WEB-SPUREN: DER MÖRDER UND DAS NETZ
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Noch kurz zuvor hatte er mit einer Online-Bekanntschaft per Instant Messenger gechattet - er sei nervös und könne nicht schlafen, schrieb er da, weil in seiner Nachbarschaft ein Mädchen verschwunden sei und er fürchte, verdächtigt zu werden. Im Nachhinein betrachtet könnte das ein Versuch gewesen sein, sich einen Entlastungszeugen zu schaffen. Underwood schrieb: "Ich habe Angst, dass die Bullen in meine Wohnung kommen und meine ganzen Messer und Schwerter sehen, und die Horrorfilme und Dokumentationen über Serienmörder in meinem DVD-Regal, und mich deshalb verdächtigen. Und mein Bettzeug ist immer voller Blut, aber das ist mein eigenes Blut."
Kein anderer Mörder dürfte je solch große, öffentlich zugängliche Datenmengen wie Underwood hinterlassen haben. Das US-Blog Optymyst, dessen Autor sich auf die Suche nach den digitalen Spuren des Mörders Underwood machte, listet eine ganze Reihe Internetdienste auf, die Underwood benutzte, etwa Yahoo. In seinem Blog gibt Underwood Unmengen an persönlichen Details preis: "In meinem ganzen Leben haben mich nur zwei Menschen geküsst."
"Du hattest kein Recht, sie zu töten!"
In seinem MySpace-Profil fanden sich bis vor kurzem noch Bilder von ihm. MySpace hat das Profil inzwischen gelöscht, Optymyst hat eine Kopie aufbewahrt. Zum Zeitpunkt der Recherche für diesen Text existierte Underwoods MySpace-Blog aber noch. In den angehängten Kommentaren geben Nutzer inzwischen ihrem Hass und ihrem Unverständnis Ausdruck - oder nutzen das finstere Thema, um andere zu provozieren. Die Anmerkungen reichen von "Grillt ihn!" bis hin zu Verweisen auf die Gnade Gottes. Auch in seinem anderen Blog machen andere Nutzer ihrem Entsetzen in Kommentaren Luft - auch wenn der Angesprochene sie wohl kaum lesen wird: "Du hättest Dich der Polizei stellen sollen, als Du diese Gedanken hattest! Du hattest kein Recht, sie zu töten!"
Auf anderen Seiten publizierte Underwood eigene Kurzgeschichten - darunter eine, in der sich ein Ich-Erzähler als Selbstmordattentäter entpuppt -, Zeichnungen und abstruse Witze. Er erfand einen "mörderischen Butler" namens Charles und warnte: "Wenn er Dich erwischt, wirst Du Dir einen schnellen Tod wünschen. Er foltert seine Opfer auf unaussprechlichste Arten."
Zwei Wunschzettel beim Buchversender Amazon informierten über die Einkaufswünsche des 26-jährigen: Neben Starwars-DVDs und Aufnahmen des Komikers Weird Al Yankovic wünschte sich der Mörder auch das Buch "Meat is Murder! New Edition: An Illustrated Guide to Cannibal Culture (Creation Cinema Collection)".
Was ist normal, was weist auf Schlimmeres hin?
All das ist nicht entscheidend anders als die Online-Spuren anderer postadoleszenter, einsamer Netzbenutzer mit zu viel Zeit. Neben den normalen Angaben eines jungen Bloggers, der eine Vorliebe für Anime-Cartoons und Videospiele hat und gerne mal nach Japan reisen würde, sind aber durchaus Auffälligkeiten in den Texten zu bemerken:
"Da wir gerade vom Töten von Menschen sprechen, ich habe heute wieder angefangen, mein Lexapro (ein starkes Antidepressivum) zu nehmen. Nicht, weil der Arzt es mir gesagt hat oder so, aber als ich aufgehört hatte, es zu nehmen, hatte ich noch fünf Nachfüllungen gut, also hab ich mir heute welches geholt. Ich hatte seit Mai keins mehr genommen und es ging mir ganz gut, bis zum letzten Monat oder so. Ich habe immer noch kein allzu schlimmes Sozialphobie-Problem, aber ich werde wieder depressiv."
Doch trotz aller Anzeichen, die sich im Nachhinein so problemlos in den Aufzeichnungen des mutmaßlichen Mörders finden lassen - weder soll noch kann man aufgrund von Internetprofilen Menschen vorverurteilen. Dass sich jemand für die Geschichte des Kannibalismus interessiert, bedeutet für gewöhnlich nicht, dass er das Nachbarsmädchen verschlingen möchte. Der Fall Underwood ist lediglich die traurige und schreckliche Ausnahme, die die Regel bestätigt. So wird es auch in Zukunft kaum möglich sein, Verbrechen, die sich in Blogs und anderen Community-Seiten (siehe Kasten) unterschwellig ankündigen, zu verhindern.
Das Netz als Werkzeug
Ganz anders verhält sich die Sache jedoch, wenn das Internet nicht nur den Wandel zum Täter dokumentiert, sondern zum Werkzeug der Kriminellen wird. Hier spielen die Möglichkeiten Mitmach-Webs eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zuletzt hat das vieldiskutierte Thema, dass Pädophile im Online-Portal MySpace gezielt nach minderjährigen Opfern suchen, nach einer Recherche des Online-Magazins "Wired" neuen Aufschwung bekommen ( SPIEGEL ONLINE berichtete). Redakteure hatten das beliebte Online-Portal (siehe Kasten) nach Namen, die sie aus einer öffentlich zugänglichen Sexualstraftäter-Datenbank kopiert hatten, durchsucht. Das makabere Ergebnis: Mindestens zwei vorbestrafte Sexualstraftäter präsentierten sich als nette, christliche Kumpels auf der Suche nach neuen Freundschaften.
WEB 2.0: DIE MITMACH-PLATTFORMEN DES GEMEINSCHAFTS-NETZES
MySpace
MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über 60 Millionen registrierten Nutzern. Wie auch Facebook.com, Xanga.com oder Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
Flickr
Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten "citizen journalism": Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten.
YouTube
YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind Metacafe.com, Vimeo.com und ClipShack.com. Auch Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio-und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie Eyespot.com und Jumpcut.com -dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen.
Del.icio.us
Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Webadressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert. Speziell auf Technologie-Nachrichten spezialisiert ist digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite.
Technorati
Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit -Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (Google Blog Search) -mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
MashUps
MashUps sind Internetseiten, die durch das vermischen, vernküpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon-oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch Flickr und del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre "application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
Blogs
Blogs oder Weblogs sind Internet-Tagebücher. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
Wenn Kriminelle das Netz gezielt als Werkzeug benutzen, können Experten wenigstens versuchen, den kriminellen Energien entgegenzusteuern. Denn oft ist die vermeintliche Anonymität oder die Zweitidentität, auf die sich viele Straftäter verlassen, im Nu gelüftet. Außerdem weiß auch die Gegenseite, sich der neuen Netz-Techniken zu bedienen. So darf man die Idee, Landkarten von Anbietern wie Google Earth mit den Aufenthaltsorten von Sexualstraftätern zu markieren, als klassisches Mashup bezeichnen - eine Mischung aus zwei unterschiedlichen Websites, die zusammen einen neuen Sinn ergeben. Ein anderes aktuelles Beispiel: Im Bundesstaat Kansas wurden gestern fünf 16- bis 18-jährige Jugendliche verhaftet, die offensichtlich planten, an ihrer Schule einen Überfall mit Schusswaffen zu veranstalten. Sie hatten ihre Pläne bei MySpace angekündigt.
Im Fall Underwood war die Online-Gemeinde jedoch machtlos. Zu vage die Andeutungen des Bloggers, zu undeutlich seine Ankündigungen. Erst nach seiner Festnahme war es möglich, die Puzzleteile, die er online hatte, zusammenzufügen. Sie ergeben ein trauriges Bild: Es zeigt einen Mörder vor der Tat.