In der echten Kriminaltechnik schlägt organisches
Beweismaterial den Ermittlern auf den Magen. Ansonsten hat Andrea Raningers
Arbeit mit jener der Fernsehhelden aber mehr gemein, als ihr eigentlich lieb
ist.
An und in manchen Dingen steckt mehr, als man auf den ersten
Blick vermutet. Gerät eine harmlose Praline nämlich in fachkundige Hände, sind
bemerkenswerte Details zu erfahren. An der Verpackung jenes mit Strychnin
vergifteten „Mon Chéri“, mit dem ein Heurigenwirt aus der Wachau den Spitzer
Bürgermeister Hannes Hirtzberger ermorden wollte, stellten Kriminaltechniker
aus Österreich nicht nur die DNA des Täters fest, sondern isolierten in sechs
Monate langer Kleinarbeit zusätzlich 2500 Faserspuren. Unverrückbare Beweise,
die den 56-jährigen Helmut Osberger schließlich lebenslang hinter Gitter
brachten. Willkommen in der Welt der Kriminaltechnik, willkommen in der Welt
von Andrea Raninger.
Die 46-jährige Chemikern leitet die Abteilung Forensik und
Technik im Bundeskriminalamt. Raningers Mannschaft, im dritten Stock eines
Zweckbaus im neunten Wiener Gemeindebezirk stationiert, ist das, was man analog
zur populären TV-Reihe als „CSI“ Vienna bezeichnen könnte. Und obwohl es die
Seriendrehbücher in manchen Details nicht so genau mit der Wahrheit nehmen,
gleicht die Arbeit hier jener der Helden aus dem Fernsehen doch öfter, als man
glaubt. Die Analysemethoden auf der Mattscheibe ähneln jenen der „echten“
Wissenschaft durchaus, die Täter begehen vergleichbare Fehler, und selbst
mancher Mitarbeiter hier ist genauso fotogen wie die Stars aus Las Vegas, Miami
und New York. „Nur Tausendsassa sind wir keine“, sagt Raninger.
Bei Kampusch im Verlies. Was die Chefin damit meint, hat mit der Jobdescription
der echten Kriminaltechniker zu tun. Die sind nämlich nicht wie im Fernsehen
gleichzeitig als ermittelnde Kommissare, Profiler, Spurensicherer und
Wissenschaftler tätig. Die Kriminaltechniker aus Wien sind Fachkräfte, die sich
auf unterschiedlichste Gebiete spezialisiert haben. Zu Raningers Team gehören
Chemiker und Biologen, Physiker und Mediziner, Psychologen und IT-Experten. Die
einen untersuchten die handgeschriebenen Baupläne von Franz Fuchs' Briefbomben
auf Hinweise nach Komplizen, die anderen durchforsteten die Kellerverliese von
Natascha Kampusch und Elisabeth F. nach DNA-Resten von Mitwissern. Generalisten
sind hier fehl am Platz.
Andrea Raninger und ihr Team können bei ihrer Sisyphusarbeit
darauf vertrauen, dass jeder Mensch praktisch überall, wo er ist, und bei
allem, was er macht, Spuren hinterlässt.
Was für Einbrecher nach Albtraum klingt, versüßt
Kriminaltechnikern das Leben.
Einbrecher müssen sich längst nicht mehr am zerbrochenen
Fensterglas schneiden oder Fingerabdrücke an der Türklinke hinterlassen, um den
Kriminaltechnikern Hinweise zur Identitätsfeststellung zu hinterlassen.
Meistens reicht es aus, wenn der Eindringling mit dem Ärmel am Fensterrahmen
streift und so Faserspuren hinterlässt. Um mittels DNA-Profils nachzuweisen,
dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort
war, genügt es, wenn sie nur niest oder kräftig hustet. Was für Einbrecher wie
ein Albtraum klingen muss, macht Raninger das berufliche Leben erst so richtig
lebenswert. „Es ist praktisch unmöglich, an einem Tatort keine Spuren zu
hinterlassen“, sagt sie und lacht. Entscheidend sei nur zu wissen, wo man die
mit bloßem Auge unsichtbaren Beweise findet.
Bei Alkoholunfällen, bei denen fünf von fünf Insassen des
Unglücksfahrzeugs nicht hinter dem Steuer gesessen haben wollen, sind solche
Spuren meistens in den Bezügen der Sitze zu finden. Wo Raninger und ihre
Mitarbeiter an Tatorten wie aufgebrochenen Wohnungen nach Spuren suchen, sagt
sie aber nicht. Die Täter sollen schließlich nicht gewarnt werden.
Genau das ist es auch, was die echten Kriminaltechniker an
ihren Kollegen von „CSI“ (englische Abkürzung für Crime Scene Investigation)
kritisieren. Einerseits sind die Wissenschaftler in ihren weißen Mänteln den
TV-Helden nämlich dankbar, dass ihre sonst meist im Verborgenen stattfindende
Arbeit plötzlich in der Öffentlichkeit gewürdigt wird; andererseits befürchten
sie aber, dass die detaillierte Darstellung bestimmter Spurensicherungsmethoden
so manchem Kriminellen wertvolle Hinweise für die nächste Tat gibt.
TV riecht nicht. Zu kurz, sagt Raninger, kommt bei den feschen Männern und
Frauen im Fernsehen allerdings die menschliche Komponente. „Niemand kann
nachempfinden, was in einem vorgeht, wenn man die unheimliche Wohnung des
Briefbombers Franz Fuchs betritt.“ Und niemand könne anhand weichgezeichneter
TV-Bilder verstehen, was es bedeutet, wenn man an Tatorten mit abgerissenen
Gliedmaßen, grausam verstümmelten Körpern oder dem Geruch von verbranntem
Fleisch konfrontiert wird. Fernsehleichen riechen nicht.
Quelle: "Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2009, von
Andreas Wetz