Der «Spionage-Skandal» um Inter wird kaum einen Richter finden
Hat Internazionale, der Klub, der makellos aus dem Calciopoli-Skandal hervorgegangen schien und dafür nachträglich mit dem Meistertitel der letzten Saison belohnt wurde, Spitzeldienste gekauft, um der schmutzigen Konkurrenz auf die Schliche zu kommen? Der Mann, der viel - möglicherweise zu viel - wusste, ist tot. Adamo Bove, ein Manager der internen Sicherheitsdienste bei Telecom Italia und Pirelli, stürzte sich am 21. Juli von einer Brücke der Umfahrungsautobahn von Neapel. Seine Witwe Wanda Acampa, eine Nuklearmedizinerin, mit der Bove 22 Jahre zusammengelebt hatte, glaubt nicht an Selbstmord. Es existiere angeblich ein Video, das zeige, wie drei als Polizisten getarnte Gestalten die Leiche Boves umstanden. Sie konnten bisher nicht identifiziert werden.
Vom schlechten Gewissen geplagt
Die Überwachungsexperten von Telecom und Pirelli hatten im Verbund mit dem Privatdetektiv Emanuele Cipriani und dessen Agentur Polis d'Istinto auch Tausende von Personen ausserhalb der eigenen Firmen bespitzelt und illegal mit den klandestinen Informationen gehandelt. Die kriminellen hauseigenen Agenten kamen bei der Telecom an Anruflisten von prominenten Kunden heran, aber ob sie auch Telefongespräche belauschen und mitschneiden konnten, ist bis jetzt nicht belegt. Seit zwei Wochen sitzen 20 Personen der Sicherheitsabteilung in Untersuchungshaft.
Der rätselhafte Tote Bove, eine Schlüsselfigur in der Schnüffelaffäre, hatte eine Mitarbeiterin, die nach dem Tod ihres Chefs das schlechte Gewissen plagte. Caterina Plateo holte nach Boves Anweisungen die Informationen aus der Datenbank. Sie legte selber heimlich Kopien an und versteckte sie zu Hause in einem Badezimmerschrank. Diese Dokumente hat sie, wie letzte Woche das Magazin «L'Espresso» enthüllte, den Untersuchungsrichtern übergeben. Darunter befinden sich Beweise dafür, dass die Telecom-Geheimdienstler den damaligen Inter-Spieler Bobo Vieri im Visier hatten. Vieri, mit 9,5 Millionen Euro jährlich der bestbezahlte Inter-Spieler, war dauernd ausser Form und galt als chronischer Nachtvogel.
Die Signora Plateo hatte aber auch weit brisanteres Material gestapelt: etwa mit Datum des 11. Februar 2003 - als der grosse Fussball-Skandal noch weit entfernt war - die Nummern des Telefonverkehrs der Juventus-Geschäftsstelle, der Spieleragentur GEA (die von Alessandro Moggi, dem Sohn des zu fünf Jahren Berufsverbot verurteilten Juve-Generaldirektors und Calciopoli-Drahtziehers Luciano Moggi, geleitet wurde) und auch des Fussballverbandes. Bei der Razzia in der Detektei Polis fanden die Ermittler eine Akte «Operazione Ladroni» (Operation Diebe), die den mittlerweile vier Jahre gesperrten Schiedsrichter Massimo De Santis betrifft, der als Hauptwerkzeug Moggis galt. De Santis, Mitglied des Moggi-Komplotts, behauptet jetzt, er sei selber das Opfer einer Verschwörung und sei von Inter ausspioniert worden, um erpressbar zu werden.
Erinnerungslücken
Das alles stellt der Inter-Präsident Massimo Moratti in Abrede. In früheren Interviews erwähnte er jedoch, ein «Irgendjemand» habe Inter belastendes Material über De Santis angeboten, doch sei «nichts daraus geworden». Moratti wird heute Dienstag vom Verbands-Ermittler Francesco Saverio Borrelli, dem früheren Mailänder Chef-Staatsanwalt, einvernommen. Moratti wird in den Medien der Link zu seinem Freund Marco Tronchetti Provera unterschoben, dem Financier, der die Telecom und Pirelli kontrolliert und bis vor kurzem 18 Prozent am Inter-Kapital hielt (jetzt sind es noch 4 Prozent). Tronchetti sagt, er und seine Frau, die tunesische Schönheit Afef, seien selber ausgeforscht worden.
Wahrscheinlich hat die Affäre Inter damit begonnen, dass vor drei Jahren der Schiedsrichter Nucini dem damaligen Inter-Präsidenten Giacinto Facchetti erzählte, wie das Manipulationssystem Moggi funktionierte. Darauf hatte Facchetti die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, aber Nucini krebste zurück, das Verfahren wurde niedergeschlagen. Wie jetzt der inhaftierte oberste Sicherheits-Boss der Telecom, Giuliano Tavaroli, im Verhör einräumte, hatte die namentlich nicht benannte «Direktion von Inter» einen Auftrag zur Beschattung von Schiedsrichter De Santis erteilt.
War es Facchetti, der diese Form von Selbstjustiz in Gang setzte? Er kann die Frage nicht mehr beantworten, Anfang September wurde er zu Grabe getragen. Das Dossier «Ladroni» wird schwerlich einen Richter finden, und für das Sportgericht ist der Fall bereits verjährt.
Peter Hartmann
Neue Zürcher Zeitung, 3.10.2006
http://www.nzz.ch/2006/10/03/sp/articleEJ93D.html
»Datenhandel« Umfang illegaler Aktivitäten Samstag, 23 September 2006 Rubrik: Zerrbilder (ter) Der Abhörskandal in Italien legt erstmals den Umfang des illegalen Datenhandels offen und zeigt – der illegale Datenhandel ist eine Domäne von Polizisten und ehemaligen Schlapphüten. Die Aktivisten Giuliano Tavaroli – Sicherheitschef der italienischen Telekom – ist ehemaliger Polizeioffizier. Emanuele Cipriani – Privatdetektiv – ist bei den Nachrichtendiensten kein Unbekannter. Marco Mancini – ehemalige Vizepräsident der SISMI – ist einer der Beschuldigten bei der CIA-Rendition zum Nachteil des Osama Mustafa Hassan alias Abu Omar (2003). Die übrigen 19 Aktivisten – sind ehemalige oder noch aktive Polizisten, Steuerfahnder oder Schlapphüte. Umfang der Geschäfte: Bisher wurden weit über 100.000 (illegale) Mitschnitte von Telefongesprächen sicher gestellt. Das Informationsbeschaffungsnetzwerk soll Zugang zu den Datenbanken der Steuerfahndung, der Carabinieri und der Geheimdienste gehabt haben. Aber auch zu den Konten- Datenbanken der Geldinstitute. Bisher sollen etwa 15 Millionen Euro sicher gestellt worden sein. Allein bei dem Privatdetektiv Emanuele Cipriani 13 Millionen €. Rätseln über die Hintergründe Wer die Hintergründe des Skandals – nur – in den wirtschaftlichen Interessen der Aktivisten sieht – springt zu kurz. Natürlich sind die enorme Gewinne der Wirtschaftsspionage oder von Erpressungen Anreiz für derartige Aktivitäten. Aber – derartige Aktivitäten sind nur dann zu realisieren, wenn gezielte Absicherung durch die Politik besteht. Bei den politischen Motiven verzweigen die Ursachen stark. Es geht um die Schaffung illegaler Kassen für die Nachrichtendienste und der Parteien – es geht aber auch um schlichte politische Macht. Italiens Ex- Ministerpräsident Silvio Berlusconi, so wird behauptet, soll einst Mitglied der Loge P 2 (Propaganda Due) gewesen sein. Wissen über politische Gegner ist ein Instrument der Machterhaltung und der Machtsicherung. Die P2 hat sich dieses Instrument aus Gründen der Geldbeschaffung und der Machtgewinnung schon in den 80-igern dienstbar gemacht. Noch wäre es reine Spekulation – aber mich würde es nicht wundern, wenn der Skandal bald eine politische Richtung nehmen würde. Spuren in Deutschland SPIEGEL- Online schreibt: • „....So stellt man sich den totalen Überwachungsstaat vor. Die Daten eines Bürgers, die beim Finanzamt und bei seiner Bank, bei der Sozialversicherung und gegebenenfalls bei der Justiz vorliegen, werden gebündelt, mit abgehörten Telefonaten und gegebenenfalls einer persönlichen Beschattung garniert .....“ Wäre der Spiegel- Journalist in das Spiegel Archiv gegangen, so hätte er einen Artikel mit der Überschrift – DATENSCHUTZ : Bestechen und anzapfen – gefunden. Auch auf der R-Archiv.de hätte er zwei vergleichbare Artikel finden können – »Datensicherheit« Zutreffende Auskünfte – oder »Reaktionen« zutreffende Auskünfte. Ich habe damals mit dem Datenschutzbeauftragten des Bundesfinanzministeriums gesprochen, mit BKA- Mitarbeitern und mit Schlapphüten. Aktiv wurde nur der Datenschutzbeauftragte in Darmstadt, ohne Ergebnis. Die in den Artikeln genannte Firma verlagerte ihre Aktivitäten in die Ukraine und ist seit vielen Monaten wieder in Deutschland tätig. Eigene Recherchen führten auch bei anderen Detektivbüros zu Auskünften, die auch Smart Trackers (damals) offerierte. Meine Recherche brach ich ab, als mir Ende 2004 ein Mitarbeiter eines ND eine CD-ROM temporär überlies. Nach Sichtung des Inhalts dieser CD-ROM war mir klar, warum diese Privatdetektive derartig – zutreffende Auskünfte – gegen geringes Entgelt erteilen konnten. Noch vor einigen Tagen fragte mich der Mitarbeiter eines Politikers spöttisch – wann ich meine „Verschwörungstheorie“ – »BND« Schwarze Kassen – fortsetzen würde. Meine Antwort war – „wenn es ein neuer Skandal Schlagzeilen macht und auch die Leser in Deutschland aufwachen.“ Der Skandal ist nun publik – warten wir halt die amtlichen Ermittlungsergebnisse ab. Bis dahin kann sich ja jeder den Diensten bestimmter Privatdetektive bedienen – unsere Gier nach Informationen über Personen ist doch viel größer als unsere Achtung vor dem Datenschutz. Chronologie (Nachtrag vom 24.9.06): März 2006 – zwei Angestellte der Mobilfunkgesellschaft TIM – einer Tochter der italienischen Telekom werden festgenommen. Im Zuge der damaligen Ermittlungen werden 11 Privatdetektive und 3 Polizisten verhaftet. Ausgelöst hatte die Ermittlungen ein privates Sicherheitsunternehmen. Der Ehefrau des Chefs dieses Unternehmens waren Ende 2005 Mitschnitte der Mobilfunktelefonate ihres Mannes zugespielt worden. Es ergaben sich erste Spuren zur Steuerpolizei in Como und zu einem Steuerberater in Mailand. Der Sicherheitschef der TIM – Adamo Bove (42) – gerät unter den Druck der Ermittler und offenbart das private „Abhörnetzwerk“ in der italienischen Telecom. Ende Juli 2006 – Adomo Bove stürzt von einer Autobahnbrücke bei Neapel. Bove war bis 1998 hoher Polizeioffizier. 2000 ging er zur italienischen Telecom. Bove offenbarte den Ermittlern, dass er den Auftrag hatte eine völlig neue Software bei der TIM zu testen. Die Eigenschaften dieser Software waren dergestalt, dass sie der Sicherheit der Mobilfunkgespräche dienen konnte – aber auch zur automatischen Überwachung (Stichwort und Stimmenprofilüberwachung) eingesetzt werden konnte. Bove hatte (Unabhängig von den obigen Ereignissen) über seinen Verdacht die Polizei informiert und offensichtlich Nachforschungen in der italienischen Telecom angestellt. Die Spur nach Florenz: Eine besondere Betrachtung verdient Emanuele Cipriani, Privatdetektiv aus Florenz. Dieser betrieb im schönen Florenz die Sicherheitsfirma "Polis d'Istinto" (Polizeiinstinkt), die überwiegend für den Mutterkonzern der italienischen Telecom – Pirelli – arbeitete und dafür über 20 Millionen € abrechnete. Die Aufgabe von Cipriani war die Beschaffung von Zusatzinformationen aus öffentlichen Quellen (Grundstücks- Firmenregister) und die Observation von abgehörten Personen. Rechtliche Hinweise: Die Verfolgung der o.g. Personen ist nur wegen Besonderheiten der italienischen "Anti-Mafia- Gesetze" möglich. Diese Sondergesetze kennen die Staftatbestände "Kontakt zu gefährlichen Personen" und "(illegale) Beschaffung wichtiger Informationen". Im Klartext für Juristen - wer Kontakte zu Mitglieder einer kriminellen Vereinigung pflegt kann sich strafbar machen - insbesondere dann, wenn er diesen Personen Informationen liefert, die für kriminelle Aktivitäten nützlich sind. (Die beschafften Informationen müssen nicht GEHEIM sein. Dürfen aber auch nicht öffentlich sein.)
URL: http://www.r-archiv.de/article2596.html