INTERNET-PLAGIAT
Neu im Netz ist der Online-Dienst „Docoloc“
Der Klick wird zur Maus-Falle
"Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.“ Diese Einsicht des Menschenkenners und Schriftstellers Oscar Wilde trieb Martin Gutbrod, Nachwuchsforscher an der Technischen Universität Braunschweig, zur Erfindung eines neuen Computerprogramms, das im Internet geklaute Textstellen auffindet und nachweist. Prüfer in Schule und Hochschule können den Online-Dienst „Docoloc“ für 17 Euro im Monat nutzen, ohne zuvor eine Software installieren zu müssen.
Die elektronische Detektei erstreckt sich auf alle Texte, die über die Suchmaschine Google greifbar sind. „Unser Computerprogramm überprüft stets ganze Dokumente vom Referat bis zur dicken Doktorarbeit, oft binnen Sekunden, längstens aber in einer halben Stunde“, versichert Gutbrod. „Dabei entdecken wir nicht nur identische Übereinstimmungen. Bei Übernahmen, die über ein, zwei Sätze hinausgehen, können wir die inhaltliche Übereinstimmung sogar nachweisen, wenn der Dieb Wörter umgestellt oder ausgetauscht oder Satzteile verändert hat.“ In der Rückmeldung sind die gestohlenen Textpassagen gelb gekennzeichnet und die Fundstellen im Originallayout, mit optisch eindrucksvoller Beweiskraft, beigefügt.
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Die Verlockung, Prüfungsschriften als Collage aus dem Internet zusammenzustellen, wächst zusehends. So weisen gängige Suchmaschinen zu einzelnen Themen ausdrücklich „Schülerreferate“ aus. Studierende bieten Haus-, Diplom- und andere Arbeiten gegen Geld zum Download an. Auch Wissenschaftler gehen immer öfter dazu über, ihre Forschungsergebnisse im Internet mitzuteilen, weil dieses Medium schneller und preiswerter ist als der Weg über Zeitschriften und Bücher. Eine Stichprobe bei Google zu einem rein fachlichen Thema wie der Satire „Apocolocyntosis“, für die sich praktisch nur Altertumsforscher interessieren, führt zu zigtausend Einträgen, davon 700 auf Deutsch; zur „Preformfertigung“ finden Ingenieurstudenten Links auf mehr als zehn Seiten.
Wer bei einer Formulierung Abschreibverdacht schöpft, dem hilft die „Hausarbeiten“-Fundgrube mit einer kostenlosen Nachrecherche in ihren Beständen. Über den „Plagiarism Finder“ von Mediaphor kann man selber nach den Textstellen fahnden. Mittlerweile haben rund 5000 Schulen und Lehrer diese Software (für knapp 100 Euro) auf ihrem Rechner installiert.
Ein optimiertes, nicht mehr nur stichprobenartiges Verfahren führt jetzt die Universität Graz ein. Alle Examenskandidaten der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät müssen ihre Abschlussarbeit auf Papier und als PDF-Dokument einreichen. Sie wird in das zentrale Docoloc-Prüfsystem eingespielt und vollständig mit mehr als 17 Milliarden Internetquellen verglichen. Das Ergebnis (mit wünschenswert null Treffern) geht an den akademischen Prüfer. Auch die deutsche Hochschulrektorenkonferenz empfiehlt Docoloc ausdrücklich. Erfinder Gutbrod stellt klar: „Grundsätzlich vergeben wir keine Lizenzen an Studenten und Schüler, damit die nicht so lange am geklauten Inhalt rummontieren, bis kein Gelb mehr aufleuchtet!“
Der Umgang mit fremden Texten ist vor allem eine Erziehungsaufgabe. Schrittmacherdienste leistet hier seit Jahren Debora Weber-Wulff, Medienprofessorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Sie sagt: „Schon Schüler brauchen eine strikte Unterweisung in den Methoden des Recherchierens und Zitierens.“ Es muss ihnen etwa vermittelt werden, dass eine wörtliche oder sinngemäße Übernahme nicht ausreichend kenntlich gemacht ist, wenn der Ursprungstext in einer Sammelfußnote steht. Jeder Autor muss wissen, was ein Kurzzitat ist und was ein Langzitat, zu dem man sich vom Inhaber der Urheberrechte erst ermächtigen lassen muss.
Zwischen Lang- und Kurzzitat können oft nicht einmal die Lehrer unterscheiden. Seit quasi alle Schulen am Netz sind, müsste Medienkunde selbstverständlich sein. Rechtsverletzungen, ob aus Unwissenheit oder Vorsatz, sind keine Bagatelle, betont erneut der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Namen der Rechteinhaber.
Noch nie war der Zugriff auf fremdes geistiges Eigentum technisch so leicht wie heute. Aber es gab auch noch nie so gute technische Möglichkeiten zur Gegenwehr. Der Mausklick wird zur Mausefalle. Vor dreißig Jahren war das noch anders: Da flog die Erlanger Doktorarbeit des Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, Urenkel des letzten deutschen Kaisers, über die „Reichsgründung im Spiegel neutraler Pressestimmen“ erst auf, als ein zufällig mit der Materie vertrauter Marburger Bibliothekar drei ältere Vorlagen aus dem Regal holte.
Externe Links: http://www.docoloc.de/, www.hausarbeiten.de, www.plagiarism-finder-de
Quelle: Rheinischer Merkur Nr. 41, 12.10.2006, HERMANN HORSTKOTTE
URL: http://www.merkur.de/2006_41_Der_Klick_wird_zu.16053.0.html?&no_cache=1