Firmen und Sicherheitsexperten schlagen Alarm: In der
Wirtschaftskrise hat Industriespionage Hochkonjunktur. Der Wettbewerbsdruck
nimmt zu - und wenn Angestellte um ihren Job bangen, wächst die Bereitschaft,
Know-how an einen Konkurrenten zu verscherbeln. Vor allem Mittelständler trifft
es hart.
Die Entdeckung war so ungeheuerlich, dass Eginhard Vietz es
erst nicht glauben konnte. Die gleiche Produktionshalle, eins zu eins nachgebaut.
Nur 85 Kilometer entfernt vom Original, der neuen Fabrik in China, die Vietz
mit einem einheimischen Partner errichtet hatte, um die bekannten deutschen
Vietz-Maschinen für den Pipeline-Bau endlich auch in Asien zu produzieren.
Jeden Morgen, an dem der 68-jährige Unternehmer aus Hannover nicht vor Ort war,
fuhr ein VW-Bus hin und her. Arbeiter wurden ausgetauscht. Ein
Know-how-Transfer auf Rädern.
Vietz lernte bald, dass die Gefahr nicht nur im fernen Asien
lauert. Zweimal wurde sein Hauptrechner in Hannover in den vergangenen Jahren
attackiert. Einmal sei es die CIA gewesen, sagt Vietz. Am meisten hat den
Unternehmer mit der stattlichen Figur und dem zurückgekämmten weißen Haar aber
der jüngste Fall erschüttert. Ein Mitarbeiter, seit Jahren dabei, kündigte und
machte ein Konkurrenzunternehmen auf. Das Geschäftsmodell: Der Verkauf einer
brandneuen Methode zum Rohrtransport. "Unsere Technologie", sagt
Vietz. Der einstige Mitarbeiter habe alles mitgenommen, sagt Vietz: "Sämtliche
Zeichnungen, die Kundendatei, Angebote." Bald soll es zum
Gerichtsverfahren kommen.
Vietz ist noch immer empört. "Der Mann hat bei uns
gelernt, Groß- und Außenhandelskaufmann", erzählt der Unternehmer.
"Einmal ist er sogar durch die Prüfung gefallen. Aber wir haben ihn
gefördert." Die "menschliche Enttäuschung" sitze tief, dass
ausgerechnet so einer betrügt.
Dabei sind es oft langjährige Mitarbeiter, ganz normale
Kollegen, die irgendwann ihr Wissen versilbern wollen. Auch ein Maschinenbauer
musste jüngst erleben, wie ein Projektleiter sein Wissen dem Konkurrenten
verkaufen wollte. Der Mann war mehr als 22 Jahre im Unternehmen. Um möglichst
viele Daten unauffällig zusammenzuraffen, fragte er Untergebene nach ihren
Zugangsdaten, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Männlich, verheiratet,
überdurchschnittlich gebildet und selten vorbestraft - so beschreibt eine
Studie den typischen Täter. Die Untersuchung hat die Uni Leipzig für die
Unternehmensberatung RölfsPartner erstellt.
In der Krise sinkt die Hemmschwelle
Meist greife ein Angestellter erst zu, wenn er Probleme
habe, heißt es darin. Wenn etwa der Jobverlust droht. Industrie- und
Handelskammern, Verfassungsschützer und Sicherheitsexperten schlagen deshalb
Alarm, mahnen zu mehr Vorsicht. In der Wirtschaftskrise drohe die Zahl der
Spionagefälle rasant zu steigen. Und schon 2007 sei der Wirtschaft ein Schaden
von geschätzt 20 Milliarden Euro entstanden, warnten etwa die IHK in Potsdam
und der brandenburgische Verfassungsschutz jüngst.
Genau beziffern lässt sich die Zahl der Attacken freilich
nicht. Betroffene Firmen scheuen die Öffentlichkeit und wenden sich deshalb nur
selten an die Polizei. Lieber gehen sie zu Detekteien und privaten
Sicherheitsfirmen, die die Vorfälle diskret untersuchen und die Firmen auf
Schwachstellen abklopfen. Die Branche hat derzeit Hochkonjunktur. "In den
letzten Monaten haben wir einen drastischen Anstieg an geschädigten
Unternehmen", sagt Christian Schaaf vom Berater Corporate Trust. Auch die
Angst nimmt zu. "Im letzten Jahr hat sich unser Auftragsvolumen bei
Präventionskonzepten verdreifacht", sagt etwa der Chef des Münchner
Beraters Prevent, Thorsten Mehles.
Oft bündeln die Sicherheitsfirmen Technik und Know-how, von
dem viele Polizei-Teams träumen dürften. Der 47-Jährige Mehles etwa war selbst
über Jahre hinweg bei der Kriminalpolizei und beim BND. Zu seinem 45-Mann-Team
gehören unter anderem eine Kriminalpsychologin, die früher bei Scotland Yard
war, und Elmar Mäder, langjähriger Kommandant der päpstlichen Schweizer Garde.
Auch IT-Forensiker, Buchhalter und Juristen arbeiten mit.
Sie durchforsten beim Kunden die Strukturen und die Bücher. Gehen mit
schwererer Gerätschaft auf Wanzenjagd, nehmen dafür in Konferenzsälen jede
Steckdose auseinander und durchleuchten die Wände mit Wärmebildkameras. Oder
sie befragen einfach nur die Mitarbeiter nach ihrem täglichen Verhalten.
"Datensammler, die alle Informationen mitnehmen"
Schließlich sind Unternehmen oft an unzähligen Stellen
gleichzeitig verletzbar. Vor allem Mittelständler. Große Konzerne haben riesige
Sicherheitsabteilungen, die das Werksgelände und die IT hermetisch abriegeln.
Kleine und mittlere Unternehmen unterschätzen das Problem häufig. Sie lassen
Lieferanten frei über das Werksgelände laufen oder Handwerker und
Reinigungsfirmen ohne Bedenken stundenlang allein im Büro. Selbst nachts. Dabei
dauert es nur noch Sekunden, eine Wanze zu installieren. Oder einen Keylogger
zwischen Tastatur und PC zu stecken, der alle Eingaben an dem Gerät speichert
oder direkt einem fremden Empfänger sendet.
Eine der größten Gefahren ist Sicherheitsexperten zufolge
allerdings immer noch der Mitarbeiter. Oft aus reiner Unachtsamkeit heraus. Er
benutzt USB-Sticks, die ihm als Werbegeschenk in die Hand gedrückt wurden und
lädt sich so unbemerkt Spionage-Software auf den PC. Er telefoniert lautstark
am Flughafen oder packt im Zug den Laptop aus, arbeitet sorglos an
vertraulichen Dokumenten. Dabei kann nicht nur der Nachbar mitlesen, auch aus
100 Metern Entfernung können Daten auf dem Bildschirm noch mühelos auf ein
anderes Gerät gespiegelt werden. Ähnlich problemlos lassen sich Handys, Palms
und Blackberrys anzapfen.
"Es gibt Datensammler, die gezielt auf öffentliche
Plätze gehen und alle Informationen mitnehmen, die sie bekommen", sagt
Corporate-Trust-Chef Christian Schaaf. "Wie Staubsauger." Schaaf
zufolge stehen die Täter am Flughafen oder ziehen am Montagmorgen durch ICEs,
die auf typischen Business-Strecken fahren. Berlin-Frankfurt etwa. Manchmal
sind es Kriminelle, die Firmen erpressen wollen. Manchmal sind es
Geheimdienstler. "In vielen Ländern gehört es zu ihrem gesetzlichen
Auftrag, Wirtschaftsspionage zu betreiben."
Mini-Sender, die in Feuerzeuge passen
Praktisch allen Spionen, Laien und Profis, steht dabei ein
breites Angebot an Hightech zur Verfügung, das nicht schwer zu organisieren
ist. Das meiste gibt's im Internet. Winzige Videokameras, stecknadelgroße
Wanzen und Mini-Sender etwa, die in Feuerzeuge passen. Im bayerischen
Kolbermoor wurde kürzlich der Geschäftsführer einer chinesischen Betonbaufirma
festgenommen. Er hatte bei einer Werksbesichtigung Ton- und Bildaufnahmen
gemacht - das Mini-Gerät war mit einem Clip am Hosengürtel befestigt.
Oft reicht auch schlichte Dreistigkeit. Anrufer stellen sich
als Mitarbeiter einer "US-Research-Firma" vor und wollen
Firmeninterna wissen. Oder sie fragen die Sekretärin nach dem Geburtstag des
Chefs, nach seiner Familie, etwa mit dem Vorwand, ein passendes Geschenk zu
suchen. Tatsächlich setzen sich viele Passwörter aus diesen schlichten Daten
zusammen.
Allerdings nicht bei Pipeline-Experte Vietz. Er hat sich
gerüstet, sein Unternehmen so weit es geht spionagefest gemacht. Kein
Mitarbeiter kann mehr allein auf alle Daten zugreifen. Stattdessen lädt ein
externer EDV-Spezialist regelmäßig die einzelnen Pakete auf einen Hauptrechner.
"Er ist vom Verfassungsschutz überprüft", sagt Vietz. Aus der
Konstruktionsabteilung können zudem keine E-Mails verschickt werden und es
herrscht dort striktes Handy-Verbot.