In Meiningen wird seit gestern die Entführung eines Mädchens
aus Sonneberg juristisch aufgearbeitet. Vor dem Landgericht sind zwei Detektive
und eine Belgierin angeklagt.
Meiningen - Als am 26.
Juni 2007 gegen Mittag die viereinhalbjährige Maria- Margarete Gillado aus der
Querstraße verschwindet, steht ganz Sonneberg Kopf. Hubschrauber kreisen über
der Stadt, Polizisten suchen nach dem Mädchen. Rasch installiert die Kripo eine
Sonderkommission, Dutzende Polizisten ermitteln. Entführt wurde Maria, heißt es
bald. Ein Mann habe das Kind gewaltsam in ein Auto gezerrt, ein anderer am
Steuer gesessen. Schon bald wird nach ihnen auch per Radio gesucht. Ein Streit
um das Sorgerecht soll vorausgegangen sein.
Virginia Gillado, die Mutter des Mädchens, stammt von den
Philippinen und war erst kurz zuvor von Frankie Jan Arens geschieden worden,
einem Belgier. Zwei Privatdetektive, Michael N. aus Kronach und Thomas K. aus
Coburg, sollen ihm geholfen haben, seine Tochter nach Belgien zu holen. Sie
sind nun wegen Kindesentziehung und Freiheitsberaubung angeklagt.
Seit gestern verhandelt das Meininger Landgericht gegen die
beiden. In der Anklage heißt es, die beiden Männer hätten im elsässischen
Hagenau ein Mietauto geholt und nach Sonneberg gebracht. Mit Maria an Bord
seien sie dann nach Belgien gefahren. Gemietet und bezahlt habe das Auto Karin
Maria C., Belgierin wie Arens und langjährige Freundin von ihm. 10 400 Euro
sollen die beiden Detektive mindestens für ihre Dienste kassiert haben.
Bedenken vor dem Auftrag
Michael N., 33, gelernter Bäcker und Industriekaufmann,
betreibt seit 2006 ein Detektivbüro. Zwischen 1200 und 1500 Euro verdient er
monatlich mit seinen Jobs als Türsteher, Beschatter und Kaufhausdetektiv.
Langfristige Aufträge habe er nicht, sagt er. Detektiv wurde er, weil ihm die
Arbeit als Kaufmann "zu trocken" gewesen war. Mit Thomas K. arbeitet
er seit 2007 zusammen. Der gelernte Polsterer hat sich schon 2004 als Detektiv
selbstständig gemacht. 1600 bis 1700 Euro verdient er, mit allem, was er an
Aufträgen bekommen kann.
Zur Anklage wollen beide nichts sagen. Sie lassen ihre
Verteidiger sprechen. Die Vorwürfe seien "in dieser Form" nicht
richtig, lässt Michael N. ausrichten. Sein Kollege habe den Kontakt zu Arens
vermittelt, der sein Sorgerecht für die Tochter durchsetzen und sie zunächst
observieren lassen wollte. "Ich hatte Bedenken, den Auftrag
anzunehmen", lässt N. seinen Verteidiger erklären. Seine Meinung habe er
geändert, als er erfuhr, dass Arens von einem belgischen Gericht das alleinige
Sorgerecht für das in Thüringen lebende Kind zugesprochen bekommen hatte. Später
stellte ein Thüringer Gericht fest, dass dieses Urteil auch in Deutschland
vollstreckt werden kann.
Keine Hilfe von Behörden
Gemeinsam mit Thomas K. hat Michael N. daraufhin das Haus in
der Sonneberger Querstraße beobachtet, in dem Maria mit ihrer Mutter und dem
neuen Lebensgefährten wohnte, dem Taxifahrer Silvio Bauer. Keine verdeckte
Observation sei das gewesen, man habe sogar die Sonneberger Polizei darüber
informiert. Maria zu entführen, wie Arens es von ihnen verlangte, das hätte
sein Mandant abgelehnt, erklärt N.´s Verteidiger.
Auch K. bestreitet über seinen Anwalt, an einer Entführung
beteiligt gewesen zu sein. Anfang 2007 habe ein "besorgter, fast
verzweifelter" Arens mit ihm Kontakt aufgenommen. Die deutschen Behörden
würden ihm nicht helfen, sein Recht durchzusetzen; ein Sonneberger
Gerichtsvollzieher hat ihn tatsächlich einmal wieder weggeschickt: Die deutsche
Justiz schreibt neben dem Sorgerechtstitel zusätzlich eine Wegnahmeanordnung
vor, um das Kind zu bekommen.
K. gibt über seinen Anwalt zu, dass er im Auftrag von Arens
ein Auto aus Frankreich geholt und ihm kurz vor der Entführung auf einem
Parkplatz bei Coburg übergeben hat. Bei diesem Treffen in Niederfüllbach hätten
er und sein Kollege dem Belgier eine Entführung ausgeredet. Danach sahen sie
ihn angeblich erst im belgischen Gent wieder, wo sie das Mietauto wieder in
Empfang genommen haben wollen. Sie sahen Arens - und bei ihm das Mädchen Maria.
Die Mitangeklagte Karin Maria C. verfolgt mit zusammen
gepressten Lippen den Prozess. Streng wirkt sie mit dem straff gebundenen
Pferdeschwanz, der rosa Bluse und dem schwarzen Blazer. Auch sie lässt ihren
Anwalt sprechen, römisch erstens, zweitens, drittens. Über das geschwisterliche
Verhältnis, das sie seit 20 Jahren mit Arens verbinde, über gemeinsame Urlaube.
"Ich war nicht die Lebensgefährtin von Arens", liest der Anwalt vor.
Eigene Kinder habe sie nie gewollt, zugunsten einer wissenschaftlichen Karriere
- sie ist Doktorin der Radiologie - habe sie sich gegen eine Familie
entschieden.
Auch wenn Karin Maria C. und Arens ein Paar gewesen wären,
sie hätten wohl niemals Kinder bekommen können. "Er war eine Frau",
sagt Virginia Gillado, die Mutter des entführten Mädchens im Zeugenstand
aufgebracht. Eine Geschlechtsumwandlung soll ihn zum Mann gemacht haben. Kennen
gelernt habe sie Arens auf den Philippinen, Anfang 30 war sie damals und
schwanger. Wenig später heiratete sie den Belgier und reiste mit ihm nach
Europa. Hier kam Maria auf die Welt - mit Arens als offiziellem Vater.
"Sie haben mich nur benutzt, um mein Kind zu bekommen", sagt die
Philippina. "Sie haben mich geschlagen, so dass ich schließlich in ein
Frauenhaus in Karlsruhe flüchtete." Sie, damit meint die braunhäutige Frau
mit den kaffeeschwarzen Haaren Frankie Jan Arens und Karin Maria C.
Wie und wo Virginia Gellado nach einem Jahr im Frauenhaus
schließlich den Sonneberger Silvio Bauer traf, konnte gestern wegen
Übersetzungsproblemen nicht geklärt werden. Die heute 38-Jährige spricht nur
gebrochen Deutsch und holprig Englisch; der Dolmetscher arbeitete zu ungenau.
Wenn die Verhandlung morgen fortgesetzt wird, soll mit einem neuen Übersetzer
ein neuer Anlauf gemacht werden.
Es ist einfach, unterzutauchen
Silvio Bauer, ein klein gewachsener Mann mit randloser
Brille, kann sich noch gut an die Entführung erinnern. An einen Mann im
Jogginganzug, der ihn ins Auto drückte, mit dem er Maria gerade vom
Kindergarten geholt hatte. An ein silbergraues Auto, mit dem der Entführer
davonbrauste. An die Mütze, die der schlanke Mann verlor. Ob das Auto der
Entführer allerdings ein Mercedes und ob der Entführer mit einem der Detektive
identisch war - das weiß der Taxifahrer Silvio Bauer nicht mehr so genau.
Die Mütze allerdings hatte er damals in eine Tüte gesteckt
und der Polizei übergeben. Laut Gutachten fanden sich DNA-Spuren des Detektivs
Michael N. darin. Und am Lenkrad des Mercedes fanden sich Spuren seines
Kollegen. Gefunden wurde der Wagen Tage später in Sonnefeld. Ob er
zwischenzeitlich nach Gent und wieder zurück bewegt worden ist, konnte gestern
nicht geklärt werden - in den Akten fand sich kein Vermerk über den
Kilometerstand. Weitere Polizisten sollen als Zeugen Klarheit bringen, nachdem
gestern bereits ein halbes Dutzend Kriminalisten befragt worden ist.
Wo das entführte Mädchen heute ist und wo Frankie Jan Arens,
der gesetzliche Vater, das ist auch zwei Jahre nach dem Verschwinden Marias
völlig unbekannt. Und ob nach ihnen gesucht wird, kann ein leitender Ermittler
von damals heute nicht sagen - es sei einfach, in Europa unterzutauchen.