Rund drei Viertel der deutschen Unternehmen verfügen über
keinerlei Abwehr gegen Industriespionage. Allenfalls setzt man auf den
klassischen Werkschutz, steht modernen Spionagetechniken aber hilflos
gegenüber. Dieses Resümee zog Bodo Krüger, Präsident des Deutsch-Asiatischen
Wirtschaftskreises (DAW), auf einer Konferenz in Frankfurt am Main.
Im Rahmen der DAW-Konferenz „Internationale Finanz- und
Wirtschaftskrise – Hochkonjunktur für Wirtschafts- und Wettbewerbsspionage“
hatten Maxim Worcester, Senior Manager Advisory Forensic bei der
Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG, und Dr. Peter Roell, Präsident des ISPSW
Institut für Strategie- Politik- Sicherheits- und Wirtschaftsberatung in
Berlin, aus den „Nähkästchen“ geplaudert.
Der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND)
und derzeitige Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Dr. August
Hanning, schätzt die Schäden, die der deutschen Wirtschaft jährlich durch
Wirtschaftsspionage entstehen, auf etwa 20 Mrd. Euro. Die Arbeitsgemeinschaft
für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) beziffert den entstandenen Schäden
allein im letzten Jahr auf 30 Mrd. Euro.
Sicherheit ist kein Managementthema
„Deutsche Unternehmen
sind im Hinblick auf Sicherheit traditionell risikoavers. Es ist kein Managementthema
und wird bestenfalls reaktiv statt präventiv behandelt“, konstatierte
KPMG-Experte Maxim Worcester. Das mache es den Angreifern in der Regel leicht,
an geheime Informationen wie Firmenstrategien, Kostenschätzungen,
Preisstrukturen, Bieterverfahren, Lieferanten und Auftragnehmer sowie Patente,
Produkte, Methoden und Prozesse zu gelangen.
Als besonders gefährdet stufen die Experten Großunternehmen
mit internationalen Interessen ein, aber auch innovative mittelständische
Firmen, bei denen das intellektuelle Eigentum ein Hauptprodukt darstellt. Vor
allem Know-how auf dem Hightech-Sektor ist bei Wirtschaftsspionen gefragt.
USB-Geräte bezeichnet der KPMG-Sicherheitsfachmann als
„unsichtbare Gefahr“, um vertrauliche Informationen aus einer Firma zu entwenden.
In Kugelschreibern, Armanduhren oder Schlüsselanhängern versteckt können die
USB-Speicher bis zu 2 Gigabyte an Daten aufnehmen und bleiben in der Regel bei
Taschenkontrolle unentdeckt. Da praktisch jeder moderne Computer über einen
USB-Anschluss verfügt, lassen sich die Daten mit Leichtigkeit heimlich
überspielen.
Beliebter Trick: Heimliche Sprachaufzeichnungen bei
Konferenzen
USB-Sticks sind zudem beliebte Werbegeschenke; kaum jemand
vermutet, dass sie mit unsichtbarem „trojanischem Angriffscode“ bestückt sein
können und einmal am PC angesteckt alle Daten des Computers per Internet an
eine fremde Stelle übermitteln. Stift und Uhr bergen ein weiteres Risiko:
Einige Modelle erlauben unauffällig Sprachaufzeichnungen von bis zu 20 Stunden.
„Nur die wenigsten Unternehmen untersuchen ihre Besprechungsräume regelmäßig
auf umherliegende Gegenstände“, sagt Maxim Worcester.
Der Einsatz der modernen Spionageinstrumente ist auch
deshalb so leicht, weil der größte Abfluss vertraulicher Informationen
schlichtweg intern erfolgt: durch unzufriedene Beschäftigte, freiberufliche
Mitarbeiter, Praktikanten und Dienstleister mit ungehindertem Zugang zu den
internen Systemen. Rund 20 Prozent aller Schädigungen erfolgt durch Interne,
während die viel zitierten Hackerangriffe von außen nur zu 15 Prozent am
Informationsabfluss beteiligt sind, hat die DAW-Konferenz zutage gefördert.
Größtes Sicherheitsrisiko ist der Mensch
Den größten Schwachpunkt in der Unternehmenssicherheit
stellt entgegen landläufiger Meinung nicht die Informationstechnologie dar,
sondern der menschliche Faktor, also die Mitarbeiter, sind sich die auf der
DAW-Konferenz aufgetretenen Sprecher einig. Bei gut einem Drittel aller
Spionagefälle wird ein Beschäftigter angeworben - eine Gefahr, die in der
derzeitigen Wirtschaftsflaute mit ungewisser Arbeitsplatzsicherheit besonders
hoch ist. In beinahe einem Viertel der Vorfälle werden Besprechungen abgehört,
Mitarbeiter auf Messen ausgefragt oder die Firmenkommunikation belauscht.
Anwerbung erfolgt immer häufiger über Social Networks
Über Social Networks wie Xing, LinkedIn oder Facebook wird
es den Angreifern häufig leicht gemacht, Kontakte zu Beschäftigten aufzubauen
und die Beziehung anschließend zu manipulieren, um an vertrauliche
Informationen zu gelangen. „Auf Social-Engineering-Angriffe ist praktisch kein
Unternehmen in Deutschland auch nur annähernd vorbereitet“, befürchtet
DAW-Präsident Bodo Krüger.