US-Computerkonzern ließ Aufsichtsräte und Journalisten bespitzeln Hewlett Packard räumt illegale Praktiken ein / Staatsanwalt ermittelt
Laut den Vorwürfen, die bereits von dem Unternehmen im Wesentlichen bestätigt worden sind, soll ein von HP zumindest indirekt bezahlter Privatdetektiv sich Zugang zu privaten Telefonverbindungsdaten der Journalisten sowie des HP-Aufsichtsrats-Mitglieds Tom Perkins verschafft haben.
BERLIN. Wenige Monate nach der Affäre um die Bespitzelung des E-Mail-Verkehrs tausender US-Bürger durch den Geheimdienst NSA ruft in Amerika ein neuer Spionage-Skandal Empörung hervor. Diesmal steht der weltweit zweitgrößte Computerbauer Hewlett Packard (HP) im Mittelpunkt. Der Konzern aus dem kalifornischen Palo Alto hat mindestens ein Aufsichtsrats-Mitglied sowie neun Journalisten bespitzeln lassen. Dazu gehören Mitarbeiter der US-Zeitungen New York Times und Wall Street Journal sowie des Online-Fachdienstes CNet, die über den Konzern regelmäßig berichten. Kaliforniens Generalstaatsanwalt Bill Lockyer ermittelt wegen des Verdachts des Identitäts-Diebstahls sowie des unautorisierten Zugriffs auf Datenbanken.
Suche nach undichter Stelle
Laut den Vorwürfen, die bereits von dem Unternehmen im Wesentlichen bestätigt worden sind, soll ein von HP zumindest indirekt bezahlter Privatdetektiv sich Zugang zu privaten Telefonverbindungsdaten der Journalisten sowie des HP-Aufsichtsrats-Mitglieds Tom Perkins verschafft haben. Hintergrund ist eine interne Untersuchung, die von Aufsichtsratschefin Patricia Dunn in Auftrag gegeben wurde. Dunn wollte so eine undichte Stelle im Unternehmen ausfindig machen. So wurden im Januar dieses Jahres Informationen aus einem Treffen des Top-Managements in die Presse lanciert. Während der internen Untersuchung hätten sich die Hinweise darauf verdichtet, dass der HP-Aufsichtsrat und wissenschaftliche Chefberater von Ex-US-Präsident Ronald Reagan, George "Jay" Keyworth, vertrauliche Informationen weitergegeben habe, heißt es. Keyworth sei daraufhin vom Aufsichtsrat am 18. Mai mit dem Material konfrontiert und aufgefordert worden, sein Mandat niederzulegen.
Nachdem sich Keyworth dem nicht fügen wollte, kündigte HP diese Woche an, Keyworth nicht erneut für den Aufsichtsrat nominieren zu wollen. Daraufhin wandte sich Keyworths Ex-Kollege aus dem Gremium, der Investmentbanker Tom Perkins, an die Öffentlichkeit. Er erklärte seinen Rückzug aus dem HP-Aufsichtsrat Ende Mai mit seinem Protest gegen die Bespitzelungs-Methoden, die durch HP angewandt worden seien. Wie bei den Journalisten hatten sich die Detektive auch bei Perkins die letzten vier Ziffern des US-Sozialversicherungsausweises besorgt. Damit gelang es ihnen, beim US-Telekomkonzern AT&T die Verbindungsdaten privater Telefonate abzufragen. Dank der Rufnummern konnte HP feststellen, mit welchen Personen Aufsichtsräte und Medienvertreter gesprochen haben.
"HP ist bestürzt darüber, dass die Telefonverbindungsdaten von Journalisten ohne deren Wissen abgefragt wurden", entschuldigte sich jetzt ein Konzernsprecher.
Doch das wird kaum reichen. Erste Rücktrittsforderungen gibt es bereits: Aufsichtsratschefin Dunn müsse gehen, heißt es. Ein Sprecher sagte, Dunn werde ihren Posten räumen, falls sie von ihren Kollegen im Führungsgremium darum gebeten werde. Auch dem erfolgreichen HP-Chef Mark Hurd könnte die Affäre noch schlecht bekommen. Schließlich gilt es bei Beobachtern als nicht ausgeschlossen, dass er in die Praktiken eingeweiht gewesen sein könnte.
Auftraggeberin
Patricia Dunn ist Aufsichtsrats-Chefin von Hewlett Packard. Sie suchte beim weltweit zweitgrößten Computerhersteller (Umsatz im Geschäftsjahr 2005: 87 Milliarden US-Dollar) eine undichte Stelle, die Informationen aus dem Management an die Medien weiterreichte. Bei der eingeleiteten internen Untersuchung bedienten sich jedoch Detektive illegaler Methoden - nun wackelt Dunns Stuhl.
Berliner Zeitung, 09.09.2006
Quelle: Berliner Zeitung vom 09.09.2006