Aggressiv und auf breiter Front versuchen chinesische und
russische Geheimdienste, die Spitzenleistungen der deutschen Forschung zu
stehlen. Der wirtschaftliche Schaden ist groß.
Dreißig Augenpaare richten sich auf den deutschen Ingenieur:
Er hält beim chinesischen Geschäftspartner in Peking einen Vortrag über
Solarstromtechnik, das ist sein Forschungsgebiet und das Geschäftsfeld seiner
Firma. Er hat seinen Laptop mitgebracht, darin seine Präsentation, doch dann
gibt es Probleme.
Im Raum ist bereits ein Computer installiert, fest mit dem Beamer verbunden,
und das Gerät des Besuchers lässt sich mit der vorhandenen Technik nicht in
Einklang bringen. Die konkreten Tücken der Globalisierung. Ungeduld macht sich
breit. Kurzerhand zieht er die Präsentationsdatei auf seinen Stick und steckt
ihn in den USB-Port des Rechners des Gastgebers. Endlich beginnt der Vortrag.
Der Ingenieur hat einen Fehler gemacht. Von seiner
Asienreise kehrt er mit einem Trojaner auf Stick und Laptop nach Hause zurück,
einem Spezialmodell des chinesischen Geheimdienstes, das von
Anti-Virenprogrammen nicht entdeckt wird. Der Schädling verbreitet sich auf den
Rechnern der Firma und beginnt zu lauschen.
Unbemerkt, nachhaltig und allumfassend:
Forschungsergebnisse, Produktentwürfe, Fertigungstechnik, Angebote etc., alles,
was für die ferne Konkurrenz von Interesse ist. Erst viele Wochen später wird
der Trojaner entdeckt.
Die Firma, ein mittelständisches Unternehmen ohne ernst zu
nehmende Sicherheitskultur, wurde Opfer von Wirtschaftsspionage, staatlich
organisiert, perfekt und diskret ausgeführt vom chinesischen Geheimdienst, der
neben dem russischen in Deutschland besonders aktiv ist. Wie viele Unternehmen
betroffen sind, lässt sich schwer quantifizieren.
"Das kann keiner beurteilen, die Dunkelziffer ist zu
hoch. Ich würde mich nie auf eine Zahl festlegen", beurteilt Professor
Alexander Huber von der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin die Lage.
"Aber von allen mittelständischen Unternehmen, die wir befragt haben, gab
es kein einziges, das nicht von Wirtschaftsspionage oder Konkurrenzausspähung
betroffen war."
Für eine Studie befragte die Beratungsfirma Corporate Trust
7486 Unternehmen, auch Großunternehem, und hier gaben 18,9 Prozent der
Teilnehmer an, ihre Firma sei bereits Opfer von Spionage geworden. Große
Unternehmen sind oft besser geschützt, da sie eigene Sicherheitsabteilungen
beschäftigen und für alle Mitarbeiter verbindliche Richtlinen erlassen.
Private Spionage
Fremde Mitarbeiter sind manchmal ihrem Heimatland gegenüber
loyaler, als ihrem kurzfristigen Arbeitgeber in Deutschland.
Konkurrenzausspähung geht im Unterschied zur
Wirtschaftsspionage nicht von einem Staat aus, sondern von einem Konkurrenten.
"Konkurrenzspionage kommt eindeutig häufiger vor, als die klassische
Wirtschaftsspionage von Nachrichtendiensten", erklärt Rudolf Proschko,
Leiter der Spionageabwehr beim bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz.
Für die betroffene Firma ist dieser Unterschied oft
akademischer Natur. Ein klassischer Fall ereignete sich unlängst, als eine
Mitarbeiterin systematisch alle Angebote ihrer Firma einem ehemaligen Chef
zufaxte. Aus alter Loyalität heraus.
Ihr ehemaliger Arbeitgeber konnte ihren neuen immer
unterbieten. Als dem betrogenen Geschäftsführer auffiel, dass etwas nicht
stimmen kann, erstellte er über eine Scheinfirma eine Anfrage und ein Angebot.
Eine Falle. Auch in diesem Fall schickte der alte Arbeitgeber ein günstigeres
Angebot, und die Sache flog auf.
Allerdings reichten die Beweise vor Gericht nicht aus, und
die Firma musste der Betrügerin zur Kündigung noch eine Abfindung bezahlen.