Chinas Regierung wirft dem Westen Industriespionage im
großen Stil vor. In einem am Sonntag veröffentlichten Bericht der Behörde für
den Schutz von Staatsgeheimnissen heißt es: "Unser Land ist in die heiße
Phase eines Wirtschaftsspionagekriegs eingetreten."
China als führende Macht müsse in dem Problem eine
"ebenso große Gefahr für die nationale Sicherheit sehen, wie es die
westlichen Nationen tun". Peking kehrt damit die Spionagevorwürfe, die zum
Beispiel Deutschland und die USA seit Jahren gegen China erheben, um. Nach
Schätzungen des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) entsteht der deutschen
Wirtschaft durch Spionage ein Schaden von 50 Mrd. Euro jährlich. Neben Russland
stelle China die größte Bedrohung dar, heißt es regelmäßig in den Berichten des
BfV.
Hintergrund der Verbalattacke aus Peking ist der Fall des australischen
Rohstoffunternehmens Rio Tinto. Anfang Juli waren vier führende Manager der
chinesischen Rio-Tochter unter Spionageverdacht festgenommen worden. Sie sitzen
seitdem im Gefängnis. In dem Bericht vom Wochenende erhebt China nun schwere
Anschuldigungen gegen den Minenkonzern. Wörtlich heißt es: "Durch die
große Menge an geheimdienstlichen Informationen, die auf Rio-Tinto-Computern
gefunden wurden, (...) wird klar, dass die Wirtschaftsspione mithilfe von
Schmiergeldern sechs Jahre lang die chinesischen Stahlfirmen gezwungen haben
(...), mehr als 700 Mrd. Yuan (rund 72 Mrd. Euro) zu viel für importiertes
Eisenerz zu bezahlen."
Rio Tinto sei jedoch nur "die Spitze des
Eisbergs", heißt es weiter - ohne dass der Bericht andere Beispiele nennt.
Um eine systemische Bedrohung seiner Wirtschaftssicherheit abzuwehren, sei
Peking nun gezwungen, seinen Umgang mit Staatsgeheimnissen zu überarbeiten.
Dazu fordert die Behörde neue Gesetze, die die Registrierung, Prüfung und
Aufsicht von ausländischen Unternehmen in China festlegen - und zwar
"genauso, wie es der Westen bei chinesischen Firmen tut".
Die Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahrzehnte hätten
den Privatsektor gestärkt und den staatlichen Konzernen jegliches Gefühl für
Geheimhaltung geraubt, schreibt die Behörde. Sowohl die Konzernmanager als auch
die Branchenverbände seien anfällig für Infiltration. Die Behörde forderte die
Kommunistische Partei auf, den Schutz von Geheimnissen in staatlichen Betrieben
zu stärken. Dazu sollen in jedem Staatsunternehmen Parteikader installiert
werden.
Unklar blieb am Sonntag, ob Peking mit den heftigen
Vorwürfen tatsächlich eine neue Kampagne gegen den Westen lostreten will - oder
ob es der kommunistischen Regierung vor allem darum geht, den Druck auf Rio
Tinto und die Regierung in Canberra zu erhöhen. China und Australien liegen
seit Monaten im Clinch, nachdem der Einstieg des Aluminiumkonzerns Chinalco bei
Rio
Tinto gescheitert war. Die Chinesen sind als weltgrößter Stahlproduzent von
den Erzimporten aus Australien abhängig und wollten sich mit dem Investment
mehr Kontrolle über den Rohstoff sichern.
Darüber hinaus streitet der chinesische Stahlverband CISA
mit Rio Tinto und anderen westlichen Erzförderern seit Wochen über die
Lieferbedingungen. CISA fordert einen Abschlag von 40 Prozent gegenüber den
Vorjahrespreisen - Rio hingegen will China nur 33 Prozent gewähren, ebenso viel
wie Stahlwerken in Japan und Südkorea.
Rio Tinto hält sich trotz der Inhaftierung seiner Manager
mit Kommentaren gegen China zurück. Zu den neuen Vorwürfen vom Wochenende
wollte ein Sprecher des Konzerns keine Stellung nehmen. Auch Australiens
Regierung äußerte sich nicht.