Verfassungsschützer schätzen, dass 30.000 Chinesen als
"Schläfer-Spione" in deutschen Unternehmen arbeiten. Gefährdet sind
vor allem jene Bereiche, wo Deutsche Weltmarktführer sind - auch Teile der
Rüstungsindustrie.
Deutsche Unternehmer sollen sich nach Ansicht des deutschen
Bundesamts für Verfassungsschutz stärker vor Attacken ausländischer
Nachrichtendienste schützen. "Es besteht weiterhin ein hohes Risiko für
deutsche Unternehmen, Opfer eines Spionageangriffs zu werden", sagte der
Abteilungsleiter für Spionageabwehr und Geheimschutz, Burkard Even, der
Nachrichtenagentur DAPD. Bereits 2009 waren seiner Aussage nach Ausspähattacken
von chinesischer und russischer Seite "eine echte und konkrete
Bedrohung".
Spezialisierter Mittelstand im Visier
erade in Zeiten der Wirtschaftskrise könne ein
Spionageangriff gravierende Auswirkungen auf die Lage eines Unternehmens haben.
Der Verfassungsschutz habe zwar keine neuen Methoden oder besonderen Techniken
im auslaufenden Jahr ausmachen können, dennoch gehe man davon aus, dass auch
2010 besonders mittelständische Betriebe mit innovativen Produkten in das
Visier der ausländischen Dienste gerieten.
"Gefährdet sind vor allem solche Branchen, in denen deutsche Unternehmen
Weltmarktführer sind", heißt es zudem aus Kreisen des Verfassungsschutzes.
Darunter können beispielsweise Betriebe aus der Autozulieferindustrie,
Telekommunikation, aber gerade auch Rüstungsbetriebe sein. Um an sensibles
Material, Baupläne und Geschäftsstrategien solcher Unternehmen zu gelangen,
setzten ausländische Dienste auf Spione und auf elektronische Angriffe etwa per
E-Mail.
Technischer Vorsprung bis 2020 dahin
Nach Auffassung des Verfassungsschutzes handeln vor allem
die chinesischen Geheimdienste systematisch und mit einem festen Ziel: Bis zum
Jahr 2020 soll der technische Vorsprung des Westens aufgeholt werden. Dazu
bevorzugen die Chinesen besonders Fachleute, Wissenschafter, Werkstudenten oder
Facharbeiter, die sich in Deutschland aufhalten und möglicherweise bereits in
einem interessanten Betrieb oder Forschungsprojekt arbeiten. Auf 30.000
schätzen die Verfassungsschützer die Zahl dieser Experten, die in Deutschland
für die Beschaffung von Informationen angeheuert werden können.
20 Milliarden Euro Schaden pro Jahr
Die erhöhte Gefahr ergibt sich in der Wirtschaftskrise
dadurch, dass der Wettbewerb härter geworden ist und die Konkurrenz besonders
am deutschen Know-how der mittelständischen Unternehmen interessiert ist",
sagt der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft,
Berthold Stoppelkamp Ende September. Der Schaden durch die Wirtschaftsspionage
liege nach wissenschaftlichen Erkenntnissen derzeit jährlich bei etwa 20
Milliarden Euro.
Der Praktikant vom Nebentisch
Arbeiten solche nicht-professionellen Spione in einem
deutschen Betrieb, können sie über einen USB-Stick oder eine E-Mail sehr leicht
sensibles Material abschöpfen. "Eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutz
vor einem Spionageangriff ist daher, schützenswertes Know-how eines
Unternehmens zu definieren und nur einem festgelegten Personenkreis innerhalb
dieses Unternehmens zugänglich zu machen", sagte ein Verfassungsschützer.
Doch gerade mittelständische Betriebe sparten häufig an einer sicheren Informationstechnik
und gäben allen Mitarbeitern Zugriffsrechte auf alle Bereiche im Datensystem.
Imageschaden durch Behörden
"Wir wünschen uns eine weitere Vertiefung des Dialogs
mit den deutschen Unternehmen, besonders mit solchen, die einen möglichen
Angriff auf ihren Betrieb festgestellt haben", heißt es aus Kreisen des
Verfassungsschutzes. Viele Firmen fürchteten einen Imageschaden, wenn sie an
die Polizei oder den Geheimdienst heranträten. Deshalb sei es sehr schwierig,
eine Größenordnung der in Deutschland bereits verübten Spionageangriffe zu
nennen, sagen die Ermittler. (AP Zacharias Zacharakis)