CSI Wien
Gerichtsmediziner Reiter kommentiert die finale CSI Folge „Grabesstille“
Für den Standard schaute sich der Wiener Gerichtsmediziner die ultimative – weil von Quentin Tarantino inszeniert – Doppelfolge „Grabesstille“ an und war offenbar etwas erschüttert.
Seine Kommentare gingen von „völlig undenkbar“ bis „soll das lustig sein?“ und er wusste 25 Minuten vor Schluss, wie das Ganze ausging.
Na ned .. denken wir uns ... die uns auch am Tarantino Erguss erfreuten. Der ORF brachte die Doppelfolge bereits am Montag, Vox hängt mit der gestrigen (31.5.06) Ausstrahlung irgendwie hinten nach. Da weiß man wenigstens, wofür man seinen GIS Beitrag bezahlt, denkt sich der gelegentliche ORF Seher.
Mit einem Happyend haben wir auch gerechnet und gedacht „die werden uns doch den gut gebauten Nick Stokes nicht absageln“, das wäre eine Höllenqual für alle ZuschauerINNEN, die, je nach Altersgruppe, diesen perfekten Schwiegersohn in spe oder, nach dieser Folge sowieso, den armen Nick, in jeder erdenklichen Weise, gerne wieder aufpäppeln würden. Gibt es doch genügend einsame CSI-Seherein, die den Darsteller von Nick Stokes verehren und jede Folge abwarten, ob er nicht doch mal, wenn auch nur kurz, den Duschraum aufsucht oder seine Oberbekleidung – gezoomt versteht sich – wechselt. Aber Gott sei Dank, dem süßen Nick ist nix passiert, bis auf ein paar Ameisenbisse und einem Trauma, worüber sich jeder Psychologe einen Haxen ausfreut, bleiben keinen Folgeschäden.
Man kann also getrost zur Tagesordnung übergehen und sich auf die nächsten CSI Folgen freuen.
Persönlich fand ich diese Doppelfolge nicht so „überdrüber“ ... meine Lieblingsfolge ist nach wie vor „Tod einer Domina“ (Slaves of Las Vegas); 2. Staffel, Folge 8; und „Die Schaumparty“ (Lady Heather's Box), 3. Staffel, Folge 15; wo “Lady Heather? ihre sehr interessanten Grundsatzdialoge mit Gil Grissom führt.
Hier der Standard Artikel:
C.S.I. Wien:
"Möchte besser sein als der Täter"
Tarantino inszenierte blutige Doppelfolge - Gerichtsmediziner Christian Reiter ärgerte sich ausgiebig
Quentin Tarantino inszenierte eine recht blutige Doppelfolge von "C.S.I.". Der ORF zeigt sie Mittwoch um 20.15 Uhr. Der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter schaute für den STANDARD und ärgerte sich ausgiebig.
Finster ist's, die Straßen sind regennass, nur die Lichter zweier Einsatzfahrzeuge blinken. An dem einem stützt sich ein Polizist ab. Er übergibt sich. Der "C.S.I."-Mann Nick Stokes untersucht kniend eine blutige, schleimige Masse am Asphalt. "Schaut aus wie ein Darm", sagt Christian Reiter. Und: "Total unrealistisch."
Ein Mann wird lebendig begraben: "Was ist das Lustiges?" Der Gerichtsmediziner Christian Reiter kommentiert eine "C.S.I."-Folge von Quentin Tarantino.
Christian Reiter obduziert am Wiener Department für Gerichtsmedizin. Über die "C.S.I."-Krimis ärgert er sich, so oft er sie sieht. Auch Quentin Tarantino stimmt ihn von Anfang an nicht um. Der Regisseur von Pulp Fiction oder Kill Bill führte in der letzten Doppelfolge der fünften Staffel Regie. Der ORF zeigt sie heute, Mittwoch, 20.15 Uhr. DER STANDARD besuchte Reiter in der Sensengasse und bat um seine Expertenmeinung.
"Völlig undenkbar!"
"Völlig undenkbar!", schimpft Reiter. "Nirgendwo auf der Welt untersucht ein einziger Beamter einen frei zugänglichen Tatort." In den Regalen von Reiters Kammer liegen Totenschädel, Knochenteile, eine Hüftprothese. Letztere sei bei einer Obduktion übrig geblieben, erzählt er.
"Menschlicher Darm"
An der Wand hängen Fotos von Insekten, eine überdimensionale Holzfliege baumelt herab. Seit 28 Jahren arbeitet Reiter am Institut, ebenso lang bemüht er sich, mit Insekten Todeszeiten zu bestimmen.
In den "C.S.I."-Krimis lässt sich die Todeszeit fast auf die Stunde genau eingrenzen. "Falsch", meint Reiter: Zwischen sechs und neun Stunden, exakter geht's nicht. "Im Fernsehen können sie's besser", laute dann der Vorwurf.
Stokes wird von hinten überfallen, im Auto fortgebracht, mit Chloroform betäubt: "Schon wieder etwas, das einen verrückt macht", ärgert sich Reiter. Es dauere länger als ein paar Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit. Genau so schlimm: "Im Fernsehen werden die Opfer innerhalb einer Minute erwürgt. Ich stehe vor Gericht und muss den Geschworenen erklären, dass das fünf Minuten dauert."
Die Doppelfolge "Grabesstille" trägt eindeutig Tarantinos Handschrift: Flotte Musik, abseitige Dialoge ("Trigger ist das klügste Pferd der Filmgeschichte") und viel Blut. "Ist das ein menschlicher Darm? Das müsste als Erstes geklärt werden", fordert Reiter. Der Darm gehörte einem Hund, kein Blinddarm. "Korrekt", bestätigt Reiter. Um ganz sicher zu gehen, müsste man aber auf Hundeeiweiß untersuchen.
"Was ist das Lustiges?"
Am Bildschirm wird es immer schauerlicher, der Experte nimmt es gelassen: "Was ist das Lustiges? Gräbt er ihn jetzt lebendig ein?"
Reiter ist einer von vier Gerichtsmedizinern in Wien. Das Department ist für Wien, Niederösterreich und das nördliche Burgenland zuständig. 600 Fälle pro Jahr bedeuten für ihn rund 80 Arbeitsstunden pro Woche. Dann ist der Beruf eine Leidenschaft? "Ich möchte besser sein als der Täter." Zweimal war er in Bangkok, nach dem Absturz der Lauda-Air-Maschine und nach dem Tsunami. "Man ist emotionell überfordert. Manche begannen zu witzeln, um sich selbst zu schützen."
Im Fernsehen explodiert ein Mensch. Das Team untersucht einen zerfetzten Torso, Reiter lacht: "Wenn sich einer selber wegsprengt, wird nicht viel von ihm übrig bleiben."
Fürs Fernsehen berät er Krimi-Drehbuchschreiber: "Die wollen von mir immer den perfekten Mord." Aber der bleibt sein Geheimnis: "Ich würde mir ein Eigentor schießen." Gelegentlich imitierten Täter Krimis, erzählt Reiter. In einer "Columbo"-Folge habe etwa der Mörder die Todeszeit verfälscht. Indem er mit einer Wärmematte sein Opfer warm hielt. Elfriede Blauensteiner habe Ähnliches gemacht, erzählt er. "Eine Spielernatur. Mit ihr war es spannend."
Die Lösung wird freilich nicht verraten, Reiter weiß sie 25 Minuten vor dem Schluss: "No, bitte. Die ganze Polizei gräbt jetzt." Resümee: "Eine an den Haaren herbeigeführte Geschichte, alles ist um fünfzig Prozent überzeichnet." Ein Urteil, mit dem Quentin Tarantino zufrieden sein dürfte. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.5.2006)
Der Standard, 25. Mai. 2006
URL: http://derstandard.at/?url=/?id=2457089
Trackback: http://weblog.derdetektiv.at/archives/289-FURIOSES-STAFFELFINALE!.html#extended
Trackback: http://www.weblog.derdetektiv.at/archives/231-Tarantino-drehte-finale-CSI-Las-Vegas-Folge.html