In Indien greift ein zweifelhafter Trend um sich: Immer mehr
Frischverlobte lassen ihren zukünftigen Ehepartner professionell ausspionieren.
Neu-Delhi – Ajit Singh kennt so gut wie jede Lüge. Er hat
Menschen im Labyrinth der Gassen von Neu-Delhi verfolgt. Er fotografiert sie,
wenn sie die Wohnung eines Liebhabers verlassen, hört sie von angeblich hohen
Gehältern prahlen und weiß, wenn sie Krankheiten verschweigen.
Der dürre Mann in einem schlecht sitzenden Anzug arbeitet
aber nicht als zwielichtiger Privatermittler: Er ist Hochzeitsdetektiv. Seit in
Indien arrangierte Ehen zunehmend von Liebesheiraten abgelöst werden, erfährt
dieser Beruf eine starke Aufwertung.
„Heutzutage muss man prüfen, ob die Menschen die Wahrheit
sagen. Und genau da kommen wir ins Spiel“, sagt Singh. „Ist dieser Junge
wirklich gebildet? Verdient er wirklich das hohe Gehalt? Oder treibt er oder
sie sich herum?“
Ein zukünftiger Bräutigam kann wie ein netter junger Mann
wirken und so, als ob er aus guter Familie kommt. Doch nach fast zwei Jahrzehnten
als Betreiber seiner Agentur „Hatfield Detectives“ weiß Singh, wie wenig das
bedeuten kann: „Du hast keine Ahnung, was der Junge wirklich mit seiner Zeit
anfängt.“
Die Detektive jedoch sind bereit, genau dies heraus zu
finden. Aus einem Service für Wohlhabende ist inzwischen ein genereller Trend
geworden. „Früher waren wir ein Luxus für jemanden mit Unmengen an Geld. Heute
will jede Familie so viel wie möglich wissen“, sagt Baldev Puri.
Der 45-Jährige ist Gründer von AMX, eines großen Detektiv-Büros
mit Sitz in Neu-Delhi. Ein Drittel seiner Einkünfte erzielt die Agentur mit
Ermittlungen zu Leben künftiger Ehepartner. Den Verlobten der Tochter
überwachen lassen? Sein Gehalt erfahren?
Wissen, ob er trinkt und sich in Bars herumtreibt?
Vielleicht auch seine Blutgruppe? Alles kein Problem. Eine Basis-Ermittlung
kostet umgerechnet rund 225 Euro.
Das ist nicht wenig bei einem Pro-Kopf-Einkommen von knapp
670 Euro im gesamten Jahr. Dennoch stellen Detektiv-Büros immer öfter
Rechnungen aus, die in die Tausende gehen.
Liebesheiraten bringen Unsicherheit
Lange Zeit war die arrangierte Ehe eiserne Norm in Indien:
Zwei Elternpaare wählten unterstützt von älteren Verwandten und einem
Vermittler die Ehepartner für ihre Kinder aus.
Enge Freunde wurden zurate gezogen, um mögliche Anzeichen
für Schwierigkeiten zu erkennen. Lediglich das potenzielle Paar wurde bei den
Diskussionen außen vor gelassen. Mit der veränderten Sichtweise von Beziehungen
und einer wachsenden Mittelschicht, die die Ehen ihrer Kinder nicht im Desaster
enden sehen will, ist inzwischen im ganzen Land eine beachtliche Anzahl
Detektiv-Agenturen aus dem Boden geschossen.
„Heutzutage hat sich einfach alles in Indien verändert“,
sagt Puri. Liebesheiraten sind immer häufiger die Regel, besonders in größeren
Städten. Selbst konservativere Familien gehen immer öfter zu einer
„arrangierten Liebeshochzeit“ über, bei der die Eltern mehrere potenzielle
Partner aussuchen und die endgültige Entscheidung dem Paar selbst überlassen.
Auch vorehelicher Geschlechtsverkehr und veränderte
Geschlechterrollen finden in der indischen Gesellschaft zunehmend Akzeptanz. An
der umfassenden Bedeutung der Ehe ändert dies allerdings nichts: Ein
unverheiratetes Kind gilt in den meisten Familien nach wie vor als Unglück.
Die Inanspruchnahme eines Hochzeitsdetektivs wird nur selten
offen diskutiert. Wer will schon zugeben, dass er seinen zukünftigen
Schwiegersohn oder seine potenzielle Schwiegertochter überwachen lässt?
Rechtsanwälten, Hochzeitsplanern und Ermittlern zufolge boomt das Geschäft
aber.
Und sollte einmal ein Paar über die Überwachung erzürnt
sein, wird würde es das niemals laut sagen - die Ermittlungen werden als
normaler Teil des „Verheiratungsspiels“ akzeptiert. Zwtl: Verwanzte Telefone
und Briefkastenfirmen Da mag es kaum überraschen, dass die Detektive ziemlich
abgebrühte Kollegen sind. Viele geben unter der Hand zu, alles zu tun um an
Informationen zu gelangen: vom Verwanzen von Telefonen bis hin zur Errichtung
von Briefkastenfirmen.
Eine von ihnen Anoushka aus Neu-Delhi. Ihren Nachnamen will
sie als professionelle Ermittlerin nicht sagen. Wie oft sie beauftragt wurde,
kann die 24-Jährige schon nicht mehr zählen. Wenn sich eines der Objekte ihrer
Beobachtung als Schürzenjäger entpuppt, scheint sie das nicht zu kümmern.
„So etwas finden wir tagtäglich heraus. Wenn du das 20 Mal
gesehen hast, was macht es dann schon, wenn du es zum 21sten Mal siehst?“, sagt
sie schulterzuckend.
Viele Detektive sehen sich aber auch als eine Mischung aus
hilfreichem Onkel und Talkmaster. Gern sprechen sie von den Beziehungen, die
sie gerade gerückt habe auch wenn dies bedeutet, Hochzeiten abzusagen. (apn)