug in die Hand gegeben, einen Verdächtigen zu überführen oder auch seine Unschuld zu beweisen. Mit moderner Technik ist man dem Täter eng auf den Fersen und gewinnt immer häufiger den Wettlauf mit dem Verbrechen.
Buchtipps
Mit der Wissenschaft auf Verbrecherjagd. von Brian H. Kaye
Preis: EUR 10,90
Broschiert , 100 Seiten
Wiley-VCH Verlag, 1997
ISBN: 3527294724
Kriminalbiologie. Genetische Fingerabdrücke und Insekten auf Leichen.von Mark Benecke
EUR 6,45
Broschiert, 122 Seiten
Lübbe, 1999 2. Aufl.
ISBN: 3404930258
Knochengeflüster. Mysteriösen Kriminal- und Todesfällen auf der Spur. von William R. Maples
Preis: EUR 28,00
Gebundene Ausgabe, 211 Seiten
Birkhäuser Verlag, 1996
ISBN: 376435236
Links
BKA: Fingerabdruck als zeitgemäßes Mittel der Kriminalitätsbekämpfung
Genetischer Fingerabdruck - eine Bewertung des BDK
Prä- und postmortale Leichenbesiedlung durch Insekten
"Bodyfarm" - ein ganz besonderer Friedhof in Knoxville, Tennessee (englisch)
Artikel über Gesichtsrekonstruktion in der "Zeit"
FBI: Zwei Fälle, bei denen eine Gesichtsrekonstruktion weiterhalf (englisch)
Linkliste zu gerichtsmedizinischen Instituten
Quelle: ZDF Archiv
URL: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/29/0,1872,2001245,00.html
ZDF zum Thema Kriminalistik:
RTL2 Autopsie
URL: http://www.autopsie.de/
Ungeklärte Morde
URL: http://www.geocities.com/Athens/Parthenon/6865/ungek.html
Ungeklärte Morde
URL: http://www.ungeklaerte-morde.de/