Staatsanwaltschaft Wien verliert die Zuständigkeit – aber
weiterhin Restriktionen für Ermittlungen der Polizei
Eingreifen der Justizministerin.
Staatsanwalt aus Graz kommt auf Dauer nach Wien.
Kampusch darf auch künftig nicht befragt werden.
Wien. (red) Neue aufsehenerregende Wendung im Fall Kampusch: Der
Staatsanwaltschaft Wien, die unter dem massiven Vorwurf steht, jahrelang die
Suche nach weiteren Mittätern gebremst zu haben, wurde die Kompetenz für den
Fall entzogen. Allerdings geht diese an die Oberstaatsanwaltschaft Wien (OStA)
über, die selbst nicht nur der Vorgesetzte der StA Wien ist, sondern auch von
Anfang an eng in die Behandlung des Falles eingebunden war und daher mit den
gleichen Vorwürfen konfrontiert ist wie die nun entmachtete StA Wien.
Offenbar um dieser belastenden Optik entgegenzuwirken,
bekommt die OStA einen unvoreingenommenen Kollegen aus Graz für die Behandlung
des Falles zugewiesen, nämlich Thomas Mühlbacher. Dieser ist allerdings auch
ein Kandidat für die Funktion des Leiters der OStA Graz. Was ihn in Kürze
wieder von der Causa wegführen könnte – es sei denn, er nimmt dann die ganze
Angelegenheit nach Graz mit. Dazu bräuchte es aber eine Weisung der Ministerin.
Diese will jedoch alle Irritationen vermeiden.
Vorerst jedenfalls wird die Beurteilung seiner Arbeit und
damit auch die Entscheidung über eventuelle Anklageerhebungen bei der OStA Wien
bleiben. Mühlbacher war schon vier Wochen lang der Wiener Staatsanwaltschaft in
Sachen Kampusch zugeteilt worden. Er hatte in dieser Zeit auch durchsetzen
können, dass Kriminalbeamte erstmals Einblick in den Akt Kampusch bekommen.
Unzufriedenheit mit Kompromiss wächst
Seine nunmehrige Dauer-Zuteilung nach Wien und die
Kompetenzverschiebungen innerhalb der Staatsanwaltschaft sind zwar vom Leiter
der OStA Wien, Werner Pleischl, veröffentlicht worden. Justizkreise berichten
der "Wiener Zeitung" aber, dass sich Claudia Bandion-Ortner, die
zuständige Ministerin, selbst in die Angelegenheit eingeschaltet hat. Sie ist
intensiv bemüht, einen Kompromiss zwischen der mächtigen OStA Wien und den
Notwendigkeiten der Strafverfolgung zu erzielen.
Die mit der Causa befassten Kriminalbeamten und einige
Angehörige der Evaluierungskommission halten die neue Konstellation freilich
für wenig geglückt: Abgesehen von der unsauber wirkenden Art, wie die
Kompetenzen zwischen den staatsanwaltlichen Akteuren nun neu aufgeteilt worden
sind, wird auch beklagt, dass die Erhebungen weiterhin durch Restriktionen
behindert werden. Diese sind bei einem Gespräch Pleischls mit Ludwig Adamovich,
dem Leiter der Evaluierungskommission des Innenministeriums, vereinbart worden.
Vor allem schmerzt die Ermittler, dass Natascha Kampusch
laut Pleischl auch künftig nicht befragt werden darf, obwohl sie nach Ansicht
der Kriminalisten die wichtigste Zeugin wäre. Und obwohl ihre einstige
Darstellung recht widersprüchlich gewesen ist.
Umso positiver wird der Kompromiss von Kampusch-Anwalt
Gerald Ganzger beurteilt: "Ich begrüße das sehr, das entspricht meiner
Bitte der vergangenen Tage", meinte er zur APA. "Genau das ist eine
sinnvolle Vorgangsweise, kein Streit zwischen Behörden, sondern Arbeit."
Adamovich hat zuletzt mit Aussagen zum privaten Bereich des
Opfers und mit Vorwürfen gegen die StA für Irritationen gesorgt. Er hat in der
"Kronen Zeitung" Aussagen über die "triste Kindheit"
Kampuschs gemacht. Er hat aber auch angedeutet, dass Kampusch von Mittätern
erpresst werden könnte. Was ihre jetzigen Ängste erklären würde.
Staatsanwaltschaft schwieg sechs Mal
Laut Pleischl werde die ermittelnde "SoKo
Kampusch" im Bundeskriminalamt offene Ermittlungsaufträge der StA
erledigen. Dieser Hinweis auf offene Aufträge sorgt bei den Kriminalisten für
große Erbitterung: Denn die Wiener Staatsanwaltschaft habe nicht weniger als
sechs ihrer Berichte in den letzten Monaten unbeantwortet gelassen. Die
Ermittler haben nicht weniger als 102 Personen befragt. Ein Sprecher der StA
hatte hingegen behauptet, dass die Kriminalisten nur eine einzige Einvernahme
durchgeführt haben.
Lediglich die Vernehmung von drei Hauptverdächtigen haben
die Kriminalisten bisher aus taktischen Gründen unterlassen: Sie wollten vorher
die einstigen Aussagen Kampuschs kennen, die ihnen von der Staatsanwaltschaft
aber bis vor kurzem vorenthalten worden waren.
Die SoKo wird laut Pleischl nach Abschluss ihrer Arbeit in
einem Bericht die wesentlichsten Punkte des Falles zusammenfassen. Danach werde
in einem Gespräch zwischen der Kommission, den Ermittlern und der OStA über die
Vorgangsweise und mögliche zusätzliche Ermittlungen entschieden.