Der Schaden durch Industriespionage für heimische
Unternehmen wird auf 880 Millionen Euro pro Jahr geschätzt
Studie: Betriebe sind sich der Gefahr zu wenig bewusst.
Das höchste Risiko geht von den eigenen Mitarbeitern aus.
Wien. (sf) Die österreichischen Betriebe unterschätzen die Gefahr durch
Industrie- und Wirtschaftsspionage. Nur acht Prozent von 220 befragten
Unternehmen sehen ein hohes Risiko, Opfer von Spionage zu werden, wie eine
Studie der Fachhochschule Campus Wien zeigt. Gleichzeitig geben 31 Prozent der
Betriebe an, bereits Opfer von ungewolltem Informationsabfluss geworden zu
sein.
Der Schaden pro Betrieb reicht von 20.000 bis 1,5 Millionen
Euro – jährlich haben die Studienautoren eine Schadenssumme von 880 Millionen
Euro für die heimische Wirtschaft errechnet. Die Dunkelziffer ist viel höher,
weil viele Unternehmen die Spionage gar nicht bemerken.
Vor allem kleinere Unternehmen wiegen sich in Sicherheit –
doch jeder Betrieb kann betroffen sein. "Spionage ist ein
branchenübergreifendes Problem", sagte Studienautor Heimo Grasser bei der
Präsentation am Donnerstag. Besonders stark betroffen sind Industrie, Gewerbe
und Handwerk sowie Information und Consulting, wo der Schaden bis zu drei Mal
höher als der Umsatz lag.
Vom Ausspähen von Infos bis zum Einbruch
"Das Abwandern von Information ist eine potenzielle
Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Österreich, weil unser Wettbewerbsvorteil
Ideen und Innovationen sind", sagte Christian Dosek, Referent der
Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). 39 Prozent der Betriebe beurteilen den
Verlust von wichtigen Informationen als kritisch, fünf Prozent sehen ihn sogar
als existenzbedrohend an.
Die Bandbreite der Fälle reicht vom Ausspähen von Details
bei der Angebotslegung für große Aufträge über Einbrüche in Firmengebäude bis
zur Aufforderung an Mitarbeiter, Konstruktionspläne der Konkurrenz zu geben.
Bemerkt wird Spionage oft erst nach Jahren – meist dann, wenn Infos bei
Mitbewerbern oder ähnliche Konkurrenzprodukte auftauchen oder Angebote
verdächtig knapp unterboten werden.
Fast die Hälfte der betroffenen Unternehmen gibt als Ursache
für Spionage Mitarbeiter an, die sensible Informationen zum nächsten
Arbeitgeber mitnehmen. In jedem zehnten Fall werden aktive Mitarbeiter für den
Informationsabfluss verantwortlich gemacht. Die inländische Konkurrenz gilt in
29 Prozent der Fälle als Verursacher, 20 Prozent machen ausländische
Konkurrenten verantwortlich. Jeder Fünfte gibt untreuen Kooperationspartnern
die Schuld, ausländische Nachrichtendienste werden hingegen selten genannt.
Fliegt Spionage auf, wird nichts unternommen
Wenn die Betriebe die Spionage bemerken, unternimmt fast ein
Drittel gar nichts dagegen. "Es gibt kaum Kooperation mit den
Ermittlungsbehörden", sagt Peter Gridling, Chef des Bundesamts für
Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Einerseits haben Unternehmen
Angst, durch das Bekanntwerden des Vorfalls wichtige Kunden zu verlieren,
andererseits fürchten sie die Medienberichterstattung.
Damit es erst gar nicht so weit kommt, sollten Betriebe ihre
Sicherheit verstärken. Oft werden Gefahren übersehen, zum Beispiel, dass
Mitarbeiter geheime Informationen ausplaudern. "Es ist erschreckend, wie
wenig sensibel die Unternehmen in diesem Bereich sind", sagt Gridling. Im
Frühjahr wird ein Handbuch in Kooperation mit dem Innenministerium, der
Industriellenvereinigung und der WKÖ erscheinen, das auch wenig kostenintensive
Sicherheitsmaßnahmen für KMU zeigt.
Wissen
Industriespionage ist die Konkurrenzforschung von
Mitbewerbern, bei der die Grenze der legal erlaubten Methoden überschritten
wird. Ziel ist der Erwerb von Informationen, die geeignet sind, die eigene
Marktposition zu stärken oder Wettbewerbsvorteile anderer Firmen zu
egalisieren. Wirtschaftsspionage ist die von ausländischen, staatlich gelenkten
Nachrichtendiensten gezielte Ausforschung von Betrieben zur Stärkung der
eigenen Wirtschaft.
Wiener Zeitung vom Freitag, 19. November 2010
URL zum Artikel: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3929&Alias=wzo&cob=527919