Die Soko "Cold Case" der Polizei ist auf der Suche
nach Abgängigen. Im "Fall Kührer" gibt es schon eine Spur.
Julia Kührer. Dieser Name hat den von Natascha Kampusch als
Synonym für Abgängige in Österreich abgelöst. Julia verschwand im Juni 2006
daheim in Pulkau, NÖ - zwei Monate, bevor Natascha wieder auftauchte.
Kampusch, Kührer - zwei von in Summe Tausenden angezeigten Vermisstenfällen pro
Jahr. "Acht Jahre lang hat kaum jemand daran geglaubt, dass Natascha
Kampusch noch lebt. Sie hat uns sozusagen bewiesen, dass alles denkmöglich sein
muss", sagt ein Kriminalist.
Elisabeth Gaube: Vermisst seit 6./7. Dezember 2005 in WienJulias
Schicksal ist der erste Fall, den das Bundeskriminalamt (BK) getreu der
US-Krimiserie "Cold Case - Kein Opfer ist je vergessen" neu aufrollt.
"Wir haben aus Fehlern im Fall Kampusch gelernt", sagt Generalmajor
Gerhard Lang, Chef-Stratege im BK. Folglich wurde die Truppe, die zuletzt den
Kern der "Soko Kampusch" gebildet hat, mit Kührer-Ermittlungen
betraut. Lang (vorsichtig): "Ein Gewaltverbrechen ist leider nicht
auszuschließen."
Die momentan aufgenommene Spur ist nicht neu, erscheint aber in neuem Licht:
Ein möglicher Verdächtiger aus dem privaten Umfeld des Mädchens ist mehr oder
minder von der Bildfläche verschwunden bzw. aus dem Schussfeld gebracht worden.
Und just aus seiner Familie kam einst ein Hinweis, der die Ermittler offenbar
auf eine falsche Fährte hätte locken sollen.
Gerhard Lang will sich nicht in die Karten blicken lassen: "Alles ist
offen, wir suchen Beweise." Vor allem "wollen wir nicht stur in eine
Richtung ermitteln, das wäre der falsche Zugang" (Lang).
777 Menschen waren mit Stichtag 31. 12. 2009 in Österreich im Polizeicomputer
als "abgängig" zur Fahndung ausgeschrieben. Darunter 242
Minderjährige (siehe Infografik). Viele davon galten schon länger als vermisst
- wie Julia Kührer. Oder wie Elisabeth Gaube. Auch bei ihr ist zu befürchten,
dass sie nicht mehr lebt. Die Architektin, Mutter einer kleinen Tochter, ist in
der Nacht auf 7. Dezember 2005 nach einem Streit mit ihrem Mann in Wien-Donaustadt
verschwunden. Und so wie im Fall Kührer spricht vieles dafür, dass der etwaige
Mörder kein Fremder war. Einzig: Man fand keine Leiche und keine Beweise für
eine Täterschaft. Den Angehörigen bleibt die Ungewissheit. Tage. Wochen.
Monate. Jahre. Warten. Bangen. Und hoffen.
Geht es nach Gerhard Lang, wird das "Cold Case"-Team um Chefinspektor
Kurt Linzer nicht nur aussichtslos scheinende Vermisstenfälle neu aufrollen,
sondern auch ungeklärte Morde. Oder rätselhafte Todesfälle, wie den von Aeryn
Gillern, der angeblich in den Donaukanal gesprungen ist (Zusatzbericht im
Hintergrund). "Wir ziehen Psychologen bei und analysieren vorliegende
Erkenntnisse neu. Ohne Tunnelblick und vor allem nicht mit dem Ziel, Kollegen,
die den jeweiligen Akt zuvor bearbeitet haben, Fehler nachweisen zu
wollen", ist Oberst Helmut Greiner vom BK bestrebt, Vorbehalte in
Polizeikreisen abzubauen.
Die Bilanz
Von den erwähnten 777 Vermissten-Fällen sind nur wenige für
ein "Cold Case"-Prozedere geeignet. Die Zahl ändert sich übrigens
praktisch stündlich. Denn Vermisstenmeldungen gibt es gut zehn Mal mehr, nur
klärt sich die absolute Mehrzahl in ein bis drei Tagen. Der weit überwiegende
Teil der Gesuchten kehrt selbst zurück, etwa ein Drittel wird von der Polizei
aufgegriffen. Laut Statistik verschwinden etwas mehr Frauen als Männer. Etwas
mehr als die Hälfte aller (kurzfristig) Abgängigen ist minderjährig, Anzeige
erstatten bei ihnen in der Regel soziale Einrichtungen. Langfristig gesehen
bleiben nur wenige Rätsel ungelöst. 34 sind es seit fünf, weitere 33 seit zehn
oder mehr Jahren, davon waren 15 bzw. zehn zum Zeitpunkt des Verschwindens
minderjährig.