Ein Aktionär stellt unangenehme Fragen. Die Deutsche Bank
lässt ihn ausspionieren. Erklärungsnotstand bei Bankchef Josef Ackermann und
dem Aufsichtsrat.
Der Auftrag an die verdeckten Ermittler auf Ibiza lautete:
«10-tägige Observation der Zielperson, um eine aktuelle Momentaufnahme zu
erhalten». Ihre deutschen Kollegen sollten Recherchen über
«Vermögensverhältnisse, den beruflichen Werdegang, den Lebensstil, das private Umfeld
und persönliche Schwächen» beisteuern.
Dieser Auftrag entstammt nicht etwa dem Drehbuch für einen
Krimi, sondern dem Untersuchungsbericht der Kanzlei Cleary Gottlieb Steen und
Hamilton zuhanden der Deutschen Bank, welcher der «NZZ am Sonntag» vorliegt.
Die Anwälte haben die zweifelhaften Aktivitäten der Sicherheitsabteilung der
Grossbank untersucht: Gleich zwei Teams eines Detektivbüros waren demnach auf
Michael Bohndorf angesetzt, einen deutschen Anwalt mit Wohnsitz auf Ibiza.
Bohndorf ist Aktionär der Deutschen Bank und hat sich mit Anfechtungsklagen und
Fragen an der Aktionärsversammlung unbeliebt gemacht.
Attraktive Juristin . . .
Immer neue unschöne Details dringen derzeit an die
Öffentlichkeit. Neben dem kritischen Aktionär wurde auch das Geschäftsleitungsmitglied
Hermann-Josef Lamberti mit einem Peilsender am Auto und einer Wanze im
Blumenstrauss ausgespäht. Der Bericht dokumentiert zudem, wie eine Praktikantin
in das Büro des Anwalts von Medienmagnat Leo Kirch geschleust werden sollte.
Der Einsatz wurde kurz vor dem Arbeitsantritt der «attraktiven Juristin»
abgebrochen.
In einer Mitteilung der Deutschen Bank vom 28. Juli heisst
es zwar, dass weder der Aufsichtsrat noch die Konzernleitung die «zweifelhaften
Methoden» legitimiert hätten. Aus der Untersuchung der Kanzlei Cleary geht
jedoch hervor, dass der Aufsichtsratschef Clemens Börsig die Nachforschungen
über den unliebsamen Anteilseigner ausgelöst hatte. Auf Fragen der «NZZ am
Sonntag» zum Thema antwortete die Deutsche Bank nicht.
Bisher hatte die Affäre nur für den ehemaligen
Sicherheitschef und den Verantwortlichen für die Beziehungen zu Investoren
Konsequenzen. Beide wurden diesen Sommer entlassen und klagen nun gegen die
Bank auf Wiedereinstellung.
Der bespitzelte Aktionär, Michael Bohndorf, sieht die
Entlassenen als «Bauernopfer» und fordert in einem Brief von Konzernchef Josef
Ackermann weitergehende Massnahmen. Bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt hat er
Strafanzeige gegen Ackermann, Börsig und weitere Bankmitarbeiter wegen
«Hausfriedensbruchs und der Bildung einer kriminellen Vereinigung» gestellt.
Weiter will er Beschwerde bei der New Yorker Börsenaufsicht einlegen. «Es ist
unvorstellbar, welche Stasi-Methoden gegen einen Aktionär eingesetzt wurden,
der vom Recht auf freie Meinungsäusserung Gebrauch gemacht hat», sagt Bohndorf.
Aus dem Cleary-Bericht geht hervor, dass sich der Anwalt und
Kleinaktionär auf dem Aktionärstreffen 2006 den Unmut des Aufsichtsratschefs
Clemens Börsig zuzog. Börsig hat sich laut Bericht nach den Motiven des kritischen
Aktionärs erkundigt – und nach möglichen Verbindungen zu Leo Kirch. Börsig soll
kritisch nachgefragt haben, ob die Abteilung für Investor-Relations «nicht
besser über diese Dinge Bescheid wissen sollte». Der Abteilungsleiter erklärte
den Ermittlern, «Dr. Börsig habe ihm durch die Formulierung klar zu verstehen
gegeben, dass er ein Tätigwerden von Investor-Relations erwarte» und trotz
einem Einwand «daran festgehalten» habe.
Der Chef der Investor-Relations-Abteilung kontaktierte
darauf den Sicherheitschef, die Rechtsabteilung steuerte Adressdaten bei. Mitte
Juli wurde die private Sicherheitsfirma Bühner Private Risk Advisers mit der
Ausforschung beauftragt, für ein Honorar von 35 000 € plus 5000 € Spesen. Das
vierköpfige «Team Balearen» sollte auf Ibiza ermitteln, zwei Mann bildeten das
«Team Deutschland». Diese Ermittler gaben sich als Journalisten der «Financial
Times Deutschland» aus und horchten den Aktionärsvertreter Ekkehard Wenger aus.
Das «Team Balearen» überwachte Bohndorf zwei Wochen lang
rund um die Uhr. Laut Untersuchung mietete sich ein Detektiv in die Finca von
Michael Bohndorf ein – und knüpfte eine Männerfreundschaft. Der angebliche
«Freund» fotografierte die Finca von innen und aussen. Laut Cleary-Untersuchung
berichtete er, Dr. Bohndorf sei auf den Anlegerschutz spezialisiert und gelte
als «grenzwertig», als «faktischer Erpresser» und «kleine Nummer». Die Klagen
seien «finanziell motiviert», strategische Verbindungen gebe es nicht, er sei
ein «Aussenseiter» und «kämpfe um einen finanziell abgesicherten Lebensabend»,
berichtete der Chef der privaten Sicherheitsfirma.
. . . oder junge Brasilianerin
An den angeblichen Männerfreund kann sich Bohndorf
allerdings nicht erinnern. Stattdessen ist ihm eine schöne 23-jährige
Brasilianerin gegenwärtig, die ihn in der Nähe seines Dorfes ansprach und die
er mit in seine Finca nahm. «Ich erinnere mich, dass sie sehr neugierig war und
mir eine Menge Fragen gestellt hat, sogar in meine Schränke sah. Heute glaube
ich, dass sie als Lockvogel der Bank auf mich angesetzt war», sagt der Anwalt.
Erst aus der Presse hatte er von der Ausspähung erfahren und
wurde nach seinen Anfragen bei der Deutschen Bank im Juli zu einem Gespräch
eingeladen. Noch immer sei ihm keine vollständige Akteneinsicht gewährt worden.
«Eine lückenlose Aufklärung, wie sie Josef Ackermann versprochen hat, sieht
anders aus. Die Verantwortlichen haben ein mangelndes Unrechtsbewusstsein»,
klagt er.
Er hofft, dass die Frankfurter Staatsanwaltschaft offizielle
Ermittlungen aufnimmt. Die Behörde führt noch Voruntersuchungen durch. Ende
September soll ein Entscheid fallen, ob ermittelt wird.