P R E S S E M I T T E I L U N G
Der Fall Kampusch – ein endloser Ermittlungsskandal!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ungläubigkeit, Fassungslosigkeit, Freudentränen und schließlich wahnsinnige Erleichterung. Gleichermaßen bei meiner Familie wie bei mir. Nach acht Jahren Suche wohl kein Wunder!
Nach der ersten Euphorie gilt es alles daranzusetzen, den Fall schonungslos aufzuklären und allfällige Mittäter oder Mitwisser – unabhängig von Ansehen und Person – zur Verantwortung zu ziehen! Nataschas bewegender Fernsehauftritt ist dazu die beste Motivation.
Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit läuft die Polizei – allen voran Frau Ministerin Prokop – zur Hochform auf, den wohl größten Ermittlungsskandal zu vertuschen. Vorläufiger Höhepunkt an geschmacklosen Ausreden war wohl die Behauptung, dass der von der Polizei ausgelöste Fahndungsdruck die Flucht Nataschas erleichtert hätte.
Die Realität sieht freilich etwas anders aus. Wie jetzt feststeht, langte bei der Polizei bereits kurz nach dem Verschwinden Nataschas ein direkter, anonymer Hinweis auf den Täter ein. Eine „Überprüfung“ verlief ergebnislos, da der Täter einen „glaubwürdigen Eindruck machte“ und „kooperativ“ gewirkt habe. Auch hätte man, so heutige Behauptungen, keinen Hausdurchsuchungsbefehl erwirken können. Ja möglich!
Aber niemand hätte wohl die Polizei gehindert den Täter zu fragen, ob er mit einer „freiwillige Nachschau“ einverstanden wäre. Wenn die Soko zu bedenken gibt, dass man auch bei einer Durchsuchung das gute Versteck nicht gefunden hätte wirft dies die Frage auf, wozu es Suchhunde gibt.
Aber der eigentliche, durch nichts zu entschuldigende Fehler war wohl, dass man – wenn schon nicht alle 700 Fahrzeughalter von weißen Bussen, sondern zumindest nach dem anonymen Hinweis den Täter – fotografiert und die Bilder der jungen Zeugin, die noch nach acht Jahren den Täter identifizieren konnte, vorgelegt hatte. Jeder „Dorfgendarm“ hätte mit diesen Informationen den Fall in kürzester Zeit klären können.
So brutal es klingen mag: Hätte der Täter Natascha kurz nach der Entführung getötet, hätte sich die katastrophale Panne nicht mehr negativ auswirken können. Da Natascha jedoch Gott sei Dank lebt, wird das anfänglich zuständige Sicherheitsbüro unter Federführung von Hofrat Geiger mit dem Vorwurf leben müssen, für acht Jahre fürchterliches Leid zumindest indirekt mitverantwortlich zu sein. Aber nicht nur das Sicherheitsbüro!
Auch wenn es heute wie damals unverdrossen in Abrede gestellt wird, führte ausschließlich ein von uns erstellter 140- Seiten Bericht mit akribisch aufgelisteten Fehlern und Widersprüchen nach langem Zaudern am 17. Juli 2002 zur Gründung der Burgenländischen Sonderkommission.
Mit welchem Engagement die Soko ermittelte war schon daran zu erkennen, dass sich sogar Frau Sirny nach Monaten in den Medien beschwerte, dass die Beamten noch keinen Kontakt zu ihr aufgenommen hatten. Entgegen anders lautenden Medienberichten weigerte man sich auch standhaft bis zum Schluss, an einem Teich ein paar Kubikmeter Kies ausbaggern zu lassen. Eine Grabung, die bis zum plötzlichen Auftauchen Nataschas ein Gebot der Stunde war!
Unter dem Druck der Medien bequemte sich die Soko schließlich zu einer „Probegrabung“ an ganz anderer Stelle und versuchte diese prompt als „echte“ Grabung hinzustellen. Warum man sich mit Händen und Füßen gegen das Ausbaggern von ein paar Kubikmeter Kies an einer präzise bezeichneten Stelle weigerte liegt unserer Überzeugung nach auf der Hand: Man hatte Angst dass wir Recht haben könnten und dass schier unglaubliche Ermittlungspannen nicht mehr vertuscht werden hätten können!
Der Soko standen alle Unterlagen vom Sicherheitsbüro zur Verfügung und der Öffentlichkeit wurde stets treuherzig versichert, dass alles genauestens nachrecherchiert worden wäre. „ ... keine direkten Hinweise, kein so genannter roter Faden ...“ war u.a. das Resümee des Soko-Leiters Koch in „Thema“ vom 23. Juni 2003 nach fast einem Jahr (!) „Ermittlungen“.
Keine Hinweise? Auch der Soko ist dieser wahnwitzige Fehler in all der Zeit, in der sie noch dazu ohne Druck arbeiten konnte, nicht aufgefallen? Diese Riesenpanne hätte noch immer korrigiert werden können und Natascha wären weitere, jahrelange Höllenqualen erspart geblieben! Mit diesem Vorwurf wird auch die Soko leben müssen!
Nach dieser haarsträubenden Pannenserie war die „Selbstbefreiung“ Nataschas nur mehr das „Tüpfchen auf dem i“. Freilich wurde auch klar, dass die von uns geforderte Grabung gegenstandslos war und ich bezeichne dies als den schönsten Irrtum meines Lebens. Nur wer heute von den Ermittlern ernsthaft behauptet, er hätte damit gerechnet dass Natascha noch lebt, lügt sich wohl in die eigene Tasche.
Da Natascha aber Gott sei Dank lebt, müsste es wohl auch der Soko schlagartig klar geworden sein, welch katastrophale Auswirkungen der Fehler hatte. Sie hätte eigentlich vor Schande „in den Erdboden versinken“ und sich – etwa wegen erwiesener Unfähigkeit – für befangen erklären müssen. Doch weit gefehlt: Sie nahm ohne falsche Scham neuerlich Ermittlungen auf und auch im Ministerium hatte man offenbar keine Bedenken dagegen.
Dies darf freilich nicht allzu sehr verwundern, da ja bekanntlich in trauter Eintracht versucht wird, diese aberwitzigen Fehler zu übergehen. Unter der kritischen Beobachtung der Weltöffentlichkeit hätte es wohl der Optik gut getan, endlich reinen Tisch zu machen und Ermittler ohne „Altlasten“ einzusetzen.
Eines der zentralen Ermittlungsziele ist wohl die Klärung der Frage, ob Natascha zufällig als Entführungsopfer ausgewählt wurde oder nicht. War es tatsächlich ein „irrer Einzeltäter“ oder steckt viel mehr dahinter und der Täter ist nur die „Spitze eines Eisberges“? Ist das ans Licht gekommene „Unfassbare“ überhaupt noch zu übertreffen?
Ermittlungen im persönlichen Umfeld des Täters sollten wohl Routine sein. Die Klärung der Fragen, ob er Natascha schon vor der Entführung kannte, wenn ja woher, oder ob er Personen aus Nataschas Bekannten- bzw. Verwandtenkreis kannte, sind eine Selbstverständlichkeit!
Die Frage ist nur, ob man von dieser Soko überhaupt noch objektive Ermittlungen erwarten kann, da die Einzeltätertheorie einen entscheidenden Vorteil brächte: Man würde sich mit großer Wahrscheinlichkeit größte Scherereien ersparen, da sonst weitere Fehler, Pannen und Vertuschungsbemühungen der letzten Jahre bekannt würden. Mit anderen Worten: Es ist keinesfalls erwiesen, dass der Rest meiner These falsch ist. Im Gegenteil: Vielleicht stellt sich heraus, dass bei gewissenhafter Überprüfung meiner Unterlagen der Täter längst ausgeforscht hätte werden können.
Kann man von der Soko erwarten, dass sie freiwillig zur Schlachtbank geht?
Im persönlichen Umfeld des Täters zu ermitteln bedeutet routinemäßig auch zu überprüfen, ob es Verbindungen oder Kontakte zu den Eltern und deren Bekanntenkreis - in welcher Form auch immer – gab. Dies wiederum muss zwangsläufig auch – ohne Verdächtigungen auch nur andeuten zu wollen - den Teichbesitzer mit einbeziehen.
Diese Routineermittlungen können in der Praxis aber unmöglich werden, wenn Beamte über mangelhafte Aktenkenntnisse verfügen, ihnen zumindest ein wichtiger Name nicht geläufig ist und sie daher zwangsläufig keine Querverbindungen zwischen bestimmten Personen hinterfragen können!
Konkret vermutete z.B. eine Zeugin, dass der Täter mit dem Teichbesitzer in einem der früheren Lebensmittelgeschäfte der Frau Sirny Arbeiten an einem Stromzählerkasten verrichtet haben könnte. Die Beamten wussten angeblich nichts mit dem Namen des Teichbesitzers anzufangen und begründeten dies mit dem „umfangreichen Akt“!
Diesbezügliche Erkenntnisse hätten sich auch bei der Befragung von Gästen einer Würstelhütte ergeben können. Soko-Beamte waren zwar vor Ort, nur eine Bekanntschaft zwischen Täter und Teichbesitzer ist wohl nicht hinterfragt worden. Wie denn auch, wenn sie den Namen angeblich nicht kannten?
Lt. Stammgästen dieses Lokals sind aber sowohl der Täter, der Teichbesitzer als auch Herr Koch dort verkehrt. Auch wenn daraus nicht zwangsläufig eine Bekanntschaft abgeleitet werden kann: Muss hier nicht sofort nachgehakt werden?
Z.B. dahingehend, ob es geschäftliche Kontakte zwischen der Firma des Täters und jener des Teichbesitzers gab? Beide waren/sind in artverwandten Branchen tätig und eine diesbezügliche Überprüfung drängt sich wohl geradezu auf. Wir wurden sogar anonym darauf aufmerksam gemacht! Offenbar wurde das bis heute nicht überprüft! Warum nicht?
Nicht zwingend hängt die Frage eines Mittäters oder Mitwissers damit zusammen, ob bei der Entführung selbst zwei Täter am Werk waren oder nicht. Ohne Frau Kampusch nahe treten zu wollen, die offenbar unter größten seelischen Qualen darüber berichtet hatte, muss die Frage erlaubt sein, wie ein Täter es alleine schaffen hätte sollen, sie mitten auf einer belebten Straße zu schnappen, zu bändigen und auf irgend eine Weise mundtot zu machen. Wenn Natascha nun sagt, dass dies alleine durch mündliche Einschüchterungen gelungen wäre, muss man sich fragen, wie dies der Täter vorher hätte wissen sollen.
Bei den Pressekonferenzen versteht man stets blendend zu vermitteln, dass mit größter Genauigkeit ermittelt wird. In Wahrheit werden die „hungrigen“ Medienvertreter meist mit ein paar belanglosen Brocken abgespeist. Zumindest eine Zeugenaussage, die direkt auf eine Beziehungstat hinweist und die wohl längst entsprechende, „unpopuläre“ Maßnahmen erfordert hätte, wird entweder gänzlich bestritten, als unglaubwürdig oder als nicht verifizierbar dargestellt.
Abgesehen davon gibt es aber noch jemand, der über mehr Hintergrundwissen verfügen muss! Nämlich jene Person, welche den Hinweis auf den Täter geliefert hatte. Warum wurde sie nicht längst über Medienaufrufe ersucht, sich – in welcher Form auch immer - zu melden?
Walter Pöchhacker e.h. Ludwig Koch e.h.
Wien, am 11.09.2006
Forum zum Fall Natascha