Dem Nachrichtenmagazin "profil" vorliegende Protokolle belegen, wie nachdrücklich
EU-Mandatar Ernst Strasser für vermeintliche Lobbyisten intervenierte.
EU-Abgeordneter Ernst Strasser kämpft verzweifelt um seine
Reputation. Seit profil vergangene Woche aufdeckte, dass ihm von zwei als
Lobbyisten getarnten Reportern der „Sunday Times“ im Gegenzug für
Interventionen bei neuen EU-Regelungen ein lukrativer Nebenjob bei einer
britischen Finanzfirma mit einem Jahresgehalt von 100.000 Euro angeboten worden
war, ist in der ÖVP-Zentrale Feuer am Dach.
Laut profil vorliegenden Protokollen hat der ehemalige Innenminister
tatsächlich weit nachhaltiger für seine Auftraggeber interveniert, als bislang
bekannt war.
Strassers Verteidigung, er sei ohnedies nur zum Schein auf die Angebote der
Auftraggeber eingegangen und habe nur die Hintermänner – „vermutlich
Geheimdienste“ (Strasser) – enttarnen wollen, gerät gehörig ins Wanken. Denn
dafür gibt Strasser auf Anfrage von profil nur an, er habe die Wiener
Sicherheitsfirma CIN-Consult bereits im Sommer für Ermittlungen eingeschaltet.
Und weil er von dieser kurz darauf erfahren habe, dass es sich bei dem
britischen Unternehmen um eine Scheinfirma gehandelt habe, „kann ich ja schwer
Geld von denen erwartet haben“, so Strasser.
Die Chronologie
Juni 2010: Zwei Briten ersuchen Strasser um Kooperation bei der EU-Gesetzgebung
und bieten ihm dafür Vergütungen an. Er habe gleich Verdacht geschöpft und
Nachforschungen angestellt, so Strasser.
Herbst 2010: Die falschen Lobbyisten – es sind Reporter, die EU-Abgeordnete auf
Bestechlichkeit testen – melden sich neuerlich bei Strasser. Es kommt zu
Treffen in Brüssel und Straßburg.
Dezember 2010: Strasser fliegt „auf eigene Initiative und eigene Kosten“ nach
London, um die „Lobbyisten“ zu treffen. Diesmal wird das Angebot sehr konkret.
Für ein Jahresgehalt von 100.000 Euro und einen Sitz im „advisory board“ einer
britischen Finanzfirma soll sich Strasser für Änderungen bei geplanten
Richtlinien im Finanzsektor einsetzen. Strasser will den beiden den
Verhaltenskodex für den Umgang mit EU-Abgeordneten überreicht haben. Strasser
bittet um die Übersendung einer schriftlichen Vereinbarung an seine Wiener
Firma. „Ich wollte etwas Schriftliches in der Hand haben“, beteuert er.
3. Februar 2011: Die Undercover-Reporter stellen Strasser die Frage, ob er
einen Änderungsantrag zum Anlegerschutz im Auftrag eines ihrer Kunden einbringen
könne. „Er stimmte zu und verständigte sich mit ihnen darauf, dass diese Arbeit
seine Position im ‚advisory board‘ abdecke“, so „ST“-Journalist Michael Gillard
in einem profil vorliegenden E-Mail. Strasser soll versprochen haben, sich für
die gewünschte Änderung einzusetzen.
4. Februar: Strassers Assistentin erkundigt sich im Büro des EU-Abgeordneten
Othmar Karas (ebenfalls ÖVP) nach der geplanten Richtlinie, nach dem
zuständigen Berichterstatter in der Fraktion der Europäischen Volkspartei EVP
und nach der Frist zum Einbringen von Abänderungsanträgen. „Jemand ist an
meinen Chef mit einem Vorschlag herangetreten“, schreibt sie in einem zweiten
Mail mit der Bitte, die „Sinnhaftigkeit“ des Antrags zu beurteilen. Kurz darauf
erkundigt sich auch Strasser in einem Telefonat mit dem Karas-Büro, ob es nicht
sinnvoll sei, den Antrag einzubringen. Die Assistentin informiert Karas, der
nach einem schweren Skiunfall in einem Spital liegt, über den Anruf.
Strassers Büro leitet den Änderungsantrag auch an die ÖVP-Europaabgeordnete
Hella Ranner weiter und bittet diese, sie möge ihn im Rechtsausschuss
einbringen. Doch der Antrag bleibt unerledigt liegen. (...)
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Quelle: profil.at, 19.3.2011 13:43, von Otmar Lahodynsky
URL zum Artikel: http://www.profil.at/articles/1111/560/291841/detektei-strasser-co