Degussa-Angestellte bespitzelt - Datenweitergabe in der Kritik
Hamburg/Essen/Dortmund (pte/24.07.2009/11:20) - Zielgerichtete
Bespitzelungen von Mitarbeitern durch angeheuerte Privatdetektive werden in der
Bundesrepublik in einem weitaus größeren Ausmaß durchgeführt als bislang
bekannt. So dürften die bisherigen Skandale um die Deutsche Bank, der Telekom
und die Deutsche Bahn keine Einzelfälle sein, sondern vielmehr die Spitze eines
Eisbergs markieren. Einem Stern-Bericht nach hat nun auch die Chemie-Tochter
Degussa http://www.degussa.de
des Mischkonzerns Evonik die Laborhilfe Sonja K. observieren lassen. Überprüft
werden sollte, ob sie trotz der Krankmeldung ihrem Nebenjob nachging. Dass
dabei oft auch sensible Daten wie Größe, Gewicht, Alter, Adresse und
Autokennzeichen weitergegeben werden, erhitzt die Gemüter.
"Ich bin mir nicht sicher, ob Bespitzelungen von
Mitarbeitern durch beauftragte Detekteien in den vergangenen Jahren zugenommen
haben. Fakt ist, dass es diese Recherche seitens vieler Unternehmen schon immer
gegeben hat. Was sich verändert hat, ist vielmehr die Sensibilität der
Öffentlichkeit für solche Vorfälle", erklärt der Dortmunder
ver.di-Gewerkschaftssekretär Norbert Hüwel http://www.verdi.de auf Nachfrage von pressetext. Laut dem
Experten hätten dies versteckte Kameras bei Großhandelsketten wie Lidl, Aldi,
Edeka und Plus spätestens seit 2008 deutlich gezeigt (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/080326021/).
In dem Bericht heißt es in Bezug auf die Degussa-Mitarbeiterin in den
Detektei-Protokollen, dass die Spitzel vor dem Haus der Angestellten Posten
bezogen und deren Aktivitäten untersuchten.
Ersten Informationen nach soll Evonik der Detektei private Daten überlassen
haben. Darunter sollen sich auch Fotos von einer Betriebsveranstaltung befunden
haben. "Wenn Unternehmen mit hochsensiblen Daten hausieren gehen, kann
dies schnell problematisch werden und ist bei keinen Verdachtsmomenten
rechtlich unzulässig", stellt Hüwel gegenüber pressetext klar. Das
Unternehmen hat sich inzwischen von dem Schnüffeleinsatz distanziert und
spricht von einem "Fehlverhalten der verantwortlichen Führungskraft".
Obwohl Evonik intern scheinbar bereits erste Konsequenzen gezogen hat, bleibt ein
schaler Beigeschmack. Der ver.di-Gewerkschafter sieht vor allem den
Generalverdacht als "Problem, dass den Mitarbeitern von vornherein das
entgegengebrachte Vertrauen abspricht". Dies zerstöre die Motivation und
Arbeitsmoral.
Obwohl Observationen von Mitarbeitern bei begründetem Verdacht durchaus
berechtigt sind, legen die Detektiv-Protokolle laut dem Bericht den Eindruck
nahe, sie würden in den meisten Fällen nur als Zweck dienen, Gründe zu finden,
um eine Kündigung auszusprechen. Der Fall der Überwachung eines Kölner Piloten
erschreckt selbst Hartgesottene wie den Datenschützer Peter Schaar. In den
Protokollen heißt es demnach: "Es ist Licht im Haus, und erkennbar sitzt
die Familie gerade beim Abendessen. In der Zielstraße ist eine Observation mit
Sichtkontakt unmöglich. Daher ist lediglich die einzige Zufahrt zu der
Wohnadresse unter Beobachtung zu halten." Hinweise auf Detektiv-Einsätze
lassen sich aber auch bei dem Raststättenbetreiber Tank & Rast, bei Air
Berlin und sogar bei kleinen Familienbetrieben wie Apotheken finden. (Ende)