Das IBM Forschungslabor in Israel hat etwas Neues
entwickelt: eine Software namens "MAGEN" ("Masking Gateway for
Enterprises", auch hebräisch für "Schutz" oder
"Schild"). Ihr Zweck: sensible Daten vor unbefugten Augen schützen.
Das Prinzip: die Software schaltet sich vor die Bildschirmausgabe, analysiert
den Bildschirminhalt mittels OCR, findet sensible Daten auf dem Bildschirm und
blendet diese aus.
Als erstes Beispielanwendungsgebiet muss dann auch gleich
das allseits beliebte indische Callcenter herhalten. So würde die Software
verhindern, dass ein Callcenter-Mitarbeiter beim Aufruf des Kundensatzes
sensible Daten wie z.B. die Kreditkartennummer zu Gesicht bekomme, während er
aber andere persönliche Daten wie Name oder Kaufhistorie einsehen kann.
Das zweite Beispiel ist noch besser: eine Krankenversicherung, in der
Mitarbeiter eines Outsourcing-Unternehmens zwar den Kundensatz aufrufen können
sollen, aber nicht die Krankengeschichte. Okay, aufrufen können sie die
Krankengeschichte schon, sie wird aber unlesbar gemacht. Offensichtlich sind die IBM-Forscher der Meinung, der einzige Weg zur
Zugriffsgestaltung in IT-Systemen sei es, Kopien der Daten in unterschiedlichem
Umfang anzufertigen, je nach gewünschten Zugriffslevel. Von Zugriffssteuerung,
Selektionen und Masken in Datenbanken haben diese Experten wohl entweder noch
nie gehört oder sie glauben nicht, dass irgendjemand so etwas nutzt. Nicht das
IBM einer der größten Datenbankhersteller der Welt ist... (da werden sich die
IBM-Vertriebler freuen, wenn sie das angeblich entstehende Produkt genau den
Kunden verkaufen sollen, die UDB einsetzen).
"MAGEN - a smarter way to secure data" tönt es denn auch vollmundig
von der Webseite. Mich persönlich hat die neue Software spontan
sprachlos gemacht - vor Entsetzen über so viel Weltfremdheit. Was diese
Forscher "Sicherheit" nennen, ist jehnseits der Symptombehandlung. Hier
werden keine Pflaster auf Wunden geklebt, hier wird das Licht ausgemacht, damit
man die Wunde nicht mehr sehen kann. Inzwischen habe ich meine Sprachlosigkeit zumindest teilweise überwunden. Daher
gibt es hier Liste einige "Einwände" im Bezug auf die neue
Technologie - ein Teil einer sehr langen Liste.
Architektur
Die Sicherheitsarchitektur, von der diese Anwendung ausgeht, ist so unsinnig,
dass es einem den Atem rauben kann. Und das gilt ganz besonders im Fall des als
Beispiel angeführten Outsourcings. Das Callcenter in Indien erhält also erstmal
alle sensiblen Daten und blendet sie dann in Teilen auf dem Bildschirm des
Mitarbeiters wieder aus. Die Daten erst in unbefugte Hände zu geben und sie
dann am letztmöglichen Punkt an einer Form der Anzeige zu hindern ist wohl kaum
die Lösung.
Erkennungsgenauigkeit
Um es mal ganz pauschal zu sagen: keine Software kann zuverlässig automatisiert
alle sensiblen Daten erkennen. Das hat weniger technische als systemische
Gründe: "sensibel" ist eine Frage der Perspektive. Dazu kommt die
Schwierigkeit, die Kreditkartennummer von der Telefonnummer zu unterschieden:
Feldlabel stehen nicht immer neben dem Feld. Bei Volltextinformationen (wie
z.B. der Krankengeschichte eines Versicherten) wird es sogar noch deutlich komplizierter,
Freund und Feind zu unterscheiden.
Drucker & Co.
Damit die Daten tatsächlich geschützt bleiben, muss der Zugriff auf die Daten
auf die Bildschirmausgabe limitiert werden. Die Software muss dazu sogar die
Zwischenablage stilllegen, mit der man die Daten problemlos in eine Datei
kopieren und an anderem Ort lesen könnte. Auch Drucker, PDF-Ersteller,
Faxsoftware & Co. stellen Risiken dar. Kurz: der Arbeitplatz des
Mitarbeiters muss komplett (virtuell) einzementiert werden. Das ist möglich, aber
meist weit aufwändider als die vorherige Filterung der Daten oder das Setzen
von Zugriffsrechten.
Nachollviehbarkeit
Bei einem solchen System muss die Frage gestellt werden, woher man eigentlich
später noch weiss, welche Informationen ein Mitarbeiter gesehen hat. Eine
Speicherung aller dargestellten Bildschirminhalte zu Protokollzwecken dürfte
wohl aus Platzgründen ausfallen. Damit können die Verantwortlichen eine spätere
Nachfrage, ob Herr X oder Frau Y Zugriff auf die Kreditkartennummer von Herrn Z
hatten, nicht eindeutig beantworten.
Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Am Ende ist
die Sache aber ganz einfach: Datenschutz erreicht man nicht durch Tippex auf
dem Bildschirm. Um Daten sicher zu verwalten, muss eindeutig geregelt sein,
welche Person bzw. welches Unternehmen auf welche Daten Zugriff hat, wie diese
zu nutzen sind und wie diese zu schützen sind.
Gerade beim Thema Callcenter ist dies von zentraler Bedeutung. Werden dem
Callcenter die Daten tatsächlich übergeben, so müssen sinnvolle Verträge
ausgearbeitet und Kontrollen durchgeführt werden. Erhalten die
Callcenter-Mitarbeiter Fernzugriff auf die Daten im Kundenunternehmen, so
müssen Zugriffsrechte genau definiert und technisch umgesetzt werden.