Es war ein Mord, der die Welt schockierte. Am 9. August 1969
tötete eine Hippie-Gang im Drogenrausch sieben Menschen auf grausame Weise -
darunter die schwangere Schauspielerin Sharon Tate. Befohlen hatte die Tat ein
Mann, dessen Name bis heute ein Synonym für das Böse ist: Charles Manson.
Der Guru: Charles Manson wird am 29. April 1970 durch das Gerichtsgebäude von Los Angeles eskortiert. Er bestreitet jegliche Verantwortung für die Morde seiner Anhänger.
Noch im August 1969 war den meisten Amerikanern der Name
Charles Manson unbekannt. In den USA gab es in diesen Tagen Wichtigeres: eine
Generation junger Menschen protestierte gegen die US-Armee in Vietnam, sie
feierte in Woodstock ein rauschendes Festival und wurde Zeuge der Mondlandung.
Amerikanische Hippies taten sich bis dahin vor allem durch freie Liebe,
Drogenkonsum und Protest für den Weltfrieden hervor. Doch etwas außerhalb von
Los Angeles hauste eine Gruppe, die sich mit alldem nicht zufrieden gaben: die
Manson-Familie, benannt nach ihrem Anführer Charles Manson. Der 34-Jährige war
gerade seit zwei Jahren aus dem Gefängnis raus. Bevor er einsitzen musste,
hatte er die Hälfte seines jungen Lebens mit Zuhälterei, Diebstahl und
Scheckbetrug verbracht.
Eigentlich wollte Manson ein bekannter Musiker werden. Der Rockstar in spe mit
anziehend fröhlichem Wesen scharte junge Frauen und Männer um sich, mit denen
er im Sommer 1969 auf der Spahn-Movie-Ranch, einem alten Hollywood-Filmset
außerhalb von Los Angeles lebte. Die Gruppe kümmerte sich um den greisen
Besitzer George Spahn und durfte im Gegenzug umsonst das Gelände bewohnen.
Gruppensex, freie Partnerwahl und LSD-Trips machten den Alltag bunt. Doch
Manson wurde zunehmend unzufrieden, denn der erhoffte Karriereschub ließ auf
sich warten. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, einen Plattenvertrag zu
bekommen, fühlte er sich von der Gesellschaft betrogen. Manson entwickelte
einen tiefen Hass auf die High Society, die ihm seiner Meinung nach den Weg
nach oben versperrte. Er träumte nicht nur davon, eine Gruppe von Anhängern
hinter sich zu scharen, sondern eines Tages die gesamte Zivilisation.
Seine Bezeichnung für das, was ihm diesen Aufstieg verschaffen sollte, war
"Helter Skelter", der Name eines Beatles-Songs. Das Lied beschreibt
die wilde Rutschpartie in einer von Großbritanniens damals beliebtesten
Freizeitattraktionen, der Riesenrutschbahn in Brighton. Manson interpretierte
den Text auf seine Weise. In "Helter Skelter", was frei übersetzt
etwa "Holterdiepolter" bedeutet, erkannte er eine gesellschaftliche
Umwälzung, die aus dem Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen resultierte. Manson
erwartete einen Rassenkrieg und dass ihn die Schwarzen gewinnen würden. Da die
aber unfähig wären, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, käme die
Reihe an seine Familie: Sie sollte die perfekte Ordnung errichten - an der
Spitze Charles Manson. In jenem Glauben führte er seine Anhänger von der
Spahn-Ranch weg in die lebensfeindliche Umgebung des Death Valley, wo sie auf
den prophezeiten Krieg warteten.
Doch trotz der Rassenunruhen in den späten sechziger Jahren blieb der erwartete
Kampf der Rassen aus. Gegen Ende des Sommers 1969 entschied Manson daher, die
Unruhen selbst herbeizuführen.
Mordpläne
Mansons Plan: einige Morde an reichen Weißen in Los Angeles. Nach seinem Kalkül
würde die Gesellschaft diese Morde den Schwarzen anlasten.
Aus seiner Anhängerschaft schickte er dazu am späten Abend des 8. August 1969
Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, die Fahrerin Linda Kasabian und den jungen
Texaner Charles „Tex“ Watson in Richtung Los Angeles, zu dem Haus des
Musikproduzenten Terry Melcher. Melcher, Sohn der Schauspielerin Doris Day,
hatte Manson und seine Musik einst abgelehnt. Was Manson nicht wusste: In dem
Haus am Cielo Drive 10050, in dem Melcher gewohnt hatte, lebten im August 1969
die junge Schauspielerin Sharon Tate und ihr Ehemann, der polnische Regisseur Roman
Polanski, der mit seinem Spielfilm "Tanz der Vampire" kurz zuvor
Weltberühmtheit erlangt hatte. Seine Frau Sharon spielte damals die weibliche
Hauptrolle und war im August 1969 hochschwanger.
Die Frauen hatten die Anweisung bekommen, alles zu tun, was Tex Watson befahl.
Am Cielo Drive angekommen, kappten die Eindringlinge zunächst die
Telefonleitungen und kletterten über das Gatter der Zufahrt. Ehe sie zu dem
Anwesen gelangten, bemerkten sie ein Auto, das die Auffahrt herunterfuhr.
Watson stoppte den Wagen und erschoss den Fahrer, den 18-jährigen Steven
Parent, mit vier Schüssen aus nächster Nähe. Parent hatte den Hausmeister
William Garretson besucht, der auf dem Anwesen in einem Gästehaus lebte.
Anschließend drangen Atkins, Krenwinkel und Watson in das Haupthaus ein. Sharon
Tate befand sich zu dieser Zeit im Haus, zusammen mit ihrem Ex-Verlobten Jay
Sebring, ein bekannter Hollywood-Friseur, Abigail Folger, Erbin eines
Kaffee-Imperiums und deren Partner Voitek Frykowski, ein Freund Polanskis.
Polanski selbst war zu Dreharbeiten in London.
Was in den folgenden Minuten geschah, konnte nie eindeutig geklärt werden.
Sicher ist jedoch, dass Sebring, Frykowski, Folger und Sharon Tate durch
insgesamt über hundert Messerstiche starben. Neben den fünf Leichen
hinterließen die Mörder ein gespenstisches Zeichen an der Eingangstür des
Hauses: Geschrieben mit dem Blut von Sharon Tate stand dort in großen Lettern
"Pig", Schwein, auf dem schneeweißen Untergrund.
Los Angeles in Angst
Nur einen Tag später, am 10. August 1969, mordeten die Jünger Mansons erneut in
Los Angeles. Wieder war Patricia Krenwinkel dabei, ebenso Tex Watson. Auch
Manson befand sich in dem Wagen, der am späten Abend den Stadtteil Los Feliz
ansteuerte. Neu war lediglich die blutjunge, schüchterne Leslie Van Houten,
einst Abschlussballprinzessin ihrer High School.
Watson und Manson drangen in ein Haus am Waverly Drive 3301 ein, und entdeckten
dort den Geschäftsmann Leno LaBianca zeitungslesend auf der Couch. Manson
fesselte ihn und verließ anschließend das Haus. Wenig später waren Leno
LaBianca und seine Ehefrau Rosemary tot, auf ähnlich bestialische Weise
ermordet wie die Opfer am Abend zuvor. Und wieder waren die Wände mit Blut
beschrieben: "Death to pigs" (Tod den Schweinen) und "Rise"
(Erhebt euch) stand dort zu lesen. Auf dem Kühlschrank in der Küche prangte,
ebenfalls in Blut, der Schriftzug "Healter Skelter", in der Hektik
offensichtlich falsch geschrieben. In Leno LaBiancas Bauch war mit einem Messer
das Wort "War" (Krieg) geritzt worden.
Nach Bekanntwerden der Morde breitete sich in Los Angeles die Angst aus,
besonders unter der Prominenz. Da die Mordopfer zur Oberschicht gehörten, sahen
sich andere Größen der High Society in Gefahr und verließen fluchtartig die
Stadt. Die Polizei stand vor einem Rätsel: Weder gab es Hinweise auf die Täter,
noch auf das Motiv. Dann half ihr der Zufall.
Prozess bizarr
Im Oktober 1969 wurden Manson und seine Gruppe wegen Autodiebstahls inhaftiert.
Im Gefängnis brüstete sich Susan Atkins gegenüber einer Mitgefangenen damit, an
dem Mord an Sharon Tate beteiligt gewesen zu sein, was die Polizei zum ersten
Mal auf die Spur Mansons und seiner Anhänger führte. Kurz darauf standen die
Beteiligten an den Morden fest, doch noch immer fehlte das Motiv. Zeugenaussagen
brachten die Ermittler schließlich auf Mansons Helter-Skelter-Theorie. Auch die
rätselhaften Aufschriften bekamen so ihre Bedeutung: Ebenfalls in einem
Beatles-Song des White Albums ist von weißen, reichen "Piggies" die
Rede, die in den sauberen Vororten leben.
Im Juli 1970 schließlich standen Manson, Atkins, Krenwinkel und Van Houten
wegen siebenfachen Mordes vor Gericht. Charles "Tex" Watson wurde in
einem separaten Verfahren angeklagt, da es ihm gelungen war, nach Texas zu
fliehen. Der Prozess wurde zu einem bizarren Schauspiel, denn die Frauen
befolgten alle Anweisungen Mansons: Auf seinen Augenaufschlag hin standen sie
während der Verhandlung auf, um wie im Wahn zu kreischen; als Manson sich den
Schädel rasierte, taten sie es ihm gleich, und nachdem er sich ein Kreuz auf
die Stirn geritzt hatte, fanden sich kurz darauf auch bei den Frauen gekreuzte
Narben auf der Stirn. Manson erweiterte sein Kreuz wenig später zu einem
Hakenkreuz.
Gegen Ende des Verfahrens hatten die Richter keine Zweifel mehr daran, dass
Charles Manson der Urheber der grausamen Mordtaten war. Obwohl er an den Morden
nachweislich nicht teilgenommen hatte, wurde Manson ebenso wie die jungen
Frauen und Charles Watson zum Tode in der Gaskammer verurteilt. Einzige
Ausnahme: die Fahrerin Linda Kasabian. Sie hatte sich der Anklage als
Kronzeugin zur Verfügung gestellt, dafür gewährte man ihr Immunität.
Abkehr vom Guru und neue Fans
Doch die Verurteilten hatten Glück: Im Februar 1972 erklärte der Oberste
Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Todesstrafe für verfassungswidrig,
entsprechende Urteile wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Erst 1978
erlangte die Todesstrafe in Kalifornien wieder Gültigkeit, doch für die
Mitglieder der Manson-Familie blieb es bei der Haftstrafe, die sie bis heute in
kalifornischen Gefängnissen absitzen. Gnadengesuche wurden unzählige Male
abgelehnt.
In der Haft wandten sich sämtliche Anhänger Mansons von ihrem einstigen Guru
ab. Atkins und Watson wurden so genannte Wiedergeborene Christen und widmeten
ihr Leben dem Gottesdienst. Krenwinkel und Van Houten berichteten in den frühen
Neunzigern detailreich von ihren Beteiligung an den Morden. Alle vier beharrten
darauf, dass jede ihrer Taten im Sommer 1969 von Charles Manson befohlen war.
Dieser streitet dies bis heute ab.
Um Manson selbst entwickelte sich bis heute ein regelrechter Kult. Er ist der
Häftling, der weltweit die meiste Fanpost bekommt. Der Schock-Rocker Marylin
Manson nahm Mansons Nachnamen an, um zwei Extreme amerikanischer Populärkultur,
Charles Manson und die Schauspielerin Marylin Monroe, zu vereinen. Und auch
Manson selbst erlangte endlich die Aufmerksamkeit, die er sich als Künstler
immer gewünscht hatte. Mehrere Musiker veröffentlichten Samples von Mansons
Musik, wie zum Beispiel Guns´n´Roses mit dem Track "Look at your game
girl", der ursprünglich aus der Feder Mansons stammt.