Die – nun konkret gewordenen – Ermittlungen im
Jahrhundertfall "Natascha Kampusch" haben sich zu einem
(Justiz-)Krimi mit vier Hauptfiguren entwickelt.
WIEN. Der Verdacht, dass in den Entführungsfall Natascha
Kampusch mehrere Täter verwickelt waren, wird stärker. Die Anklagebehörde hat –
wie „Die Presse am Sonntag“ (siehe Faksimile) berichtete – nun gegen Ernst H.
(46), einen früheren Bekannten des Entführers Wolfgang Priklopil, ein
Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bisher war formal gegen „unbekannte Täter“
ermittelt worden. H. befindet sich, wie berichtet, seit Langem im Visier der
Polizei. Außerdem sollen zwei in Deutschland lebende Personen, die angeben,
über Beweismittel zu verfügen, einvernommen werden.
Diese Entwicklung begann mit der Beiziehung des Grazer
Anklägers Thomas Mühlbacher – hier ein Überblick über die nunmehrigen
Hauptrollen im Fall.
Natascha Kampusch – sie wurde am 2. März 1998 in
Wien-Donaustadt auf dem Weg in die Volksschule entführt und konnte am 23.
August 2006 fliehen – hat zuletzt in Sachen Mehrtäterthese angegeben: „Wenn es
stichhaltige Hinweise auf weitere Täter geben sollte, bin ich die Erste, die
sich hier Aufklärung wünscht.“ Und:„Mir selbst ist nie ein weiterer Täter begegnet.“
Indessen hat der verdächtige Ernst H. zugegeben, Kampusch damals im Haus von
Entführer Wolfgang Priklopil gesehen zu haben. Letzterer beging nach der Flucht
seines Opfers Selbstmord, traf sich davor aber noch mit Ernst H. Um Licht ins
Dunkel zu bringen, könnte Natascha Kampusch noch einmal einvernommen werden.
Ludwig Adamovich sorgt als hoch engagierter Leiter der
sechsköpfigen, vom Innenministerium eingesetzten Evaluierungskommission im Fall
Kampusch dafür, dass die Ermittlungen nicht wieder einschlafen. Er erklärte
mehrfach, dass es etliche Hinweise gebe, wonach Priklopil kein Einzeltäter
gewesen sei. Eigentlich war die Kommission wegen der eklatanten polizeilichen
Ermittlungspannen eingesetzt worden. So hatte etwa ein Hundeführer der Polizei
schon kurz nach der Entführung einen Hinweis auf Priklopil gegeben, dem wurde
aber nicht ausreichend nachgegangen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich
Ex-VfGH-Präsident Adamovich zum „Antreiber“ der Wiener Staatsanwälte.
Ernst H. ist seit längerer Zeit im Visier der Behörden.
Nachdem Kampusch entkommen war, trat der Priklopil-Freund die Flucht nach vorn
an – und hielt sogar eine improvisierte Pressekonferenz ab. Stets beteuerte er,
in den Kriminalfall nicht involviert zu sein. Zuletzt wurde H. von dem Wiener
Anwalt Ernst Schillhammer vertreten. Dieser erklärte, dass sein Mandant mit der
Polizei kooperieren wolle. Weil Schillhammer aber auch die Mutter von Natascha
Kampusch vertritt und diese als Zeugin in einem möglichen Verfahren gegen H.
gebraucht werden könnte, wanderte H. zu Anwalt Manfred Ainedter ab. Ainedter
zur „Presse“: „Ich muss mir erst den Akt genau anschauen.“
Thomas Mühlbacher, Erster Oberstaatsanwalt in Graz, wurde
der Staatsanwaltschaft Wien, die den Fall Kampusch ad acta legen wollte, zur
Seite gestellt. Daraufhin kam Dynamik in die Ermittlungen. Nun läuft ein
Verfahren wegen des Verdachts der Freiheitsentziehung gegen Ernst H. (46).
Dieser gilt als seinerzeitiger Vertrauter des Entführers Wolfgang Priklopil.
Mühlbacher ist stellvertretender Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Graz und
Vizepräsident der österreichischen Staatsanwältevereinigung. Er betonte im
Gespräch mit der „Presse am Sonntag“, dass „in alle Richtungen“ ermittelt
werde, wenn überhaupt, müsse es nicht beim Delikt Freiheitsentziehung bleiben.