Vampyre gibt's nicht nur im Kino. Sie leben mitten unter
uns, brauchen täglich Blut und wollen sich nicht mehr verstecken
Vampyre treffen ihre Blutspender in speziellen Bars. Mehr
als 30 Milliliter auf einmal sind aber ungesund
Sie stehen unter der strahlenden Sonne Berlins, aber
verbrennen tun sie nicht. Man begegnet Nefer und Anubis im wuselig-gierigen
Großstadttreiben, irgendwo am Berliner Bahnhof Zoo. Sie tragen stilecht schwarz
und Sonnenbrille. Das tun viele hier. Nur das mit der Sonne ist den beiden
besonders unangenehm. Man mag es ihnen nicht verübeln, schließlich sind sie
Vampire.
Vampire gibt es. Sie werden nicht nur Eventkinotauglich auf
große Leinwände projiziert oder zwischen zwei Buchdeckel gepresst, sie leben
unter uns. Der Vampirismus ist weltweit zu einem sehr realen Phänomen geworden.
Äußerlich erkennbar sind Vampire meistens nicht. Auch wenn sich Anubis die
Schneidezähne hat anspitzen lassen - das ist nur Fassade. Der realvampirische
Kern ist dunkel und unsterblich. Und für die meisten Menschen gar nicht
wahrnehmbar.
Neben seinen Vampirzähnen sind Anubis tätowierte Unterarme
besonders hervorstechend. "Das geht die ganzen Arme hoch und bis auf den
Rücken. Aber es ist noch nicht fertig", erzählt er. Wir sind auf dem Weg
zu seinem Tätowierer. Die eine Hälfte seines kunstfertig gestalteten Körpers
steht symbolisch für das alte Ägypten, die andere für die Zeit der Wikinger. In
beiden hat Anubis früher gelebt, so sagt er. Er war ein Krieger. Und eigentlich
ist er es auch heute noch. Er kämpft gegen die Gesellschaft, gegen die
Vorurteile. "Ich gehe sehr offensiv damit um. Ich verstecke mich nicht.
Wenn jemand nicht damit klar kommt was ich bin, soll er verschwinden",
sagt er.
Nefer fällt das nicht leicht. Ihre Vampirexistenz hat sie
viele Freunde gekostet. Es täte ihr auch weh, sagt sie, "wenn ich merke,
dass mich Leute anschauen und vorverurteilen, nur weil ich schwarze Klamotten
trage".
Mit der klassischen Literaturgestalt haben die Realvampire wenig zu
tun. Nefer und Anubis meiden keinen Knoblauch, sie lösen sich nicht unter
geweihtem Wasser auf, und ein Spiegelbild, das haben sie auch. "Sonst wäre
das wirklich sehr problematisch, mit dem Schminken", sagt Nefer. Die
weltweite Vampirszene ist stark differenziert und nur selten bissig.
Hauptsächlich besteht sie aus klassischen Rollenspielern. Sie finden es schick,
Vampir zu spielen. PSI-Vampire halten sich für echte Vampire, saugen aber kein
Blut sondern Lebensenergie. Sie sind Depressive oder Groupies, Außenseiter oder
Hedonisten. Die RealVampire oder auch Vampyre genannt, nehmen das ganze ein
wenig ernster. Was sie alle eint ist der Drang nach Lebensenergie. Die einen
zapfen an fremden Auren, die anderen schon an offenen Venen.
Anubis und Nefer sind Vampyre. Oder Sanguinarians, wie sie
sagen. Bluttrinker. Anubis zeigt auf die kleinen roten Punkte die seine stark
tätowierten Unterarme bedecken: Sonnenallergie. Es ist für ihn kein Vergnügen
zu dieser Zeit durch das lichtgeflutete Berlin zu laufen. Aber er möchte einen
kleinen Einblick in die Szene geben. Zeigen, wie sie wirklich ist:
"Unheimlich tief und unheimlich verschlossen. Besonders in Europa",
antwortet er. Tatsächlich ist es schwer Vampyre zu finden, die bereit sind öffentlich
über ihr Leben zu sprechen. Es gibt zwar eine rege Diskussionskultur im
Internet. Aber die meisten spezifischen Online-Foren, bleiben auch hier dem
Außenstehenden verschlossen. Man möchte unter sich bleiben. "Viele Vampyre
führen ein Doppelleben", erzählt Anubis. Familienväter die nachts heimlich
ausziehen um ihren Blutdurst zu stillen und tagsüber einem ganz normalen Beruf
nachgehen.
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URL zum Artikel: http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article11855980/Beiss-mich-bitte-beiss-mich-Baby.html
Quelle: Die Welt, 28.12.2010, Dennis Sandl