Die Versuche aus China und Russland, Unternehmen gezielt
nach verwertbaren Informationen auszuhorchen, nehmen zu. Rund 70.000
Arbeitsplätze sind dadurch allein in Deutschland pro Jahr gefährdet. Wie Sie
sich gegen das Aushorchen schützen können, weiß das Bundesamt für
Verfassungsschutz.
Der Verfassungsschutz rät: Schauen Sie potentiellen
Datendieben genau auf die Finger!
Ein "Hauch Kalter Krieg" verspürte das
Handelsblatt jüngst mit schaurig-wohligem Gruseln. Der Grund: Ein chinesischer
Staatsanwalt hat vor wenigen Tagen vier Mitarbeiter eines
australisch-britischen Bergbaukonzerns mit dem eher an Rotwein erinnernden
Namen Rio Tinto wegen Spionage angeklagt. Die vier waren im Juli noch unter dem
Vorwurf des Diebstahls von Staatsgeheimnissen inhaftiert worden. Nun werden sie
lediglich beschuldigt, Geschäftsgeheimnisse der Stahlindustrie gestohlen und
Personen bestochen zu haben, die keine Staatsbeamten waren. Damit rückt China vom
direkten Vorwurf der Spionage ab und tritt offiziell auch Vermutungen entgegen,
dass eigene Staatsbeamte in den Fall verwickelt sind.
Ausgerechnet China, das neben den Staaten der russischen
Föderation sowie Ländern aus dem nahen und mittleren Osten in jüngster Zeit
laut Bundesamt für Verfassungsschutz "umfangreiche elektronische
Angriffe" auf deutsche Unternehmen startet.
Die Attacken zielen, wie der Verfassungsschutz analysiert,
auf die "Beschaffung von Daten, die der Förderung des eigenen Unternehmens
dienen" - oft auch mit Unterstützung staatlicher Geheimdienste.
Eine zunehmende Rolle beim Ausspähen von Daten nehmen dabei
elektronische Angriffe ein, Maßnahmen mit und gegen IT-Infrastrukturen. Neben
der reinen Informationsbeschaffung fallen darunter auch Aktivitäten, die zur
Schädigung und Sabotage solcher Systeme geeignet sind.
"Dazu gehören das Ausspähen, Kopieren oder Verändern
von Daten, die Übernahme einer fremden elektronischen Identität, der Missbrauch
fremder IT-Infrastrukturen oder die Übernahme von computergesteuerten,
netzgebundenen Produktions- und Steuereinrichtungen", heißt es im
aktuellen Bericht der Verfassungsschützer. "Die Angriffe können dabei
sowohl von außen über Computernetzwerke wie das |Internet|, als auch durch einen
direkten, nicht netzgebundenen Zugriff auf einen Rechner mittels manipulierter
Hardwarekomponenten erfolgen."
Eine der gängigsten Angriffsmethoden ist das Versenden von
E-Mails, die einen durch ein Schadprogramm verseuchten Anhang besitzen. Solchen
Angriffen gegen "erkennbar gezielt ausgesuchte Empfänger" geht ein
umfangreiches "Social Engineering" voraus. Das dient dazu,
persönliche Daten und Interessen auszuspähen, um den Angriff danach möglichst
punktgenau setzen zu können.
Ein besonderer Risikofaktor in einer auf Unternehmensebene
nahezu vollständig digitalisierten Welt sind die modernen IuK-Systeme. Die
wichtigsten Unternehmensdaten liegen in elektronischer Form vor und werden bei
Bedarf über Datenleitungen in Sekundenschnelle in die Welt versandt. So wichtig
das für das Funktionieren global aufgestellter Unternehmen ist; es ist zugleich
eine Einladung an Datendiebe und Saboteure. "Spionage via
|Internet|", heißt es in einer Präventionsbroschüre des
Verfassungsschutzes, "kennt keine zeitlichen und sprachlichen Barrieren,
sie ist effizient und kostengünstig zugleich. Zudem birgt sie für den
Angreifer, aufgrund der geografischen Unabhängigkeit, auch nur ein geringes
Entdeckungsrisiko". Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens, heißt
es denn auch weiter, hänge auch davon ab, wie gut es den Unternehmen gelingt,
"sensible Datenbestände und die elektronische Kommunikation vor
Datenverlust und Datenmissbrauch zu schützen".
Wie hoch der Schaden ist, der durch Wirtschaftsspionage in
Deutschland verursacht wird, ist nur schwer zu beziffern. Zu groß ist die
Dunkelziffer der Angriffe auf deutsches Unternehmens-Know-how. Anita
Brandt-Zimmermann, Ministerialrätin aus dem nordrhein-westfälischen
Innenministerium, versucht dennoch eine Schätzung. Sie beziffert den Schaden im
Bereich der Wirtschaftsspionage auf rund 30 Milliarden Euro pro Jahr und
rechnet, dass bis zu 70.000 Arbeitsplätze durch Ideendiebstahl und
Markenpiraterie gefährdet sind.
Die 10 goldenen
Regeln zum Schutz vor Wirtschaftsspionage
Dabei ist es nach übereinstimmender Meinung verschiedener
Experten gar nicht so schwierig, sich vor dem Ausspähen von Daten zu schützen.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat in einer Broschüre (PDF) die wichtigsten Verhaltenshinweise
in den "10 Goldenen Regeln" der Prävention zusammengefasst.
Regel 1: Nicht warten, bis der Spionagefall eingetreten ist.
Regel 2: Aktuelle Informationen bei kompetenten Partnern
einholen.
Regel 3: Informationsschutz als wichtigen Bestandteil der
Firmenphilosophie und Firmenstrategie verankern.
Regel 4: Sicherheitsstandards regelmäßig analysieren.
Regel 5: Ganzheitliches Sicherheitskonzept realisieren und
permanent fortschreiben.
Regel 6: Schutzmaßnahmen auf den Kernbestand
zukunftssichernder Informationen konzentrieren.
Regel 7: Einhaltung und Erfolg der Sicherheitsvorkehrungen
kontrollieren, Sicherheitsverstöße sanktionieren.
Regel 8: "Frühwarnsystem" zur Erkennung von
Know-how-Verlusten installieren.
Regel 9: Auffälligkeiten und konkrete Hinweise konsequent
verfolgen, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Regel 10: Informationsschutz als strategischen Erfolgsfaktor
nutzen.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die erfolgreiche
Abwehr von Angriffen, so das Amt weiter, sei eine "Sensibilität gegenüber
den Angriffsverfahren, Kenntnisse über die Methoden und Ziele der
Nachrichtendienste, der Einsatz geeigneter Schutzmaßnahmen und die Einsicht in
deren Notwendigkeit". Darüber sowie über alle weiteren Sicherheitsfragen
bietet der Verfassungsschutz kostenlose Beratungen an.
Zuständig für Spionageabwehr und -prävention ist auf Firmenebene aber auch das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).