Adamovich will in Prozess am 24. Dezember gegen Brigitte
Sirny schlechtes Mutter-Tochter-Verhältnis beweisen
Die Ermittlungen im Entführungsfall Natascha Kampusch stehen
offenbar kurz vor dem Abschluss: Der zuständige Grazer Staatsanwalt Thomas
Mühlbacher sollte im Laufe des Freitags den Abschlussbericht der Ermittler
erhalten. "Ich werde ihn über das Wochenende studieren", sagte
Mühlbacher. Eine Entscheidung darüber, ob die "Akte Kampusch"
geschlossen wird, könnte also bereits kommende Woche fallen.
Mühlbacher will seinen Bericht Anfang der Woche zur
Oberstaatsanwaltschaft nach Wien schicken, die dann über das weitere Vorgehen
entscheiden muss. "Wenn es eine Entscheidung gibt, werden wir ausführlich
öffentlich dazu Stellung nehmen", sagte der Staatsanwalt. Bis dahin will
er aber keine inhaltlichen Angaben zu den Ermittlungsergebnissen machen.
Ernst H. als zentrale Figur
Fest steht aber, dass die zentrale Figur der bisherigen
Ermittlungen Ernst H. war. Der ehemals enge Freund von Kampusch-Entführer
Wolfgang Priklopil wird in der Causa als Mitbeschuldigter geführt. Die
Oberstaatsanwaltschaft muss nun entscheiden, ob das Verfahren gegen ihn
eingestellt wird oder nicht bzw. ob H. wegen Mitwisserschaft oder Begünstigung
zum Selbstmord belangt wird.
In dem Bericht will Mühlbacher auch zu alternativen Theorien
Stellung nehmen, "sofern es auch tatsächliche Hinweise gab. Behauptungen,
dass Frau Kampusch eine Nachfahrin von Jesus Christus sei, sind wir nicht
nachgegangen", so der Staatsanwalt. Sehr wohl einschätzen will er aber die
seit Jahren im Raum stehende Hypothese, dass hinter der Entführung ein
"Täter-Ring" stehen könnte.
Prozess Adamovich-Sirny am 24. Dezember
Am 24. Dezember muss sich der ehemalige Präsident des
Verfassungsgerichtshofs (VfgGH), Ludwig Adamovich, vor Gericht wegen übler
Nachrede im Wiener Straflandesgericht verantworten, nachdem ihn die Mutter von
Natascha Kampusch, Brigitte Sirny, geklagt hatte. Adamovich will nun beweisen,
dass Sirny mit ihrer Tochter "nicht liebevoll und zärtlich umgegangen
ist". So steht es in einem Beweisantrag, den Adamovichs Anwalt Christoph
Herbst bei Gericht eingebracht hat.
Ausgangspunkt ist ein Interview, in dem der 77-jährige
Spitzenjurist in seiner Funktion als Leiter der Evaluierungskommission in der
Causa Kampusch behauptet hatte, für Natascha Kampusch wäre die Zeit ihrer
Gefangenschaft womöglich "allemal besser" gewesen "als das, was
sie davor erlebt hat". Kampuschs Mutter fühlte sich davon persönlich angegriffen.
Sie will Adamovich bestraft sehen.
Dieser hat den Wahrheitsbeweis für die getätigte Aussage
angeboten und bereits etliche Beweisanträge vorgelegt, die darauf abzielen,
seine Behauptung zu untermauern. So sollen sechs Zeugen aus dem Bekanntenkreis
der Familie Kampusch aufmarschieren, die laut Adamovich belegen können, dass
das Mutter-Tochter-Verhältnis nicht das beste war. Auch andere Mitglieder aus
der Evaluierungskommission hat deren Leiter als Zeugen nominiert.
Vertagung möglich
Richterin Birgit Schneider hat für den Verhandlungstag am
Heiligen Abend nur die Einvernahme Adamovichs geplant. Möglicherweise wird sie
anschließend noch Sirny zeugenschaftlich vernehmen. Ob die auf zwei Stunden
anberaumte Verhandlung danach geschlossen oder zur Ladung weiterer Zeugen
vertagt wird, war vorerst nicht absehbar.
Schneider verteidigte den ungewöhnlichen Verhandlungstermin,
den einige Medienvertreter zunächst für einen Scherz gehalten hatten:
"Grundsätzlich sind meine Verhandlungstage Dienstag und Donnerstag. Wie
die Justiz im Allgemeinen, bin auch ich überlastet. So habe ich am 22. Dezember
bereits fünf Verhandlungen ausgeschrieben. Da war diese Sache nicht mehr
unterzubringen. Es war mir einfach nicht möglich, innerhalb eines vertretbaren
zeitlichen Rahmens einen anderen Termin als den 24. zu finden." (APA)