Spionage: Geschworene müssen die Aktivitäten des
kasachischen Geheimdienstes beurteilen.
Kasachstan und seine in Österreich stationierten
Geheimdienstleute - darum dreht sich seit Montag ein Strafprozess im Wiener
Landesgericht. Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter hat sich viel Mühe gemacht
und versucht, die Umtriebigkeit kasachischer Spione mit Powerpoint-Folien zu
veranschaulichen.
"Schilder und Plakate brauchen wird nicht", spöttelt Verteidiger
Anton Draskovits: Die Anklage basiere auf "Leerformeln" und
"Schlussfolgerungen": "Beweise dass der Angeklagte ein Agent
ist, gibt es aber nicht."
Der Angeklagte: Ildar A., ein 1948 in Russland geborener Kaufmann, längst österreichischer
Staatsbürger. Laut Staatsanwalt soll er als Agent des kasachischen
Geheimdienstes in die geplante Entführung des einstigen kasachischen
Geheimdienstchefs Alnur Mussajew verwickelt gewesen sein. Dieser Spionage-Chef
galt als enger Mitarbeiter des kasachischen Ex-Botschafters Rakhat Alijew.
Rakhat Alijew: Ex-Botschafter und OECD-Repräsentant seiner Heimat in Wien.
Einst auch Ehemann der Tochter des kasachischen Staatspräsidenten, bis er -
weil er noch mehr Macht wollte - durch den Schwiegervater zwangsgeschieden und
quasi mit öffentlichem Bann belegt wurde. Wird in seiner Heimat wegen
Entführung von zwei Bankmanagern und Gründung einer Mafia-Organisation in
Abwesenheit zu 40 Jahren Haft verurteilt, soll in ein kasachisches Gefängnis,
bleibt aber in Wien.
"Nicht schuldig"
Der 61-Jährige Ildar A. soll einer von mehreren Agenten
gewesen sein, die "Alijew und seine Getreuen" (Staatsanwalt)
ausfindig machen und in die Heimat zurückbefördern sollten. Konkret soll A. bei
der geplanten Entführung von Geheimdienst-Chef Mussajew mitgewirkt haben: Indem
er den auserkorenen Entführern (die sich unerkannt in die Heimat abgesetzt
haben) Unterschlupf in seinem Haus gewährt, sie mit einem Handy ausgestattet
und mit ihnen gezählte 583 Mal telefoniert habe, wie der Staatsanwalt weiß.
Dass aus der Auslieferung des Geheimdienstlers an Kasachstan nichts wurde, ist
eine andere Sache. Mithilfe einer Rufdatenrückerfassung von Telefonaten glaubt
die Staatsanwaltschaft, die Verwicklung Ildar A.s in die Tat nachweisen zu können.
Dass der noch immer in Wien weilende Ex-Geheimdienst-Chef erst sechs Tage nach
seiner schiefgelaufenen Entführung Anzeige erstattete, ist merkwürdig.
Ildar A. soll für seine Zwecke auch den früheren SPÖ-Wehrsprecher Anton Gaal
benutzt haben. 95 Telefongespräche haben Gaal und Ildar A. miteinander geführt.
Und ein Polizist soll für Ildar A. illegal im Polizeicomputer Daten über die
von Kasachstan gesuchten Personen abgefragt haben. Als Motiv unterstellt die
Anklage dem 61-Jährigen Geldgier. Bei positiver Erledigung des Auftrags habe
Ildar A. die Beteiligung an einem Zwei-Milliarden-Euro-Ölgeschäft gewunken.
Ildar A. bekannte sich "nicht schuldig" und fühlt sich als Opfer
einer Verschwörung: "Das ist eine Inszenierung. Das haben Alijew und seine
Leute organisiert."
Der Prozess geht am 7. Oktober weiter.
Chronologie: Polit-Affäre beschäftigt das Parlament
Die Polit-Affäre um den früheren kasachischen Botschafter in
Österreich und Vize-Außenminister, Rakhat Alijew, wird von einem
Untersuchungsausschuss durchleuchtet.
2002 Der Schwiegersohn des Staatschefs Nursultan Nasarbajew, Rakhat Alijew,
wird als kasachischer Botschafter nach Österreich geschickt.
31. Jänner 2007 Zwei Manager der kasachischen Nurbank - Haupteigentümer: Alijew
- verschwinden.
Mai 2007 Gegen Alijew wird wegen Entführung ermittelt, er wird als Botschafter
abgesetzt, Kasachstan erlässt Haftbefehl und Auslieferungsantrag, der
kasachische Premier Massimov interveniert bei Kanzler Gusenbauer.
1. Juni 2007 Alijew wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien vorübergehend
in U-Haft genommen.
8. August 2007 Österreich lehnt Auslieferungsantrag ab.
17. Jänner 2008 Alijew wird von einem kasachischen Gericht wegen Gründung einer
mafiösen Vereinigung in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt.
26. März 2008 Alijew und der ehemalige kasachische Geheimdienstchef Mussajew
werden wegen Planung eines Staatsstreichs in Abwesenheit zu 20 Jahren
Straflager verurteilt.
Frühjahr 2008 Der mutmaßliche Agent Ildar A. versucht, über einen Polizisten
und einen Detektiv an die Adressen von Alijew und Mussajew heranzukommen. Ein
Nachbar von Ildar A., der Ex-SP-Abgeordnete Anton Gaal, stellt den Kontakt zu
einem Privatdetektiv her.
Sommer 2008 Gescheiterte Entführungsversuche an Alijew und Mussajew.
Jänner 2009 Ein Polizist wird verurteilt, weil er an Ildar A. Daten verraten
hat.