VERKEHRSÜBERWACHUNG
Um die Blechlawinen auf deutschen Straßen überwachen und kanalisieren zu können, entwickeln Verkehrsplaner immer aufwändigere Methoden. Das neuste System kommt jetzt aus der Weltraumtechnik. Dabei werden Kameras in Zeppeline eingebaut. Die Polizei in Köln ist begeistert.
Köln - Die Kameras stammen aus der Weltraumtechnik, doch ihr Einsatz beschäftigt sich mit ausgesprochen irdischen Phänomenen: Verkehrsstaus. Die Fußball-WM in Deutschland ist für die Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin und Köln ein willkommener Anlass, ein weiterentwickeltes System zur Verkehrsaufklärung aus der Luft zu erproben. In Köln kommt zudem noch ein ungewöhnliches Fluggerät zum Einsatz: der Zeppelin NT, das derzeit größte Luftschiff seiner Bauart.
Beim Spiel Tschechien gegen Ghana am Samstag fliegt Zeppelin-Pilot Oliver Jäger das nächste Mal im Polizeiauftrag. Schon nach der ersten Bewährung am vergangenen Sonntag schwärmte die Kölner Polizei in höchsten Tönen. "Die Technik funktioniert einwandfrei, und das Zusammenspiel aller Beteiligten ist wirklich prima", sagte der Koordinator in der Direktion Verkehr, Peter Brunke. Die An- und Abfahrt zum Weltmeisterschaftsmatch sei deutlich kürzer verlaufen als bei normalen Spielen des heimischen FC Köln, da die Verkehrsbeobachtung aus dem Zeppelin eine weiträumige Verkehrslenkung ermöglicht habe. "Das System hat sich bereits bewährt."
Schon beim Weltjugendtag 2005 war der 75 Meter lange Zeppelin im Einsatz. Allerdings verhielten sich die Pilger anders als erwartet, wie der Kölner Polizeipräsident Klaus Steffenhagen anmerkte. Sie seien weniger mit Autos unterwegs gewesen als zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Allzu viel Verkehr hatte das fliegende Auge des DLR deshalb nicht zu beobachten.
Übermittlung der Bilder in Echtzeit
Seither wurde das Verkehrserkennungssystem weiter verbessert, wie der Kölner DLR-Projektleiter Michael Bonert sagte. Das ANTAR genannte Gerät ist in eine Platte an der Unterseite des Luftschiffes eingebaut. Es besteht aus einer hochpräzisen optischen Kamera, die mit einer Wärmebildkamera gekoppelt ist. Dazu kommt ein GPS-gestütztes Trägheitsnavigationssystem, denn für die Auswertung der Verkehrsbilder ist entscheidend zu wissen, wo genau diese entstanden sind.
"Soccer", Fußball, nennt das DLR das vom Bundeswirtschaftsministerium mit 1,25 Millionen Euro geförderte Projekt. Neben dem Zeppelin wurden auch ein Hubschrauber der Polizei in Stuttgart sowie ein einmotoriges Flugzeug vom Typ Cessna eines privaten Verkehrsnachrichtendienstes in Berlin mit dem ANTAR-System ausgerüstet. Die Wissenschaftler wollen Stärken und Schwächen der Verkehrserfassung mit den verschiedenen Plattformen ermitteln.
Die Bilder aus der Luft werden in Echtzeit zu den Zentralen am Boden übertragen. In Stuttgart und Köln sind diese bei der Polizei angesiedelt. Eine spezielle Software vereint die Bilddaten mit aus anderen Quellen wie Induktionsschleifen gewonnenen Verkehrsinformationen und gibt schließlich ein präzises Luftbild der aktuellen Verkehrssituation aus. "Das ergibt ein lokales Verkehrslagebild, das es so noch nicht gibt", sagte Bonert. Der Zeppelin könne zudem bei Bedarf zu Brennpunkten beordert werden, um eine bestimmte Situation schnell aus der Luft abklären zu können.
Zwölf Stunden ohne Nachtanken in der Luft
Angst vor dem "großen Bruder", einer allgegenwärtigen und alles sehenden Überwachung, zerstreute der Leiter des DLR-Instituts für Verkehrsforschung in Berlin, Professor Reinhart Kühne. Die Kamera habe die nicht allzu hohe Auflösung von 20 Zentimeter und sei durch den Blickwinkel - praktisch senkrecht von oben - ohnehin ungeeignet, Autokennzeichen abzulesen.
Der Zeppelin als Träger des Verkehrserfassungssystems biete spezielle Vorteile, erklärte der Flugleiter der Deutschen Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen, Andreas Obervoßbeck. In einer Höhe von etwa 600 Meter fliegend, könne das moderne Luftschiff dank seiner schwenkbaren Antriebsrotore in der Luft stehen bleiben oder sogar rückwärts fliegen. "Die Manövrierfähigkeit entspricht der eines Hubschraubers. Das Luftschiff ist aber vibrationsärmer." Zudem kann der Zeppelin bis zu zwölf Stunden ohne Nachtanken in der Luft bleiben.
Nachteil des Großluftschiffs ist seine Windempfindlichkeit. Die Windangriffsfläche des 75 Meter langen Schiffes mit einem größten Durchmesser von 14,2 Meter sei größer als die des Segelschulschiffs Gorch Fock, erklärte Obervoßbeck. Mit Passagieren seien Flüge nur bis zu einer Windgeschwindigkeit von 20 Knoten, rund 37 Kilometer pro Stunde, gestattet.
Joachim Sondermann, ap
Spiegel Online, 16.6.2006
http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,421845,00.html