Hedgefonds und Wall-Street-Firmen scheuen kaum Mittel, um
sich Vorteile zu verschaffen - inzwischen nutzen sie offenbar auch
Geheimdienstmethoden. Ein US-Autor enthüllt, dass sich ehemalige und aktive
US-Agenten als Finanzanalysten verdingen: Sie verraten Tricks des
Spionagegewerbes.
Die CIA leidet an chronischer Personalnot. So ausgebrannt
ist der US-Geheimdienst, dass er seit einiger Zeit sogar mit Comic-Broschüren
nach neuen Agenten fischt ("CIA-Angestellte sind normale Menschen").
Im vergangenen Jahr schaltete der Geheimdienst Radiospots für frustrierte
Wall-Street-Banker: "Wenn dir die Jagd nach Profit nicht länger genügt,
bietet die CIA eine unvergleichliche Mission. Bewirke etwas, für deine Karriere
und deine Nation!"
Karrierechancen gibt es wohl aber auch andersrum - von der
CIA zur Wall Street.
Der Washington-Insider Eamon Javers enthüllt in einem Buch,
dass Finanzkonzerne und Hedgefonds seit längerem auf Hilfe von Geheimdienstlern
zurückgreifen, um Geschäftspartnern und Rivalen auf die Schliche zu kommen.
"Broker, Trader, Lawyer, Spy - The Secret World of Corporate
Espionage" heißt das Werk, auf Deutsch: "Broker, Händler, Anwalt,
Spion - die geheime Welt der Unternehmensspionage". Es erscheint in der
kommenden Woche in den USA und beschreibt im Detail, wie sich CIA-Agenten ein
Zubrot verdienen, indem sie Wall-Street-Akteure beraten und ihnen Tricks des
Spionagegewerbes verraten. Unter anderem, wie man am Verhalten eines
Gesprächspartners erkennt, ob er die Wahrheit sagt, und sich so profitable
Vorteile sichert.
"Mitten in zwei Kriegen und dem Kampf gegen al-Qaida
bietet die CIA ihren Mitarbeitern die Gelegenheit, mit ihrer Fachkenntnis
nebenher bei Privatunternehmen hausieren zu gehen", schreibt Javers. Die
"nie zuvor enthüllten Methoden" böten "Finanzfirmen und
Hedgefonds Zugang zum Top-Geheimdiensttalent der Nation".
CIA genehmigt Tätigkeiten "von Fall zu Fall"
Javers hat jahrelang für diverse US-Medien in Washington
gearbeitet, unter anderem für "Business Week" und den
Wirtschaftssender CNBC. Derzeit schreibt er für das Online-Magazin
"Politico", das jetzt auch Auszüge aus dem Buch vorab veröffentlicht
hat.
CIA-Sprecher George Little hat private
"Nebentätigkeiten" von CIA-Mitarbeitern prinzipiell bestätigt - ohne
sich dabei aber konkret auf die Wall Street zu beziehen. "Die Tatsache,
dass die Leute die Energie und Kreativität haben, außerhalb ihrer Arbeitszeiten
noch Geschäfte zu führen, sollte man ihnen nicht anlasten", sagte er.
"Schließlich ist dies Amerika." Die CIA genehmige solche Jobs
"von Fall zu Fall", stelle aber "rigoros" sicher, dass
alles den "Maßstäben der Legalität, der Korrektheit und natürlich der
Sicherheit" entspreche.
Wieso die Nebenjobs toleriert werden? Javers zitiert
CIA-Insider damit, die Praxis sei ein "lebenswichtiges Hilfsmittel, um die
Abwanderung von Talenten zu verhindern". Tatsächlich klagt die CIA seit
langem, dass ihre besten Leute in die Wirtschaft wechseln - weil sie dort viel
mehr verdienen können. So beträgt das Anfangsgehalt eines CIA-Analysten 49.861
Dollar. Die Deals mit der Wall Street bieten den CIA-Leuten die Chance, ihr
Gehalt aufzustocken, ohne ihren Arbeitgeber verlassen zu müssen.
Zwar lässt der Vorabdruck noch manches offen, unter anderem
wie viele CIA-Mitarbeiter von der Möglichkeit einer Wall-Street-Karriere
Gebrauch gemacht haben und seit wann es die Praxis gibt. Für den Geheimdienst
kommt die Enthüllung trotzdem zur Unzeit - nach dem missglückten
Flugzeuganschlag am ersten Weihnachtstag, der die Sicherheitsbehörden wegen
vieler übersehener Hinweise auf den Attentäter in die Kritik gebracht hat. Und
auch die Wall Street kann über das Buch nicht glücklich sein, ist sie doch seit
der Finanzkrise das Objekt des Volkszorns.
"Entdecke, was andere übersehen"
Als ein Beispiel für die konspirative Kooperation von
Geheimdiensten und Wall Street führt Javers die Bostoner Finanzberatungsfirma
Business Intelligence Advisors (BIA) an. "Der Name selbst wurde gewählt,
um auf CIA anzuspielen", schreibt er. So viele Ex-Agenten stünden auf den
BIA-Lohnlisten, dass die Firma Kunden gegenüber extra klarstelle, keine
CIA-Tochter zu sein. Bei diesem Unternehmen gebe es seit langem "enge
Kontakte zwischen aktiven und pensionierten CIA-Offizieren": "Die
Verbindungen zwischen BIA und der Geheimdienstwelt reichen tief."
In der Tat rühmt sich BIA (Firmenslogan: "Entdecke, was
andere übersehen") im Internet seiner "Mischung aus stark versierten
Profis aus der nationalen Geheimdienst- und Wirtschaftsszene". Zu den
Klienten der Firma zählen Goldman Sachs und SAC
Capital, der Hedgefonds der Wall-Street-Legende Steven Cohen, der rund 16
Milliarden Dollar verwaltet. BIA-Sprecher Montieth Illingworth sagte zu den
Vorwürfen allerdings, man beschäftige "seit einiger Zeit" keine
CIA-Mitarbeiter mehr. "Es gibt kein aktives CIA-Personal bei BIA, das
Klienten Dienste leistet." Alles in allem sei Javers' Darstellung des
Unternehmens "unrichtig und irreführend", und man habe mit ihm
"in keinster Weise" zusammengearbeitet.
"Das Subjekt hat keine Ahnung, dass es durchleuchtet
wird"
Tatsächlich wird aber auch von BIA selbst eine beliebte
Taktik beschrieben, die man sich offenbar bei der CIA abgeguckt hat und den
Kunden angeboten wird: das sogenannte Tactical Behavior Assessment (TBA). Es
handelt sich um eine Methode der "verbalen und nichtverbalen"
Verhaltensanalyse, sprich: Gesprächspartner werden überprüft. Und zwar mit dem
Ziel, sich "gegen Verzerrungen zu schützen, versteckte Risiken zu
identifizieren, Zuversicht zu bilden und Investmenteinblicke zu gewinnen",
teilt BIA mit.
Javers ergänzt: "Das Subjekt hat keine Ahnung, dass es
durchleuchtet wird."
Solche "narrensichere Techniken" aus dem
CIA-Arsenal habe BIA schon 2006 bei einer Präsentation für seinen Klienten SAC
Capital detailliert erklärt, schreibt Javers. Zwei BIA-Vertreter seien
"Frauen mit Geheimdiensterfahrung" gewesen. Eine habe 20 Jahre bei
der CIA gearbeitet, wo sie sich auf Verhöre und Lügendetektoren spezialisiert
habe.
Ein Beispiel, wie die Analysen ablaufen können, beschreibt
Javers anhand des Internet- und Telekommunikationskonzerns UTStarcom. Als
dieser in einer Konferenzschaltung mit Wall-Street-Bankern die Quartalszahlen
bekanntgegeben habe, hätten BIA-Experten mitgehört, schreibt er. Sie hätten
"jeden Tonfall analysiert", quasi als "menschliche
Lügendetektoren", um "die volle Wahrheit über UTStarcoms Finanzen
herauszufinden" und das an einen "riesigen Hedgefonds
weiterzugeben". In einem vertraulichen Bericht habe BIA anschließend vor
"Problemen bei der Umsatzerkennung" gewarnt - das habe man aus
Stimmlage und dem Verhalten der Gesprächsteilnehmer herausgelesen. Die Warnung
habe sich dann in der nächsten Quartalsbilanz bewahrheitet. Ein Fonds, der das
vorab geahnt hätte, hätte mit dem Wissen "substantielle Gewinne"
scheffeln können, schreibt Javers.
"Ich bin beunruhigt"
Die "New York Times" spottete angesichts solcher
Enthüllungen: "Konzernmanager sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie
bei der nächsten Konferenzschaltung mit Analysten etwas sagen."
Auch US-Politiker haben sich eingeschaltet und sehen die
Sache kritisch. "Ich bin beunruhigt", sagte die Demokratin Dianne Feinstein,
Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat. Sie beabsichtige, die
Vorwürfe "zu hinterfragen". Auch der Schwesterausschuss im
Abgeordnetenhaus will sich der Sache annehmen. Pete Hoekstra, Top-Republikaner
in dem Gremium, sagte dem Magazin "National Review", er halte eine
Untersuchung für "absolut angemessen". Er will Interessenkonflikte
prüfen, zum Beispiel wenn ein CIA-Agent zugleich nebenher für den
Rüstungskonzern Raytheon arbeite.
Fest steht, dass es auch Mitarbeitern anderer US-Geheimdienste
nicht untersagt ist, sich parallel in der Privatwirtschaft zu engagieren. Die
NSA und die DIA, die zwei Spionageämter des Verteidigungsministeriums, erlauben
Nebentätigkeiten ebenso wie die Behörde des obersten US-Geheimdienstchefs
Dennis Blair - solange es weder "sicherheitsrelevante oder juristische
Probleme" noch Interessenkonflikte gibt.
Blair legte am Dienstag dem Senat seinen jährlichen
Lagebericht vor. Flankiert von CIA-Chef Leon Panetta und FBI-Direktor Robert
Mueller warnte er davor, dass für al-Qaida ein Anschlag auf die USA in den
nächsten sechs Monaten eine "Top-Priorität" sei. Auch sei die
US-Cybersicherheit "ernsthaft in Gefahr".
Für die Geheimdienstler eigentlich Grund genug, ihre Talente
nicht an die Wall Street auszuleihen - sondern sich auf ihren Job zu
konzentrieren.
Quelle: Spiegel online, 4.2.2010, von Marc Pitzke, New York