Der ÖVP-Chef im Europaparlament verschwieg in der
Lobbying-Affäre eine wichtige Firmenbeteiligung und verstieß damit gegen dei
Geschäftsordnung des Europaparlaments. Zudem prüft das EU-Anti-Betrugsamt
seinen Fall.
Brüssel. In seinem Bemühen, Korruptionsvorwürfe gegen sich
zu zerstreuen, ging der Chef der ÖVP-Abgeordneten im Europaparlament, Ernst
Strasser, am Freitag in die Offensive. Es gehe nicht um „angebliches
Lobbying", sondern „um einen Vernaderungsversuch meiner Person". Als
er im Sommer 2010 von einer angeblichen Londoner Lobbying-Firma kontaktiert
wurde, um gegen Geld und sonstige Vergünstigungen ein wichtiges EU-Finanzgesetz
zu beeinflussen, habe er „von Anfang an Verdacht" geschöpft und „ein
österreichisches Corporate Intelligence Unternehmen (CIN Consult Gmbh)
beauftragt", nachzuforschen.
„Dachte, das ist
Tochterfirma"
Was Strasser verschwieg: Die CIN Consult ist nicht
irgendeine von ihm unabhängige Firma. Strasser selbst ist seit 27. Februar 2007
mit zehn Prozent an ihr beteiligt, wie ein Blick ins Firmenbuch zeigt. Zudem
hat Strasser diese Beteiligung entgegen den eindeutigen Bestimmungen der
Geschäftsordnung des Europaparlaments nicht deklariert. In seiner „Erklärung
der finanziellen Interessen" für das Jahr 2010, erstellt am 13. Jänner
dieses Jahres, scheint die CIN-Consult-Beteiligung nicht auf.
„Sie haben leider recht. Das ist ein Fehler. Ich dachte, das sei eine
Tochterfirma der CEE. Ich nehme das zähneknirschend zur Kenntnis", sagte
Strasser, als er von der „Presse" mit diesen Tatsachen konfrontiert wurde.
Die „CEE Consulting Coaching & Educating GmbH" im
niederösterreichischen Jettsdorf bei Tulln ist jene Firma, über die Strasser
seit seinem Rücktritt als Innenminister ab 9. August 2005 laut eigenen Angaben
Unternehmen aus dem In- und Ausland bei Übernahmen berät. Strasser ist
Alleineigentümer, die Firma hat drei Beteiligungen: 20 Prozent an der „BCD Business
Consulting & Development GmbH" (da ist unter anderem auch der Starkoch
Toni Mörwald beteiligt), 49 Prozent an der „ZSA Strategy Consultants GmbH"
(der Rest gehört Alexander Zach, dem früheren Chef des Liberalen Forums) sowie
ein Drittel an der „EXPERT Managementberatung Russia GmbH".
EU-Betrugsamt Olaf ermittelt
Chef und Zwei-Drittel-Eigentümer von CIN ist Thomas
Havranek, der 2009 als wegen Befangenheit abgelöster Gutachter im Fall Meinl
für Schlagzeilen gesorgt hatte.
Havranek war es auch, der in Strassers Auftrag letzten Sommer die Hintergründe
der vermeintlichen Londoner Lobbyisten zu ergründen versuchte, die sich
mittlerweile als verdeckt recherchierende Journalisten der „Sunday Times"
zu erkennen gaben. Viel fand er nicht heraus. „Ich habe ein paar Leute im
Lobbying-Sektor gefragt, und sie haben nie von denen gehört, aber lass mich
noch ein paar weitere Leute belästigen", zitiert er „Freunde in
London" in einer E-Mail an Strasser vom 9. Juli 2010.
Wieso hat Strasser nicht die Staatspolizei informiert, als er seinen Verdacht
erhärtet sah? Dort gibt es eine Stelle, an die sich Beamte und Mandatare wenden
können. „Ich kenne diese Stelle nicht. Ich war fünf Jahre Innenminister. Ich
hätte mich an die Behörden gewendet, hätte ich etwas in der Hand gehabt."
So habe er sich entschieden, „den Agent provocateur zu spielen", sagte
Strasser.
Mittlerweile prüft das EU-Betrugsbekämpfungsamt Olaf den Fall. „Olaf ist sich
der Informationen bewusst, die öffentlich vorliegen, und evaluiert sie in
Übereinstimmung mit seinen Standardvorschriften", teilte ein Sprecher von
Olaf der „Presse" mit.
Strasser soll mehrmals urgiert haben
Strasser wird auch durch den Mailverkehr mit seinem
Fraktionskollegen Otmar Karas belastet. Der "Kurier" schreibt in
seiner Samstagausgabe, entgegen Strassers Angaben habe das Büro seines
Fraktionskollegen Otmar Karas "alleine zwischen dem 3. und dem 16. Februar
vier eMails mit Urgenzen erhalten", darüber hinaus seien acht Anrufe
dokumentiert. In einer eMail vom 16. Februar war demnach zu lesen: "Ich
bin's schon wieder (...) Mein Chef müsste dringend wissen, ob es sich um einen
(Un-)Sinn handelt. Und falls nicht, ob euer Chef (Othmar Karas, Anm.) bereit
wäre, den Inhalt als Amendment (Gesetzesentwurf, Anm.)
einzubringen." Von einer dringenden Bitte um eingehende Prüfung, die
Strasser an das Büro Karas' gerichtet haben will, ist laut "Kurier"
"in sämtlichen Nachrichten keine Rede".
Quelle: Der Standard, 18.03.2011 | 18:04 | Von unserem
Korrespondenten Oliver Grimm (Die Presse)
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