Vom Terrorfahnder zum Privatsheriff: Der Wiener
Polizeipräsident Gerhard Pürstl glaubt, dass derartige Wechsel künftig noch
häufiger werden
Wien - Nein, der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl ist
nicht böse, weil ihm der Staatsschutzchef abhandengekommen ist. "Das wäre
der falsche Ausdruck", meinte Pürstl am Freitag im Gespräch mit dem
Standard. Auch die Personalrochaden, die der Rücktritt von Werner Autericky
auslösen wird, müsse man akzeptieren. "So ist das eben heutzutage. Die
Privatwirtschaft ist draufgekommen, dass es im öffentlichen Dienst
hervorragende Leute mit Führungsqualitäten gibt", resümiert Pürstl. Er
glaubt, dass der Wechsel von der staatlichen auf die private Managerseite
künftig noch häufiger vorkommen wird.
Wie berichtet, hat Autericky (41) nach nur eineinhalb Jahren
überraschend seinen Chefsessel im Landesamt für Verfassungsschutz und
Terrorismusbekämpfung freigemacht. Aus eigenem Antrieb, wie allgemein betont
wird. Derzeit kann er angeblich zwischen zwei Angeboten wählen: eines von der
Stadt Wien - welches, wollte man im Büro von Bürgermeister Michael Häupl (SP)
nicht verraten, aber der Top-Polizist sei ein "sehr geschätzter
Mann", wurde auf Anfrage versichert. Das finanziell wahrscheinlich lukrativere
Angebot kommt von einer nicht näher genannten Elektronikfirma. Und da klingelt
es wahrscheinlich bei vielen: Auterickys früherer Oberboss Gert René Polli ist
bereits im Vorjahr vom Bundesstaatsschutz zu Siemens gegangen.
Eine steile Karriere als Leiter der Sicherheitsabteilung bei
Frank Stronachs Magna-Konzern hat auch Franz Schnabl, der frühere
Generalinspektor der Wiener Sicherheitswache, gemacht. Wäre er als SPÖ-Mitglied
bei der Polizei geblieben, hätte er sich nach der VP-geprägten Polizeireform
als kleiner Beamter in einem Polizeikommissariat wiedergefunden.
Schnabl war es auch, der seinem Kollegen Ernst Geiger die
Gelegenheit bot, die Zeit der Suspendierung bei Magna zu überbrücken. Erst nach
Abschluss der "Sauna-Affäre" und völliger Rehabilitierung kehrte
Top-Kriminalist Geiger vor kurzem zur Polizei zurück. Ab Montag arbeitet er im
Bundeskriminalamt. Wie berichtet ist dort momentan der Posten des
Chefermittlers gegen die organisierte Kriminalität frei, weil Erich Zwettler
interimsmäßig für den zurückgetretenen Autericky einspringt.
Ex-Cobra-Chef Wolfgang Bachler ging bei seinem Ausflug ins
Private noch einen Schritt weiter. Er gründete gleich eine eigene Firma, die
Risikoanalysen erstellt und große Unternehmen berät.
Karenzierung für fünf Jahre
Die meisten Polizisten brechen aber die Zelte nicht ganz ab,
sondern lassen sich karenzieren. Das geht für jeweils fünf Jahre. Der Erste,
der das erfolgreich zehn Jahre durchgezogen hat, war Josef Kleindienst, der in
seiner Dienstzeit als FPÖ-Personalvertreter und Aufdecker der Spitzelaffäre
(unerlaubte Weitergabe von Polizeidaten) bekannt geworden war. Mittlerweile hat
er aber längst gekündigt und ist Immobilienunternehmer in Dubai.
Spezielle Klauseln, beim Karrieremachen keine Geheimnisse
aus der Dienstzeit auszuplaudern, gibt es nicht. Es gilt aber die im
Beamtendienstrecht geregelte Amtsverschwiegenheit - und zwar ein Leben lang.
(Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. September
2009)