Mittendrin. Im Gefängnis von Florenz revoltieren Häftlinge.
Just dort sitzt auch der mutmaßliche Betrüger und Ex-Anwalt Friedrich L. ein.
Der Aufstand brach auch genau in dessen Trakt aus.
Die Situation ist zweifellos skurril: Das mutmaßliche
Betrügerpaar Friedrich L. und Brigitte H. aus Salzburg, das im Florentiner
Gefängnis Sollicciano hinter Gittern sitzt, hatte erst kürzlich eine schnelle
Auslieferung in die Heimat abgelehnt. Tage später stecken die beiden jahrelang
untergetauchten Österreicher nun mitten in einer nicht ungefährlichen Revolte
in der hoffnungslos überfüllten italienischen Haftanstalt. Grund für die
Häftlingsproteste, die laut der Zeitung „Corriere della Sera“ in der Nacht auf
Dienstag mit Feuer in den Zellen eskaliert waren, sind massive Überbelegung
sowie katastrophale Lebensumstände für die Insassen.
Der ehemalige Anwalt Friedrich L. (58) und seine Freundin
(40) waren am 30. Juli nahe Florenz verhaftet worden. Der Jurist hatte sich mit
der Frau 2001 aus Salzburg abgesetzt, nachdem er laut Ermittlungen zuvor
Klientengelder in Höhe von zumindest 2,6 Mill. Euro abgezweigt hatte. In den
letzten Jahren hatte das Paar unentdeckt rund 25 Kilometer von Florenz entfernt
eine Pension geführt, ehe die italienische Finanzpolizei gemeinsam mit
heimischen Zielfahndern zugriff.
Die meisten der rund 270 italienischen Haftanstalten platzen
aus allen Nähten, die Haftbedingungen sind vielerorts sehr schlecht – so auch
im Gefängnis von Sollicciano, das für 400 Insassen ausgerichtet, aber derzeit
mit 950 (!) belegt ist. Vergangenen Montag gegen 23 Uhr warfen schließlich mehr
als hundert Häftlinge Gegenstände gegen die Gitterstäbe und setzten Leintücher
sowie Decken in Brand.
Die SN erreichten den Direktor der Anstalt, Oreste Cacurri,
Donnerstag am Telefon. Er bestätigte, dass sich Friedrich L. und Brigitte H. in
seiner Anstalt nach wie vor in Auslieferungshaft befinden – wegen Fluchtgefahr.
Zu den Unruhen sagte Cacurri: „Die Situation beruhigt sich langsam,
Mittwochnacht hat es eine halbe Stunde lang nur noch ,Klopfproteste‘ gegeben,
verletzt wurde niemand.“
Brisant: Das „Ufficcio Matricola“, die für Häftlingsbelange
zuständige Stelle des Gefängnisses Sollicciano, teilte auf SN-Anfrage mit,
„dass sich Herr L. in jenem Trakt des Gefängnisses befindet, in dem die Unruhen
ausgebrochen waren“. Ob L. in die Revolte involviert war, konnte nicht gesagt
werden. Der Salzburger Ex-Anwalt befinde sich übrigens „wegen des exorbitanten
Platzmangels sicher nicht in einer Einzelzelle“, seine Lebensgefährtin sei im
Frauentrakt in einer Zweierzelle untergebracht.
Die Salzburger Justiz ermittelt gegen den bereits kurz nach
seiner Flucht aus der Anwaltschaft ausgeschlossenen Friedrich L. wegen Betrugs,
Untreue und Veruntreuung (Strafrahmen: bis zehn Jahre Haft); gegen Brigitte H.
steht zumindest der Vorwurf der Hehlerei im Raum (Rahmen: bis fünf Jahre). Weil
L. und H. einem sogenannten vereinfachten Auslieferungsverfahren nicht
zustimmten, wird nun das formelle Auslieferungsprozedere abgewickelt – mit
eigener Verhandlung und Beschwerde- und Berufungsmöglichkeiten der
Verdächtigen. Laut „Ufficcio Matricola“ kann dies lange dauern, auch mehrere
Monate.
Experten fragen sich indes, warum L. nicht ehebaldigst aus
der italienischen Haft nach Salzburg überstellt werden will. Zu einer
Auslieferung werde es früher oder später nämlich kommen müssen, da eindeutige
Abkommen darüber zwischen Italien und Österreich bestünden. Nicht zuletzt
angesichts der Häftlingsrevolten stellt sich die Frage, ob das Paar seinen
Schritt auf Verzicht eines raschen Auslieferungsverfahrens nicht schon bereut
hat: Wie der „Corriere della Sera “ berichtet, sind die Missstände in
Sollicciano und anderen Anstalten extrem: miserables Essen, unerträgliche
Hitze, zu wenige Duschen und Toiletten, gekürzte Besuchszeiten.