Internet-Überwacher lassen sich bei ihrer Arbeit nicht gern über die Schulter
schauen. Für Technology Review gewährte ein Insider einen Blick hinter die
Kulissen.
Dieser Text ist der Print-Ausgabe 03/2010 [1] von
Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle [2]
Ausgabe, hier [3] online portokostenfrei bestellt werden.
Die Überwachung der Internet-Kommunikation ist ein florierendes Geschäft, vor
allem in autoritären Staaten. Wer entwickelt und implementiert solche Systeme,
und wie funktionieren sie? Der IT-Berater Hermann Müller (Name von der
Redaktion geändert) verrät, wie die Abhör-Industrie und ihre Auftraggeber
ticken. Er verbrachte mehrere Monate im Mittleren Osten damit, ein
Überwachungssystem zum Laufen zu bringen. Wolfgang Stieler protokollierte.
Der junge Mann trug eine Maschinenpistole. Er schaute cool und etwas
gelangweilt, als er den Spiegel unter das Auto schob. Er fand keine Bombe unter
dem Wagenboden, studierte kurz die Zugangsberechtigung, öffnete den Schlagbaum
und winkte mich durch. Den Aktenkoffer auf dem Beifahrersitz ignorierte er.
Mein Ziel war das "Monitoring Center", die zentrale Anlage zur
Überwachung des Internets in diesem arabischen Land – eine Light-Version der
"großen chinesischen Internet-Mauer", wenn man so will. Nur dass hier
nicht blockiert wird, sondern nur gelauscht. Der Datenverkehr wird
mitgeschnitten, gespeichert und bei Bedarf an Polizei, Justiz oder den
Geheimdienst übergeben. Alles streng nach den Buchstaben des Gesetzes und im
Dienste des "Krieges gegen den Terror".
"Lawful Interception" nennt sich das, legale Überwachung. Das macht
kein Staat mehr selbst – na ja, außer vielleicht Nordkorea –, sondern kauft
diese Dienstleistung bei großen internationalen Herstellern ein, die ihre
Systeme nur noch an die jeweiligen "legal requirements" eines Landes
anpassen. Viermal im Jahr kann man solche Anlagen auf einer großen Messe
besichtigen – beim ISS World Training etwa sind praktisch alle großen Hersteller
vertreten. Als Privatmensch kommst du da aber nicht rein, nur wenn du in der
Branche arbeitest oder für einen der staatlichen Überwachungsdienste.
Zurück zum Monitoring Center. Das kleine Problem dort war, dass die Anlage
nicht funktionierte. Nicht so, wie es in den wunderschönen Hochglanzprospekten
stand. Auch nicht so, dass man damit zumindest hätte improvisieren können –
sondern schlicht gar nicht: Die Rechner stürzten nach einigen Stunden in
schönster Regelmäßigkeit ab, in den Protokolldaten stand oft nur Müll, und
einen wichtigen Teil der Internet-Kommunikation bekam das System gar nicht erst
mit.
Das Projekt hatte ursprünglich eine Laufzeit von fünf Jahren, war aber, als wir
einstiegen, bereits zwei Jahre überzogen. Das bedeutete, der US-Hersteller
musste Vertragsstrafe zahlen – mehr als 1000 Dollar pro Tag. Und er wurde von
den Arabern gezwungen, sich externe Berater zu holen. So kamen meine Partner
und ich ins Spiel: Laut Vertrag sollten wir analysieren, wo die internen
Probleme lagen, moderieren, Missverständnisse ausräumen und helfen, die
Schwierigkeiten zu beseitigen. Aus Sicht des Herstellers sollten wir allerdings
nur die Araber beruhigen. Inhaltlich wollte er auf gar keinen Fall beraten
werden.
Warum das alles nicht funktioniert hat? Im Wesentlichen lag es meiner Meinung
nach daran, dass die meisten Hersteller von Internet-Überwachungsanlagen aus
der Telefonbranche kommen. Dort ist alles noch einigermaßen einfach: Man
überwacht einen bestimmten Teilnehmer, der aus irgendwelchen Gründen verdächtig
ist. Und wenn du den Absender der Nachricht hast, erwischst du automatisch auch
den Empfänger. Das gesamte Gespräch geht über eine Leitung. Die Datenmenge, die
ich aufzeichnen muss, bleibt überschaubar.
Aber wenn man versucht, diese Philosophie einfach auf das Internet zu
übertragen, funktioniert das nicht. Denn erstens hat man nicht von Anfang an
seine Verdächtigen – man will ja vielmehr die allgemeine Kommunikation
belauschen, um zu sehen, ob jemand etwas Verbotenes macht. Und zweitens hat man
es nicht mit einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung zu tun, sondern mit einer
paketbasierten Vermittlung.
Das
Hauptproblem ist nun: So ein Abhörsystem soll zwar den laufenden
Datenverkehr mitschneiden, kann aber nicht aktiv daran teilnehmen. Das
heißt,
es kann beispielsweise ein verloren gegangenes Datenpaket nicht noch
einmal
anfordern – was ja eigentlich Sinn und Zweck des Internet-Protokolls
ist.
Umgekehrt muss es aus dem ganzen Gewusel an – zum Teil mehrfach
gesendeten –
Datenpaketen, die da aus der Leitung plumpsen, die ursprüngliche
Nachricht
wieder zusammenbasteln. Das ist technisch nicht ganz einfach.
In unserem Fall – und ich denke, das wird immer so gemacht – wurde in
einem
Router ein sogenannter Spiegel-Port benutzt, auf den der gesamte
Datenverkehr
umgeleitet wurde. Dann musste herausgefiltert werden, was man sehen
wollte –
den ganzen Filesharing-Krempel beispielsweise nicht. Darüber kommt zwar
eventuell verbotene Pornografie ins Land, aber dafür ist eine andere
Dienststelle zuständig. Der gefilterte Datenstrom wurde dann nach
Protokollen –
also etwa SMTP für E-Mails oder HTTP für Webseiten – auf verschiedene
Rechner
aufgeteilt, die jeweils ein bestimmtes Protokoll dekodieren. Die
Nachricht
wurde gespeichert, die dazugehörigen Metadaten wie Betreffzeile, Sender
und
Empfänger nebst ihren IP-Adressen in eine Datenbank geschrieben.
Die zusätzliche Schwierigkeit besteht nun darin, diese IP-Adressen mit
der
Identität der Nutzer in Verbindung zu bringen. Das heißt, ich brauche
zusätzlich noch die Login-Daten der Internet-Provider, und ich muss die
exakte
Zeit mitprotokollieren, zu der sich ein Nutzer eingeloggt hat. Dafür
brauche
ich aber eine sehr exakte Zeitsynchronisation, die es in diesem Land
nicht gab.
Dazu kam, dass die Login-Daten eine sehr schlechte Qualität hatten. Wir
haben
manche Logins gar nicht gesehen, einige dafür aber drei- bis viermal und
Logouts bis zu 15-mal. Das führte regelmäßig dazu, dass der Server, der
die
Log-Protokolle verarbeiten sollte, nach ein bis zwei Tagen abgeraucht
ist. Es
hat mehr als drei Monate gedauert, bis wir das gefixt hatten.
Wobei wir einen Monat brauchten, bis der Hersteller überhaupt einsah,
dass es
sich tatsächlich um einen Fehler handelte. Der behauptete immer: Wir
haben
alles getestet, das funktioniert. Wenn es nicht funktioniert, liegt es
an der
schlechten Qualität der Daten. Das war exemplarisch: Erst den Fehler
leugnen,
dann war der Traffic schuld, und wenn das nicht weiterhalf, war es ein
Bedienfehler des Kunden. Dann waren die Berater schuld, weil sie Unfug
erzählten, dann der Projektleiter vor Ort, dann fingen wir wieder von
vorn an.
Aber zurück zum Dekodieren: Das nächste Problem war, dass sämtliche
Dekoder nur
den ASCII-Zeichensatz verstanden, also nur lateinische Buchstaben. So
etwas wie
der internationale Zeichensatz UTF-8, der auch arabische Zeichen
umfasst, war
nicht vorgesehen. Man konnte also auf Arabisch nichts suchen. Ganz
abgesehen
davon, dass Suchen eh nur in den Metadaten möglich war – und nicht im
Volltext.
Das war ein Designfehler, den die arabischen Kunden allerdings auch im
Pflichtenheft abgesegnet hatten. Das wollten sie natürlich später ändern
– aber
wir konnten ihnen das ausreden: Schließlich hatten sie dieses Feature ja
nicht
bezahlt. Aber ein echter Klopfer war das schon. Ich kann doch kein
Überwachungssystem in den Nahen Osten ausliefern, in dem man nicht nach
ara-
bischen Zeichen suchen kann. Das sieht der Hersteller bis heute anderes:
Steht
nicht im Pflichtenheft, wird nicht gemacht, selbst schuld, lieber Kunde.
Trotzdem hätte man einiges intelligenter lösen können: Die
Überwachungsdienste
werden nicht etwa automatisch hochgefahren. Stattdessen muss jedes Mal,
wenn so
eine Maschine abstürzt, jemand hinfahren und sie per Hand wieder
hochfahren.
Das Problem dabei ist nur: Das Monitoring-Center steht auf militärischem
Gelände. Da kann man nicht einfach so Tag und Nacht reinspazieren.
Allein waren
wir da drin zu keinem Zeitpunkt – als Ausländer wurden wir immer von
einem
militärischen Bewacher begleitet. Und der war halt nicht ständig
verfügbar.
Selbst wenn die Anlage lief, war das Netz extrem löchrig. Wichtige
Chat-Protokolle wie "Jabber" konnte man nicht erfassen, Microsofts
"Live Mail" sowie verschiedene arabische Web-Mailer auch nicht und
Voice over IP nur sehr eingeschränkt. Dazu kam, dass die Filterung nach
den
verschiedenen Protokollen sowieso nur Standard-Ports berücksichtigte.
Wenn ich
beispielsweise versuchte, einen Mail-Server über einen anderen Port zu
erreichen, kriegte die Anlage das nicht mit.
Ein weiteres Problem: Wir hatten da nur etwa 30 Terabyte Speicherplatz.
Der war
in rund drei Monaten voll – die Ermittlungsbehörden hatten also im
Schnitt drei
Monate Zeit, um aus dem Datenwust konkrete Indizien herauszufiltern,
dann
wurden die Daten wieder überschrieben. Dabei gab es noch relativ wenig
Datenverkehr – das gesamte Land hatte eine Internetanbindung von nur
einigen
Hundert Megabit pro Sekunde.
Wenn sie denn überhaupt funktionierte. Einmal haben wir diese
Internet-Verbindung ja höchstpersönlich abgeschossen – und dabei
gelernt, wie
leicht das ist. Eigentlich wollten wir nur einen Test vorbereiten. Dazu
hatten
wir Dateien von unserem Testserver in Europa auf unsere Notebooks vor
Ort
heruntergeladen – wir hatten zwar kein DSL in der Wohnung, aber in der
Nachbarschaft gab es ein offenes WLAN. Unter den Testdateien war auch
eine
sogenannte Zip-Bombe. Das ist eine komprimierte Datei, die nur aus
Nullen
besteht und in komprimierter Form sehr klein ist. Packt man das Ding
aber aus,
expandiert es auf ungefähr drei Gigabyte. Diese Datei hatte mein Partner
heruntergezogen, aber nicht verschlüsselt. Und plötzlich ging das
Internet
nicht mehr.
Was war passiert? Es gibt in den islamischen Ländern überall
Zwangsproxies –
das sind Server, die vorgeschaltet werden, um bestimmte Inhalte zu
blockieren.
Die kontrollieren offenbar auch Dateien, die man sich herunterlädt. Das
hat uns
zwar keiner gesagt, aber nur so ist die Geschichte zu erklären. Der
Proxy hatte
offenbar schön brav unsere Zip-Bombe aus- gepackt – und war dann tot.
Normalerweise
würde ich ja erwarten, dass es eine ganze Proxy-Farm gibt, in der die
Last
automatisch zwischen den verschiedenen Servern verteilt wird. Aber hier
gab es
scheinbar für jeden DSL-Bezirk genau einen festen Proxy. Als der
ausfiel, war
halt das Internet weg.
Die Sache passierte uns abends so gegen 18 Uhr, und bis zum nächsten
Morgen um
elf hatte der komplette Botschaftsbezirk kein Internet. Was die Arbeit
nach
westlichen Maßstäben sehr schwierig machte, war auch die Tatsache, dass
die
ganze Gesellschaft dort ungeheuer hierarchisch geprägt ist. Das heißt,
man kann
keine Meetings planen. Die Leute rechnen nämlich ständig damit, dass ihr
Chef
sie anruft und etwas von ihnen will. Dann müssten sie ein Meeting wieder
absagen, was ein fürchterlicher Gesichtsverlust gegenüber dem Ausländer
wäre.
Es gibt also nur lose Verabredungen nach dem Motto: Wir schauen mal, ob
wir uns
am Samstag treffen. Das kann dann morgens um neun sein oder nachmittags
um
zwei. Das bringt dir natürlich sämtliche Zeitpläne durcheinander. Wir
waren
gerade im Monitoring-Center und hatten einen Test laufen, da kam zum
Beispiel
der Anruf aus der Ausländerbehörde, und es hieß, lasst mal alles stehen
und
liegen, ihr müsst jetzt da auflaufen. Sonst hätten wir unsere
Aufenthaltsgenehmigung nicht gekriegt. Der Tag war gelaufen.
Das war für die Leute vom Anlagenhersteller regelmäßig absurdes Theater –
diese
Managertypen konnten damit überhaupt nicht umgehen. Die haben ja strikt
mit
Deadline und Zeittakt gearbeitet. Also beklagten sie sich fürchterlich
darüber,
dass der Kunde gar nicht mit ihnen zusammenarbeiten wolle. Deswegen
kriegen die
Amerikaner da auch kein Bein auf die Erde. Die sind viel zu direkt. Das
ist da
nicht so schlimm wie in China, aber normalerweise sagt man eben nicht
direkt
Nein. Und man kritisiert auch niemanden offen. Man ist nett und
freundlich und
spricht zwei Stunden. Das macht man am nächsten Tag wieder und wieder –
so
lange, bis der andere von selbst merkt, dass nichts dabei herauskommt.
Also: Gesicht wahren, Hierarchien respektieren, Regeln einhalten,
höflich und
geduldig bleiben hat da einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Man braucht
Geduld
und ein bisschen Kulturtraining. Wobei die Araber auch durchaus
nachsichtig
sein können – solange sie das Gefühl haben, dass man sich bemüht.
Für uns allerdings ging es einfach irgendwann nicht mehr: Wir waren
gezwungen,
den Hersteller für seine Fehler zu kritisieren. Daraufhin schmissen sie
uns
raus und suchten sich neue Berater. Die wurden aber auch bald gefeuert.
Dann
haben sie ein völlig neues Konzept entwickelt und damit ein Jahr Zeit
geschunden. Aber das neue Konzept funktioniert auch nicht – und jetzt
zahlen
sie wieder Vertragsstrafe. Beide Parteien haben sich in einer Art
Endlosschleife verhakt. Ich habe zwar gehört, dass immer wieder darüber
diskutiert wird, das Projekt abzuschreiben, einfach was Neues zu kaufen.
Aber
es fehlt wohl das Geld.
Vielleicht waren wir auch einfach nur zu früh dran: Eine der ganz
mächtigen
Waffen bei der Internet-Überwachung ist ja gerade, Beziehungsnetzwerke
zu
analysieren: Man kann sehen, wer mit wem wie lange kommuniziert, und
daraus die
Gruppenstruktur ableiten. Das kann man nur machen, wenn man den
kompletten,
ungefilterten Datenverkehr abhört. Das war damals noch nicht mal
ansatzweise
möglich. Mittlerweile gibt es aber Hersteller, die genau solch ein
Konzept
angekündigt haben. Es soll in zwei bis drei Jahren verfügbar sein.